18. Mai 2017

Kaum jemand weiß, dass René Magritte ein großer Freund des Films war und sich privat eifrig und durchaus sehenswert mit der Filmkamera austobte.

Von Daniel Urban

Dass das Medium Film mehr zu bieten hat als bewegte Bilder und Klang zu einer konventionellen Narration zu verweben, wie auch immer geartet amüsant, berührend oder sonst wie gelungen sie sein mag, wird demjenigen klar sein, der sich ab und an auch abseits der großen Kinoketten oder Streaming-Dienste umschaut. Seit den Anfangstagen der Kinematographie versuchten Filmemacher immer wieder, die dem Medium eigenen Ausdrucksmöglichkeiten auszureizen und über das hinauszugehen, was Alfred Hitchcock einmal abschätzig das „fotografieren sprechender Köpfe“ nannte.

Der Surrealismus war die erste geistige Strömung ihrer Art, die sich von Beginn an auch dem Medium Film mit dessen umfangreichen Möglichkeiten widmete. Mit „Un chien andalou“ von Salvador Dalí und Luis Buñuel oder Buñuels „L’Âge d’Or“ wurden wichtige Werke der Bewegung auch auf Film materialisiert: Bedenkt man jene explizit filmischen Handwerkszeuge wie Schnitt und damit einhergehend die Zeitverknappung oder -dehnung, Mise en Scène (also das In-Szene-setzen) oder diverse technische Bearbeitungen wie Filter, Doppelbelichtung oder Filmtricktechnik, erscheint dies angesichts der surrealistischen Kernthemen nur folgerichtig.

Film und Impulsivität

Wenngleich sich dem surrealistischen Filmemacher unzählige Optionen bieten seine Vorstellungswelten auf Filmmaterial zu bannen, büßt er bei jener Produktionsweise jedoch ein wichtiges Merkmal surrealistischer Arbeitsweise ein: die Spontanität. Machten sich die Surrealisten um André Breton beispielsweise noch die Technik des Écriture automatique, des „automatisierten Schreibens“, zu Nutze, um das Unbewusste möglichst ungefiltert zu Tage zu befördern, musste man bei der hochtechnisierten und produktionsaufwendigen Filmarbeit größtenteils auf solche Impulsivität verzichten.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, Magritte. Der Verrat der Bilder, 2017, Filmstill
Schirn Kunsthalle Frankfurt, Magritte. Der Verrat der Bilder, 2017, Filmstill

René Magritte erstand im Oktober 1956 eine Eumig C3, eine 8mm-Kamera österreichischer Produktion. In seinem Besitz befand sich des Weiteren eine Kodak Instamatic M6, mit der auch Super8-Filmmaterial belichtet werden konnte. Wenig bekannt wie erschlossen ist, dass der große Maler in den Jahren von 1956-1967 gut 40 Filme drehte, von denen über die Hälfte in den Jahren 1956/57 entstanden ist. Das Belgische Archiv für zeitgenössische Kunst ersteigerte diese 1987 aus dem Nachlass Georgette Magrittes‘ – einige sind heute im Brüsseler Magritte-Museum zu sehen. Die Filme tragen Titel wie „Ostende“, „Dialogue avec objets“, sind nach Freunden benannt oder lauten deskriptiv schlicht „Voyage en Israël en 1966“.

Grimassen für die Kamera

In der aktuellen SCHIRN-Ausstellung „Magritte – Der Verrat der Bilder“ werden nun vier Filme präsentiert: In „Masques“, „Le marchand d’art“ und „René“, allesamt Kurzfilme unter vier Minuten, sieht man Magritte selbst, seine Frau und Freunde beim Herumalbern, Verkleiden und Posieren. „Le marchand d’art“ zeigt Magrittes Wohnung, vollgestellt mit den eigenen Bildern, die einem älteren, skeptischen Herren offenbar zum Kauf präsentiert werden. In „René“ mehr vom gleichen und doch anders, keiner bestimmten Narration folgend, Aufnahmen vornehmlich von Magritte und Georgette, der Maler schneidet Grimassen für die Kamera, imitiert Hitler mit Seitenscheitel und Schnauzbart, erinnert an die großen Komiker der Stummfilmära, Chaplin und Keaton.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, Magritte. Der Verrat der Bilder, 2017, Filmstill
Schirn Kunsthalle Frankfurt, Magritte. Der Verrat der Bilder, 2017, Filmstill

Seine Frau posiert vor einem seiner Bilder, scheint einen Apfel aus jenem zu nehmen und diesen genüsslich zu verspeisen, immer wieder ein Schnitt auf einen schelmisch lächelnden Gartenzwerg, dann schließlich Magritte, der seinem geliebten Hund eine Zigarette vor die Schnauze hält. Hier macht sich ein Liebespaar eine gute Zeit, miteinander, mit Freunden; der Maler geht spielerisch, ohne falschen Respekt mit seinem eigenen Werk um, das in Ecken gestapelt in der Wohnung herumsteht und noch nichts vom heutigen Marktwert in sich zu tragen scheint.

Ein wichtiges Element

„Tuba (Interior)“ (1960) sticht ein wenig aus den anderen Filmen hervor – hier scheint zumindest lose mit einem Konzept gearbeitet worden zu sein und surrealistische Elemente treten stärker in den Vordergrund. Die titelgebende Tuba, die auch in einigen Bildern des Künstlers auftaucht, liegt hier im Bett einer jungen Frau, die aus dem Schlaf erwacht, dann eine Maske aufsetzt und schließlich auf dem Instrument spielt. Später wird Magritte ein Bild von einem typischen Fantômas-Schurken – Hauptfigur einer französischen Kriminalroman-Serie, die Magritte wie auch andere Surrealisten liebten – gestohlen, anstelle des Bildes findet er dann im Diebesversteck nur jene Tuba mit Maske. Weitere traummalerische und surrealistische Motive tauchen auf: So inszeniert Magritte sein bekanntes Bild „Les Amants“, anstatt des heterosexuellen Paares küssen sich hier jedoch zwei Frauen mit Tüchern auf dem Kopf innig.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, Magritte. Der Verrat der Bilder, 2017, Filmstill

Die Filme lohnen die Sichtung, zeigen sie doch einerseits Magrittes unverkrampften und spielerischen Umgang sowohl mit dem eigenen Werk als auch mit surrealistischen Grundthemen, die in seinen Bildern teilweise recht düstere Dimensionen erreichen. Andererseits gewinnen sie ein wichtiges Element surrealistischer Arbeitsweise zurück, das in den bekannten Filmerzeugnissen der Surrealisten fehlte: die absolute Spontanität, die dem Betrachter hier auch noch knapp 60 Jahre später entgegenweht.