11. April 2018

Seit 15 Jahren begleitet der Filmemacher Martin Keßler Demonstrationen mit der Kamera. Bei einem Besuch der Ausstellung „Power to the People“ haben wir mit ihm über Demokratie, Demonstrationsausrüstungen und die Symbolkraft von Kunst gesprochen.

Von Sylvia Meilin Weber

Martin Keßer trägt Jeans, Karohemd und Brecht-Brille. Seine 64 Jahre sieht man ihm nicht an. Und fit sein muss er auch, denn er begibt sich immer wieder von Neuem in Gefahr: Seit 2003 begleitet der Frankfurter Filmemacher und Fernsehjournalist für sein Langzeitprojekt neueWut Demonstranten mit der Kamera, angefangen mit den Protesten gegen Hartz IV und Agenda 2010, über Pegida Demonstrationen bis zum Widerstand gegen einen Großstaudamm in Brasilien und den G20-Gipfel in Hamburg. Gezeigt werden die Filme mittlerweile hauptsächlich in Kinos, Theatern und bei Festivals. Anschließend finden oft Diskussionsrunden mit dem Publikum statt. Keßler kennt sich also mit Protest aus und damit, was die Menschen bewegt und auf die Straße treibt.

Seine aktuellste Dokumentation „Reise in den Herbst – alles wie gehabt oder Zeitenwende?“ beschäftigt sich mit dem neuen Rechtspopulismus in Europa. Ob wir kurz vor einer Zeitenwende stehen, fragt sich auch, wer Guillaume Bijls „Wahlkabinenmuseum“ in der Ausstellung „Power to the People“ betritt: Die Installation besteht aus originalgetreuen Rekonstruktionen von Wahlkabinen aus verschiedenen Ländern – spärlich ausgeleuchtet vor dunklen Wänden. Werden Wahlkabinen bald nur noch ein Relikt aus der Vergangenheit sein? „Ich glaube nicht“, sagt Keßler, „man muss nur nach Russland schauen, um zu sehen, dass selbst Autokraten wie Putin den Anstrich von Legitimität brauchen. Deshalb wird es bestimmt immer Wahlen geben. Interessanter ist doch die Frage: Was steht zur Wahl?“

Ein eingeschlafenes Kabinett

Keine besonders attraktiven Optionen, scheint es, wenn man Adelita Husni-Beys Gemälde „The Sleepers“ betrachtet: Zu sehen ist ein Konferenzraum, in dem Männer – alle in weißen Hemden und Anzügen – ihre Köpfe auf den Tischen abgelegt haben, die Arme hängen schlaff herab. „Ein eingeschlafenes Kabinett. Das erinnert mich an den Realitätsverlust der Regierenden“, sagt Keßler, „nehmen Sie zum Beispiel die Umweltkrise und die Rolle, die die Autoindustrie dabei spielt: Wie lange soll die Umweltzerstörung noch vorangetrieben werden, obwohl offensichtlich ist, dass die Folgen immer dramatischer werden?“

Interessanter ist doch die Frage: Was steht zur Wahl?

Martin Keßler

Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen sich einmischen, findet er: „Es genügt nicht, alle vier Jahre zur Wahl zu gehen. Ob Bürgerinitiativen oder Demonstrationen: Bei unseren Dreharbeiten haben wir beobachtet, dass Proteste in Wellen verlaufen. Es gibt Phasen, in denen ein Protest anschwillt. Und genau dann besteht die Möglichkeit etwas zu verändern. Für mich bedeutet Demokratie, dass Minderheiten zu Mehrheiten werden können.“

Gewappnet für den Protest

Ein paar Schritte von Adelita Husni-Beys Gemälde entfernt, gelangen wir in einen Raum, in dem die Videoinstallation „Preparation No. 1“ von Nasan Tur präsentiert wird. In sechs parallel laufenden Projektionen ist ein Mann zu beobachten, der schnell und routiniert in einer Werkstatt Vorbereitungen für eine Protestaktion trifft. Ketten werden verpackt, Karten markiert, Megafone getestet.

Ausstellungsansicht Schirn Kunsthalle Frankfurt, Martin Keßler, Foto: Esra Klein

Gute Vorbereitung ist ein Muss: „Diese Arbeit zeigt, dass auch das Körperliche eine wichtige Rolle beim Protest spielt. Viele schreiben sich zum Beispiel die Telefonnummer eines Anwalts oder einer Person, die im Notfall informiert werden soll, auf die Hand. Auch ich, als Beobachter, muss mich vorbereiten. Wenn ich bei Demonstrationen filme, ziehe ich bestimmte feste Schuhe an. Manchmal nehme ich auch einen Helm mit. Beim G20-Gipfel in Hamburg wurde ich, obwohl ich gut sichtbar ein großes Presseschild an meine Kleidung geheftet hatte, einfach von einem Pulk Polizisten überrannt. Ich trug einen Rucksack, fiel platt wie ein Käfer auf den Rücken. Reines Glück, denn mein Rucksack hat mich wie ein Airbag geschützt, sodass mir nichts passiert ist“, erzählt Keßler.

Aufrüsten oder ausrüsten?

In den 15 Jahren, seitdem er Filme über Protestbewegungen dreht, hat Keßler einige Veränderungen beobachtet: „Es gibt eine Tendenz zur Aufrüstung. Die Polizei ist technisch immer besser ausgerüstet, die Videoüberwachung steigt an. Ob beim G20-Gipfel oder bei Protesten in Frankfurt: Es ist auch immer Strategie der Polizei durch massive Präsenz und zum Teil ein martialisches Auftreten abzuschrecken. Ein Effekt davon ist, dass viele Menschen nicht mehr demonstrieren, weil sie damit rechnen müssen, dass es heftig zur Sache geht oder sie gefilmt werden.“

Für mich bedeutet Demokratie, dass Minderheiten zu Mehrheiten werden können.

Martin Keßler
Ausstellungsansicht Schirn Kunsthalle Frankfurt, Martin Keßler, Foto: Esra Klein
Ausstellungsansicht Schirn Kunsthalle Frankfurt, Martin Keßler, Foto: Esra Klein

Keßlers Vorschlag für den Fall, dass sich die Fronten zwischen Demonstranten und der Staatsgewalt weiter verhärten: „Vielleicht sollte man über andere, kreative Formen des Protest nachdenken“. Die Künstlerin Marinella Senatore hat das bereits getan und ein „Protest Bike“ geschaffen. Ein Fahrrad, ausgestattet mit Megafonen, Fahnen und einem Slogan-Screen, das als offene Plattform für Protest dient. Bei anderen Ausstellungen konnte es kostenlos gebucht werden. Während der Fahrt mit dem Bike durfte dann jede Parole skandiert werden, die dem Ausleiher wichtig war.

Räume für Utopien

Dass Kunst eine Form des Protests sein kann, zeigt auch die Videoarbeit „Ballerinas and Police“ von Halil Altindere. Darin leisten Balletttänzerinnen zur Musik von Tschaikowskys „Schwanensee“ tanzend Widerstand gegen schwer bewaffnete Polizisten. „Kunst kann entwaffnen, weil sie Freiräume schafft. Und gerade in Zeiten wie diesen braucht es Räume für Utopien“, sagt Martin Keßler.

Marinella Senatore, Protest Bike, 2018, Installationsansicht "Power to the People. Politische Kunst jetzt", © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2018, Foto: Norbert Miguletz

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