01. August 2013

Mit seiner Serie „East of Eden“ antwortet Philip-Lorca diCorcia auf die USA der Gegenwart. In der SCHIRN werden die in Landschaften und Innenräumen inszenierten Momente jetzt erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Von Sabine Weier

Zwei Rassehunde haben es sich auf einem Teppich gemütlich gemacht. Sie sind so weiß und gepflegt wie das Luxusapartment, in dem sie sitzen und einen Porno schauen. Der Film läuft auf einem Flachbildfernseher, darunter züngeln Flammen in einem in die Wand eingelassenen Kamin. Ein muskulöser nackter Mann, dessen Hintern in Richtung Kamera zeigt, penetriert auf diesem Bildschirm gerade eine Frau, von der lediglich die in Strapse gehüllten Waden und die in die Luft geworfenen Absatzsandalen zu sehen sind. Es handelt sich um das Wohnzimmer eines Anwesens in einer beliebten Feriengegend nördlich von New York City, „The Hamptons“, so lautet auch der Titel der 2008 entstandenen Arbeit des Fotografen Philip-Lorca diCorcia.

Längst jenseits von Eden

Vielleicht – so mutmaßt der britische Autor Goeff Dyer in einem Essay zu diCorcias Bildwelten – hoffen die Hunde, diese menschlichen Wesen gingen irgendwann zur Hundestellung über. Was wirklich in den Vierbeinern vorgeht, bleibt geheim, der Betrachter muss sich die Geschichte zu diesem Bild selber spinnen. Mit Leerstellen arbeitet der US-amerikanische Künstler in all seinen Werken. Sprungbretter für mögliche Deutungen liefern seine Titel: „East of Eden“ heißt diCorcias neue Serie, zu der auch „The Hamptons“ (2008) gehört. Damit spielt er auf einen gleichnamigen Film aus dem Jahr 1955 an. Hollywood-Regisseur Elia Kazan adaptierte für „Jenseits von Eden“, so der deutsche Titel der Familiensaga, eine Roman-Vorlage von John Steinbeck und besetzte eine der Hauptrollen mit James Dean. Motive, die sich mit dem zitierten Film aufdrängen, wie der amerikanische Traum von der Selbstverwirklichung oder die Ikonen Hollywoods, sind in diCorcias Serie nur noch Schatten der Vergangenheit.

Kennen muss man den Film aber nicht, um sich unter dem Titel etwas vorstellen zu können: das Paradies, den Verlust der Unschuld, die Geburt von Gut und Böse. DiCorcia knüpft mit seiner Serie an das christliche Imaginäre und zahlreiche Darstellungen der Kunstgeschichte an, etwa an die Gemälde von Hieronymus Bosch oder Lucas Cranach dem Älteren. Dort locken üppige Apfelbäume, Adam und Eva tragen Feigenblätter vor der Scham, friedliche Hirsche und Rehe hüpfen umher. Bei Bosch entfaltet sich eine bezirzende Fantasielandschaft mit Elefanten und Giraffen. Eine harmonische Welt, die nur so lange existieren kann, bis Adam und Eva die verbotenen Früchte vom Baum der Erkenntnis pflücken. Einen üppigen Apfelbaum hat auch diCorcia in seine Serie eingereiht. Doch seine Protagonisten befinden sich längst jenseits von Eden, in einem Amerika, in dem die Nationalmaxime „In God We Trust“ nur noch als Schablone dient.

Einst Ort der Hoffnung für Einwanderer aus der ganzen Welt, sind die USA heute vor allem Ort der Wirtschaftskrise, der Angst, Ort innenpolitischer Stagnation und außenpolitischer Misserfolge. Die Landschaft, durch die diCorcias Cowboy in „Sylmar, California“ (2008) trottet, ist karg, trocken, abgebrannt. Das Bild zitiert und kontrastiert den energischen, nur eine Staubwolke hinter sich herziehenden Marlboro-Cowboy, den Richard Prince in den 1980er-Jahren von Werbeplakaten der Zigarettenmarke abfotografierte. Auch „Lacy“ (2008), eine verschmitzt lächelnde Blondine, schreitet durch eine trostlose Landschaft. Im Vordergrund steht ein schwarzer Baum, der kein einziges Blatt mehr trägt. 

Apokalypse statt Paradiesgarten

An ihrem Küchentisch präsentiert diCorcia „Lynn und Shirley“ (2008), einen afroamerikanischen Adam und eine weiße Eva. Das Paar evoziert Bilder von Rassismus in den USA – nur im pseudoparadiesischen Zustand sind keine Unterschiede sichtbar. Und dann ist da noch „Iolanda“ (2011), eine ältere Dame, die in einem New Yorker Luxushotel auf dem Bett sitzt und aus dem riesigen Fenster auf Hochhäuser starrt, die wie Mahnmale für alten Wohlstand und neuen Terror stehen. Im Fernsehen droht die Aufnahme eines gewaltigen Wirbelsturms mit einem Endzeitszenario: Apokalypse statt Paradiesgarten.

Der Beginn der Finanzkrise sei ihm wie ein Verlust der Unschuld vorgekommen, sagte diCorcia in einem Gespräch mit dem ArtMag der Deutschen Bank. Es habe zwei Regierungen gedauert, bis klar geworden wäre, dass der Irak-Krieg auf einer Lüge basiere und es unmöglich sei, Afghanistan zu transformieren. Hinzu kämen Naturkatastrophen neuen Ausmaßes und immer mehr Obdachlose, er habe den Drang verspürt, darauf zu antworten. „East of Eden“ ist diCorcias bisher politischste Serie, das Bilderbuch einer Welt, in der niemand jemals mehr so unschuldig sein kann wie die beiden Rassehunde, die zuschauen, wie Adam und Eva die Feigenblätter von sich werfen.