11. Dezember 2014

Bühne, Bar, Gesamtkunstwerk: Die Geschichte des spektakulären Düsseldorfer Tanzlokals Creamcheese.

Von Marie Beckmann

"Suzy Creamcheese, honey, what's got into you?" In dem Lied "The Return of the Son of the Monster Magnet" (1966) seiner Band Mothers of Invention spricht Frank Zappa mit der Kunstfigur Suzy Creamcheese über Bewusstseinserweiterung und Nonsens. Nach experimentellen Klängen aus Pop, Jazz und Elektronik endet das Lied, getreu dem Titel des Albums "Freak Out", mit Lachen und Schreien: "CREAM ... cheese. CREAM-CHEESE! Cream, cream, cream ... CHEESE."

Günther Uecker, der sich 1961 der Düsseldorfer Künstlergruppe Zero um Otto Piene und Heinz Mack anschloss, reiste 1965 nach New York. Er lernte Zappas Live-Shows kennen und erlebte Andy Warhols "The Exploding Plastic Inevitable", ein multimediales Event in der Tradition des Expanded Cinema, bei dem die Band The Velvet Underground auftrat, Warhols Filme projiziert wurden und Stroboskoplicht blitzte. Uecker, der bereits in Düsseldorf mit der Zero Gruppe dynamische Elemente wie Licht, Bewegung und raumzeitliche Strukturen in sein Werk integrierte und sich der Kinetik zuwandte, kehrte mit der Idee eines konzeptionell gestalteten Tanzlokals aus New York zurück. Die experimentelle Zusammenführung von Licht, Ton, visuellen Effekten und Musik, die er in den spektakulären New Yorker Inszenierungen erlebte, sollten das Creamcheese in Düsseldorf prägen.

Gemeinsam mit dem Filmemacher Lutz Mommartz und dem Medienkünstler Ferdinand Kriwet konzipierte Uecker das Creamcheese, das im Juli 1967 in der Düsseldorfer Altstadt unter der Leitung des Gastronomenpaars Achim und Bim Reinert eröffnete. Der Ort war Bühne, Musikclub, Kneipe und, wie documenta-Leiter Arnold Bode es bemerkte, ein Gesamtkunstwerk zugleich. Unbegreiflich im besten Sinne. Denn betrat man das langgezogene Lokal, wähnte man sich zunächst in einem Ausstellungsraum: Im Eingang eine Wandtapete von Ferdinand Kriwet, neben der Garderobe ein Objekt aus konvexen Rundspiegeln des Künstlers Adolf Luther, ein "Mädchenbild" von Gerhard Richter über dem Podest aus Betonstufen, Konrad Fischer-Lueg montierte aufgeblasene Gummi-Enten an die Decke.

Heinz Mack gestaltete eine zwanzig Meter lange Bar, hinter der heute populäre Künstler wie Blinky Palermo und Katharina Sieverding Getränke ausschenkten. Auf zwei Regalen reihten sich 24 laufende Fernseher, die Live-Aufnahmen des Aktionsraumes zeigten. Dieser befand sich im hinteren Teil des Lokals, es fanden Konzerte legendärer Bands wie Can und Kraftwerk und Aktionen von Joseph Beuys oder Valie Export statt. Aber auch für Theateraufführungen, DJ-Auftritte oder avantgardistische Modenschauen stand der Raum zur Verfügung. "Jeder soll hier tun können, was er will. (...) Aktionsraum, das heißt: er hat die Freiheit, sich selbst zu realisieren," sagte Uecker in einem Zeitungsinterview über die Idee des Raums.

"Pop," so der Autor Uwe Husslein, "barg das große Versprechen, seine jeweiligen künstlerischen Ideen nun auch jenseits der etablierten Vertriebsformen von Galerien und Museen, Stadtbibliotheken und Buchhandlungen einem großen Publikum vermitteln zu können." Pop stand demnach gleichermaßen für eine Öffnung, eine Demokratisierung der Kunst, wie auch für eine Verflechtung ihrer Genre und eine Negierung ästhetischer Kategorien und Hierarchien. Auch der tradierten Vorstellung, die Wahrnehmung von Kunst sei eine individuelle, singuläre Erfahrung, wird im Creamcheese ein neues Konzept entgegengestellt. Nun soll sich das Publikum gemeinsam einer Situation hingegeben, die alle Sinne beansprucht: "In diesem Prozess entstand eine Körperschaft, ein Kollektiv, das sich gebärdend, tanzend und agierend eine dynamische Skulptur (...) bildete," so Günther Uecker.

Doch Kunst ist nicht nur kollektiv: Kunst ist Information und Kunst ist Unterhaltung. Dies proklamierten Ferdinand Kriwet und Günther Uecker in ihrem Creamcheese-Manifest, das 1968 anlässlich der Veranstaltung "Cheese take off" gedruckt wurde. Mit dem Appell "Kommen Sie Gehen Sie Seien Sie Selbst" forderten die beiden Künstler abermals Autonomie und Selbstbestimmtheit.

Uecker und Kriwet betonen in ihrem Manifest auch die Relevanz moderner Medien: "Kunst der Gegenwart braucht Informationsträger der Gegenwart." Museum, Schauspielhaus und Konzertsaal werden obsolet. Zeitung, Radio, Schallplatten, Lichtprojektionen, Diskotheken und Festivals hingegen können und sollen nun Träger einer neuen Kunst sein. Ferdinand Kriwets Arbeiten stehen exemplarisch für jenes Experimentieren mit Medialität. Seine "Rundscheiben" vereinen Schrift und Bild - ein Text, kreisförmig angeordnet, hat weder Anfang noch Ende und keine vorgegebene Leserichtung, sodass die Betrachter selbst über den Inhalt entscheiden. Im Creamcheese wurden die "Rundscheiben" an die Decke und Wänden projiziert, oft überlagert von Dias und Lichteffekten.

Günther Ueckers Appell im "Creamcheese-Manifest" bringt das Konzept auf den Punkt: "wir sollten uns aus unseren gehäusen begeben, um unsere umwelt zu verwandeln." Es war ein Ort des Zusammenkommens und des Experimentierens. Als erster deutscher Club integrierte das Creamcheese intermediale Elemente und führte Skulptur, Aktion, Malerei, Theater und Musik in schwindelerregender Überlagerung zusammen. Als das Lokal in der Düsseldorfer Altstadt 1976 schließen musste, war das Creamcheese längst über die Grenzen des Rheinlands hinaus bekannt und wirkt mit seiner einzigartigen Progessivität bis heute nach.