12. Januar 2015

Pop Art in deutschen Städten, Teil 2: Berlin macht Anfang der Sechziger erst zögerliche Anstalten, wieder einen Platz auf der Landkarte der internationalen Kunstproduktion einzunehmen.

Von Sabine Weier

Das Düsseldorfer Beben der von Gerhard Richter und Co proklamierten deutschen Pop Art aka Kapitalistischer Realismus ist so gewaltig, dass die neue Kunstrichtung bald bis ins entlegene West-Berlin schwappt. Die Stadt ruht wie eine Insel inmitten des sozialistischen Ostens und macht Anfang der Sechziger erst zögerliche Anstalten, wieder einen Platz auf der Landkarte der internationalen Kunstproduktion einzunehmen. Aus dem Rheinland macht sich René Block auf ins geteilte Berlin. Was er vorfindet, ist eine gigantische Kunstbrache, die noch vom Nachhall der Zehner und Zwanziger, der Zeit der Dadaisten und Expressionisten zehrt. „Die Kunstszene der Stadt schien mir in selbstgefälliger postexpressiver Mittelmäßigkeit zu verharren", erinnert sich Block in einem Gespräch mit Lea Schleiffenbaum im Katalog zur Ausstellung "German Pop".

Bei der großen Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes im Frühjahr 1964 in Berlin -- die Werke sind in der Akademie der Künste, der Hochschule für bildende Künste und dem Haus am Waldsee installiert -- sieht Block Arbeiten aus Düsseldorfer Szene: „Die Werke dieser Künstler waren einfach frech. Das Innere eines Automaten, von Kuttner mit Leuchtfarbe angestrichen, Bilder mit Fußballspielern von Lueg, abgemalte Schwarz-Weiß-Fotos von Richter oder Bilder aus abgerissenen Plakaten von Vostell -- das waren neue Bild-Botschaften", sagt Block. Sigmar Polke studiert noch als Meisterschüler in Düsseldorf, durch Gerhard Richter und Konrad Lueg lernt Block auch dessen Arbeiten kennen. Nach Berlin folgt Block sein guter Freund KP Brehmer, nachdem der sein Studium an der Düsseldorfer Akademie abgeschlossen hat. Später kommt auch Wolf Vostell nach.

Gerade mal 22 Jahre alt ist Block, als er 1964 im Stadtteil Schöneberg zuerst das Grafische Cabinet René Block und später eine Galerie eröffnet. Seine erste Ausstellung dort trägt den Titel „Neodada, Pop, Décollage, Kapitalistischer Realismus". Würde man noch Fluxus dazunehmen, hätte man eine wunderbare Aufzählung dessen, was die Arbeiten beeinflusste, die zu dieser Zeit im Umkreis der Düsseldorfer entstehen. Es ist ein heterogenes Feld der Kunstproduktion, das durch Figuren wie René Block zusammengehalten wird. In Blocks Ausstellung sind Werke von KP Brehmer, Herbert Kaufmann, Wolf Vostell, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Konrad Lueg, dem Berliner K. H. Hödicke und anderen zu sehen. Es folgt noch eine Einzelausstellung Gerhard Richters mit dem Titel „Bilder des Kapitalistischen Realismus".

„Es gab absolut kein Kapital, nur den Willen, in der Frontstadt Berlin zu demonstrieren, dass es eine andere Form von Kunst gab"

Block kuratiert weitere Schauen mit Düsseldorfer Künstlern, auch Joseph Beuys ist regelmäßig dabei. Es ist die Zeit der provokativen Gesten, Aktionen und Happenings. Block lädt die Rheinländer regelmäßig zu Soireen nach Berlin ein. Heute sei er selbst erstaunt, sagt Block, wenn er an diese ersten Jahre zurückdenke: „Es gab absolut kein Kapital, nur den Willen, in der Frontstadt Berlin zu demonstrieren, dass es eine andere Form von Kunst gab." Deutsche Sammler interessieren sich damals vor allem für die US-amerikanische Pop Art. Später wird Block in New York eine Galerie eröffnen. Beuys' legendäre Aktion „I like America and America likes me", für die er sich ein paar Tage lang mit einem Kojoten einschließen lässt, ist die erste Schau dort.

Die deutsche Variante der Pop Art ist politischer als ihre Pendants aus den USA und Großbritannien. Angegriffen wird die Wohlstandsgesellschaft, die Verdrängung der Nazivergangenheit, die Wiederbewaffnung unter Adenauer und vieles mehr. 1965 zeigt Block die Ausstellung „Hommage à Berlin". Die beteiligten Künstler setzen sich mit ihrer Beziehung zur geteilten Stadt auseinander. Vostell etwa schafft eine Arbeit zu dem an der Mauer ermordeten Peter Fechter. Der humoristische Polke hingegen entscheidet sich für ein Rasterbild mit Pfannkuchen. 1967 organisiert Block die Ausstellung „Hommage à Lidice". Die Schau ist als Geschenk an das Museum im tschechischen Lidice konzipiert. Das Dorf war 1942 Ziel einer Vergeltungsaktion der Nationalsozialisten, die Bewohner wurden brutal massakriert oder in Konzentrationslager deportiert. Richter steuerte sein berühmtes Bild „Onkel Rudi" bei, das seinen Onkel in Wehrmachtsuniform zeigt. Damit thematisiert Richter, was viele Deutsche in den Sechzigerjahren erfolgreich verdrängten: die Schuld in der eigenen Familie.

Kurz, bevor das denkwürdige Jahr 1964 zu Ende geht, zeigt die Berliner Akademie der Künste die erste große Überblicksschau zu Pop Art in Deutschland unter dem Titel „Neue Realisten & Pop Art". Die Akademie hat die Schau vom Gemeentemuseum in Den Haag übernommen, deutsche Künstler sind nicht vertreten, sondern vor allem Kunst aus den USA und Großbritannien. Block verteilt zur Eröffnung Handzettel mit der Frage: „Zählen Sie bitte nach, wie viele deutsche Künstler in dieser Ausstellung fehlen". 1971 gibt er die Mappe „Grafik des Kapitalistischen Realismus" mit Werkverzeichnissen von Richter, Vostell und Co heraus. Die Publikation markiert das Ende der Bewegung, aber auch den Anfang neuer Kapitel der deutschen Kunstgeschichte, die fortan ohne den Kapitalistischen Realismus aka deutsche Pop Art nicht mehr zu denken ist.