28. Februar 2014

Vasen bestückt mit frischen Blumen stehen säuberlich nebeneinander aufgereiht in der Tobias Rehberger-Schau "Home And Away And Outside". Was soll das?

Von Sabine Weier

Thaddeus Strode traf eine bescheidene Wahl, zwölf Gänseblümchen sollten es sein. Rirkrit Tiravanija hingegen mochte es pompöser, er entschied sich für 21 langstielige gelbe Rosen, 21 blau- und lilafarbene Iris und dazu noch 21 auf Stöckchen aufgespießte Kumquats. Sharon Lockhart fand einem Strauß weißer Geranien passend. Tobias Rehberger bat Künstlerkollegen, ihre Lieblingsblumen an seine Galerie zu schicken. Die Mitarbeiter stellten sie dann in von Rehberger entworfene Vasen, „Porträtgefäße“ nannte er sie, dabei sind bauchige, eckige, gläserne, extravagante, schlichte, quietschbunte, monochrome. Neun Blumen-Vasen-Sets entstanden in der ersten Runde für eine Ausstellung in der Galerie, später kamen weitere dazu. Das war in den Neunzigern. 20 Jahre später wirken Konzept und Formsprache so frisch wie damals.

Der Titel der Werkserie, „One“, mutet ironisch an, angesichts des ästhetischen Konkurrenzkampfes, den Blumen und Vasen austragen, und des heterogenen Bildes, das die Sets vermittelt. Das Porträt entfaltet sich zwischen Eigenem und Fremden, zwischen pseudoauthentischen Zügen und stilisierter künstlerischer Handschrift. Eigentlich ist das bei einem gemalten oder fotografierten Porträt nicht anders. Nur dass Rehberger eben die gängige Vorstellung von Repräsentation aushebelt. Charmant, subtil, witzig. Als Schüler von so humorbegabten Künstlern wie Martin Kippenberger und Thomas Bayrle wurde Rehberger der Witz sozusagen in die künstlerische Wiege gelegt. 

Was macht Kunst zu Kunst?

Vor weißem Hintergrund leuchten die Blumen-Vasen-Sets in gleißendem Licht. Sie oszillieren frech zwischen sakralem und banalem Objekt, zwischen Kunst und Alltagsdesign. Rehberger spielt mit dem Spannungsverhältnis der Disziplinen und bezieht sich neckisch auf den Genreklassiker Stillleben. Die Sets sind nicht beschriftet. Dass es sich um Kunst handelt, weiß der Betrachter vor allem, weil er sich in einem Ausstellungshaus befindet und gerade durch eine Rehberger-Schau schlendert. Eine Vase ist schon an sich ein Hybrid aus Gebrauchsgegenstand und Dekorationsobjekt. Rehberger interpretiert die Funktion mit dem Konzept des „Porträtgefäßes“ noch einmal um.

Was macht Kunst zu Kunst? Wie entsteht Kunst? Und wie wirkt sie in dem Raum, in dem sie präsentiert wird? Mit diesen Fragen setzt Rehberger sich in seinem Werk auseinander. Was Sockel und was Sitzmöglichkeit ist, ist bei der von Rehberger entworfenen Ausstellungsarchitektur nicht mehr unterscheidbar. Die Blumen-Vasen-Sets stehen unschuldig mitten drin, „Oh, wie hübsch!“ rufen einige Besucher. Warum auch nicht: Visuelle Reize haben durchaus ihre Berechtigung, das wird in einer übermäßig politisierten und konzeptualisierten Kunstwelt gerne mal vergessen.

Doch ganz ohne Diskurs wären die Sets wohl keine Rehberger. Auch der Kunstmarkt spielt mit rein in das Konzept, die Arbeiten sind einiges wert, weil ein erfolgreicher Künstler sie geschaffen hat. Er ist auch das verbindende Element der 1995 porträtierten Künstler: Sie alle hatten schon in der Galerie ausgestellt, für die Rehberger die Schau mit den „Porträtgefäßen“ zusammenstellte. Wolfgang Tillmans wählte damals rosa Rosen, recht kitschig. Spaß oder Ernst? Ob es sich tatsächlich um seine Lieblingsblumen handelt, ist ungewiss und auch egal. Rehberger hinterfragt in dieser Werkserie neben Funktionalität und Repräsentation eben auch unsere Vorstellung von Identität. Er selbst hat sich übrigens auch im Kreise seiner Kollegen porträtiert: Er wählte pinke, orange und rote Gerbera und steckte sie in eine Kristallvase.