16. Juni 2014

Die Kamera als ständiger Begleiter: Die SCHIRN zeigt ab 27. Juni die bislang umfassendste Ausstellung zum Phänomen und der Ästhetik der Paparazzi-Fotografie in Deutschland.

Mit „Paparazzi! Fotografen, Stars und Künstler" präsentiert die SCHIRN ab dem 27. Juni 2014 die bislang umfassendste Ausstellung zum globalen Phänomen und der Ästhetik der Paparazzi-Fotografie in Deutschland. Rund 600 Arbeiten und Dokumente spüren der ungebrochenen Faszination für Starfotografie nach und spiegeln zugleich ihren Einfluss auf die Bildende Kunst und die Modefotografie wider. Gezeigt werden „Ikonen" der Paparazzi-Fotografie, die sich fest in das Bildgedächtnis eingebrannt haben, darunter Jackie Kennedy-Onassis beim scheinbar ungezwungenen Spaziergang durch Manhattan, Lady Di auf der Flucht vor dem Blitzlichtgewitter oder die jüngeren „Lieblinge" der Paparazzi wie Paris Hilton oder Britney Spears.

Neben Arbeiten der berühmtesten Vertreter der Paparazzi-Fotografie wie Ron Galella, Pascal Rostain und Bruno Mouron oder Tazio Secchiaroli zeigt die Überblicksausstellung künstlerische Positionen u. a. von Cindy Sherman, Gerhard Richter, Andy Warhol, Barbara Kruger, Paul McCarthy und Richard Avedon, die in kritischer Auseinandersetzung die spezifischen Charakteristika der Paparazzi-Ästhetik ausgelotet und ergründet haben. Konzipiert und organisiert vom Centre Pompidou-Metz erzählt die Ausstellung anhand von Fotografien, Videos, Gemälden, Skulpturen, Arbeitsgegenständen, Dokumenten u. v. m. Geschichten aus über 50 Jahren Paparazzi-Fotografie und nimmt den Paparazzo dabei selbst ins Visier.

Die in drei Kapitel gegliederte Präsentation legt den Fokus auf eine zu gleichen Teilen bewunderte wie gefürchtete Berufsgruppe, die durch das zumeist heimliche Verfolgen und Belauern berühmter Persönlichkeiten ihre Existenz sichert und die Boulevardmedien zu einem der umsatzstärksten Bereiche im Pressesektor gemacht haben -- immer auf der Suche und mit dem Ziel, Ungeahntes, vermeintlich Vertrauliches und Privates exklusiv zu veröffentlichen. Dabei offenbart die Ausstellung auch die komplexen Beziehungen und Abhängigkeiten, die sich mitunter zwischen Star und Fotograf entwickeln.

Diese Art der Fotografie fasziniert die Menschen

Die Geburtsstunde des heutigen „Paparazzos" ist das Jahr 1960, als in Federico Fellinis Film „La Dolce Vita" ein Fotoreporter namens „Paparazzo" auftritt, der Regisseur die Begriffsherkunft jedoch im Unklaren lässt. Geläufig sind verschiedene Versionen, darunter jene, dass Fellini die beiden italienischen Worte „pappataci" (kleine Mücke) und „ragazzo" (kleiner Junge) zu einem neuen Kunstwort verschmolz oder dass er seine Inspiration aus einem viktorianischen Reisebericht von 1901 bezog. Ungeachtet der Tatsache, dass der Fotograf namens Paparazzo im Film selbst nur eine Nebenrolle spielt, sind Figur und Begriff zu einem Synonym für aufdringliche und grenzüberschreitende Boulevard-Fotografie geworden. Es ist diese Art der Fotografie, die Menschen fasziniert und anzieht, der Sehnsucht nach dem Starkult ein Gesicht gibt und die Teilhabe am Leben anderer ermöglicht -- unter der Inkaufnahme, dass private oder intime Situationen keine solchen bleiben.

Der erste Abschnitt der Präsentation mit dem Titel „Fotografen" widmet sich dem Handwerk der Paparazzi, ihrer öffentlichen Wirkung und verdeutlicht die Entstehung eines modernen Mythos. Im Zentrum steht unter anderem eine Reihe historischer Aufnahmen, Schwarzweißaufnahmen, die den Erfindungsreichtum der Paparazzi bei ihrer oftmals ebenso delikaten wie riskanten Arbeit dokumentieren: darunter Fotografen, die sich in schwindelerregende Höhen begeben, oder solche, die ihre Kameras auf abgesägte Gewehrstümpfe schrauben, um das eine entscheidende Motiv zu schießen.

Der Star, der sich schützend die Hand vor das Gesicht

Mit dem zweiten Kapitel „Stars" illustriert die Ausstellung, wie sich die Aufmerksamkeit der Paparazzi alle paar Jahre auf ausgewählte besondere Persönlichkeiten konzentriert. Der Beruf des Paparazzos ist im Wesentlichen eine männliche Domäne. Seine Opfer jedoch sind bevorzugt weibliche Stars. Anhand der Geschichten von sechs weltweit bekannten Ikonen der Paparazzi-Fotografie -- Jackie Kennedy-Onassis, Brigitte Bardot, Elizabeth Taylor, Prinzessin Diana, Britney Spears und Paris Hilton -- von den 1960er-Jahren bis heute wird aufgezeigt, wie sich Stil und Tendenzen dieser Fotografie im Laufe ihrer fünfzigjährigen Geschichte verändert haben.

Der dritte Teil der Präsentation ist den Künstlern gewidmet. Die spezifischen Arbeitsumstände der Paparazzi produzieren eine ganz eigene Ästhetik, die von der Kunstwelt regelmäßig übernommen und thematisiert wird. So haben Eile und Improvisation in der Bildfindung Auswirkungen auf die Komposition. Der Star, der sich schützend die Hand vor das Gesicht hält oder obszöne Gesten in Richtung Kamera macht, ist heute Sinnbild medialer Übergriffigkeit. Seit den 1960er-Jahren hat diese Ästhetik zahlreiche Künstler von der Pop-Art bis hin zu zeitgenössischen Strömungen inspiriert, darunter Richard Hamiltons Arbeit „Release" (1972), die auf ein Paparazzo-Foto in einer britischen Tageszeitung zurückgeht und Mick Jagger in Handschellen auf dem Weg zum Gericht zeigt -- ein ursprünglicher Schnappschuss, der seine Signifikanz auch nach über 40 Jahren nicht verloren hat und bis heute als Inbegriff der Swinging Sixties gilt.