08. April 2015

Vom Schönheitssalon in Los Angeles in die ganz großen Ausstellungshäuser der USA verläuft der Weg von Mark Bradford, dessen großformatige Malereien und Collagen einiges mit den Affichisten gemeinsam haben.

Von Katharina Cichosch

In einem Alter, in dem andere aufstrebende Künstler in Spe schon ihren Weg in die Galerien und Sammlungen der großen Städte planen, steht Mark Bradford im Schönheitssalon seiner Mutter in Leimert Park, einer berühmten afro-amerikanischen Neighbourhood im Süden von Los Angeles, und föhnt die Haare der Kunden. Hier wird Bradford 1961 geboren, hier lebt er bis zu seinem elften Lebensjahr, bevor er mit seiner Mutter umzieht; in den Salon kehrt sie trotzdem täglich zum Arbeiten zurück. Erst mit 30 Jahren schreibt sich der heute mehrfach preisgekrönte Künstler am California Institute of the Arts ein, sieben Jahre später schließt er sein Kunststudium ab. Davor gab es andere Dinge zu tun -- Partys feiern, zum Beispiel: Das Aufwachsen in den 80er-Jahren, diesem Jahrzehnt zwischen grenzenlosem Hedonismus und ständig lauerndem Tod, in dem AIDS ins Massenbewusstsein rückt, übte einen starken Einfluss auf den jungen Afro-Amerikaner aus, der sich als Homosexueller keine Illusionen machen wollte: „Es war sehr ein ´Die schlechten Leute bekommen diese Krankheit`, und die schlechten Leute waren eben Schwule, Außenseiter, Leute, die sich keine Gedanken um Regeln machten. Also dachte ich: Nun, das wäre also ich, " beschreibt er das todessehnsüchtige Jahrzehnt, in dem die Immunschwäche zur Seuche wird, in einem Interview mit dem Zoo Magazine.

Das nächste Jahrzehnt steht unter einem anderen Stern -- Mark Bradford lässt die Clubs und Bars hinter sich und schreibt sich an der Kunsthochschule ein. Und obwohl er sich nie eine Karriere als Künstler ausgemalt hatte, scheint dieser Weg doch nur folgerichtig: Gezeichnet hat Bradford schon immer, im Grundschulalter entstehen die ersten kleinen Filme, und im Schönheitssalon seiner Mutter trafen sich Freunde und Bekannte, die sich mit phantasievollen Kostümen eigene Identitäten schafften -- eine Parallele vielleicht zur Ballroom Culture der afro-amerikanischen Gay Community in New York. Mit dem Studium kommt quasi nachträglich der theoretische Unterbau zur Lebenspraxis, zu den Beobachtungen, die Bradford in seinem Alltag als Afro-Amerikaner und als Homosexueller machte. Seine ersten Arbeiten, die öffentlich ausgestellt werden, beschäftigen sich noch recht direkt mit den Fragen von Rasse und Klasse -- so kreiert Bradford 2002 eine begehbare Installation namens „Foxyé Hair", in dem Besucher sich frisieren lassen können; eine Hommage an den Schönheitssalon, in dem er so viele Jahre gearbeitet hatte, und zugleich eine Beschäftigung mit den vornehmlich weißen Schönheitsnormen, denen viele Afroamerikanerinnen im Wunsch um glattes Haar nacheifern.

Die Stadt als abstraktes Gebilde

Als erklärter Anhänger der Abstraktion entfernt sich Mark Bradford allerdings nicht nur formal, sondern auch thematisch bald von eindeutigen Zuordnungen. Bekannt wird er für seine großformatigen Arbeiten, die sich sowohl den Mitteln der Malerei wie auch der (Dé)-Collage bedienen und die Bradford schnell riesige Aufmerksamkeit bescheren. Ganz ähnlich wie einst die Affichisten nutzt Bradford das urbane Plakat als Ausgangspunkt und bearbeitet es so lange, bis nur noch wenig an seinen ursprünglichen Zustand erinnert. Manchmal zerkratzt der Künstler seine Plakatschicht so lange, bis sie nur noch ein abstraktes Netz aus Linien darstellen -- Linien und Vezweigungen, die fast unweigerlich Assoziationen an kartografierte Metropolen, insbesondere an das quasi Zentrum-lose und von Bradford so geliebte Los Angeles, hervorrufen. In anderen Arbeiten lässt Bradford einzelne Details wie Schriftzüge oder einen Basketball herausstechen. Auf dieser Grundlage entwickelt Bradford visuell komplexe Bilder, die aus zahlreichen Ebenen und mit den Mitteln von Collage, Décollage und Malerei geschaffen werden. Sie funktionieren wie urbane Erzählungen, die ihren Ausgangspunkt, die Stadt, immer wieder freilegen -- nur, um sich im nächsten Moment einer allzu bildlichen Sprache wieder zu entziehen.

Mark Bradford ist Mitte 40, als er erstmalig die Aufmerksamkeit erlangt, die seine künstlerische Arbeit -- wenn man im Kunstbetrieb überhaupt so eine Kategorie wie Gerechtigkeit einführen möchte -- verdient hat. Seinen Bildern merkt man die Erfahrungen und Widersprüche deutlich an, die ein Leben jenseits der vielfach längst nach bester Marketingmanier durchorganisierten Künstlerkarriere mit sich bringt. In seiner Entscheidung für die Abstraktion sieht Bradford auch ein emanzipatorisches Moment -- denn diese Bildsprache, so der Künstler im selben Interview mit dem Zoo Magazine, sei eben ursprünglich eine durch und durch weiße gewesen. Indem er sich eben diese aneignet, befreit er sich von den vermeintlichen Begrenzungen eines afro-amerikanischen Künstlers, die häufig eben nicht nur von außen aufgezwungen sind, sondern gleichzeitig vielfach auch als positives identitätsstiftendes Moment selbst angenommen werden.

Und während Bradford die eigene Position innerhalb der unterschiedlichsten Gesellschaften und Kosmen, in der Gay Community wie in der Black Community, in den USA wie im Kunstbetrieb, immer wieder hinterfragt und sich eindeutigen Zuordnungen erfolgreich entzieht, erzählen seine beeindruckenden Bilder urbane Geschichten, die bewusst viel Raum für Interpretationen lassen -- der nur umso größer wird, wenn man die oft narrativen Titel wie „Bread and Circuses" oder „A Truly Rich Man is One Whose Children Run into His Arms Even When His Hands Are Empty" hinzunimmt. Neben Malereien, Installationen, Skulpturen und Filmen arbeitet Mark Bradford auch an der Schnittstelle zwischen sozialem Engagement und Kunst: In Leimert Park, seiner alten Nachbarschaft, hat der inzwischen mehrfach preisgekrönte Künstler zusammen mit Eileen Harris Norton und Allan Dicastro „Art + Practice" begründet, eine Initiative, die jungen Pflegekindern den Übergang ins Erwachsenenleben durch Kunstprojekte, aber auch durch die Vermittlung ganz handfester Fähigkeiten erleichtern soll. Er selbst ist ebenfalls oft vor Ort: Als seine Mutter in den Ruhestand geht, übernimmt Bradford ihren Schönheitssalon und macht ihn zu seinem Atelier.