02. April 2015

Die Geschichte von August Engelhardt ist die Tragödie eines gescheiterten Propheten. Der Romancier Christian Kracht macht daraus in seinem Roman "Imperium" eine vieldiskutierte Südsee-Komödie.

Von Philipp Hindahl

Unter den zahlreichen Lebensreformern um 1900 war #August Engelhardt sicher nicht die skurrilste Gestalt. Da gab es zum Beispiel den Lichtesser und Betrüger Erich Mittenzwey aus Berlin, der sich auf den Fidschiinseln niederließ, um sich ausschließlich von Licht zu ernähren. Engelhardt aber hatte größere Pläne, und er glaubte selbst daran. Er suchte nach der besten aller Welten in der Südsee, genauer auf der Insel Kabakon bei Neu-Guinea. Kaiser Wilhelm reklamierte für das Deutsche Reich einen "Platz an der Sonne" und wie viele Kolonisatoren zog es auch Engelhardt in die Südsee. 1902 kam er in Herbertshöhe -- so hieß die Hauptstadt des "Deutschen Schutzgebiets" -- an, und kaufte von einem Erbe die Insel Kabakon mitsamt einer Kokosnussplantage.

Alle Lebensreformer glaubten, auf die ein oder andere Art den Stein der Weisen gefunden zu haben. Engelhardt rückte die Kokosnuss ins Zentrum seiner Privatanthropologie und setzte sich damit tatsächlich deutlich von seinen Konkurrenten ab. In Engelhardts Lehre ist die Kokosnuss Ambrosia, die Speise der Götter. Wer sich nur lange genug exklusiv von Kokosnüssen ernährt, kann Gott und der Natur wieder ganz nahe kommen, weg von den Irrwegen der Moderne. Sonne und Kokosnüsse waren die Eckpfeiler seiner Südseekolonie. Aber erst einmal blieb er dort über ein Jahr lang allein.

Geplagt von der Einsamkeit, gründete er 1903 den Sonnenorden und schickte einen vierteljährlichen Rundbrief ins Kaiserreich, um Gleichgesinnte anzuziehen. Der erste angereiste deutsche Kokosjünger blieb nicht lange, denn nach nur einem Monat auf der kleinen Insel starb er an Malaria. Bald darauf zog der seinerzeit einigermaßen bekannte Konzertpianist Max Lützow nach Kabakon. Er schrieb in einem Leserbrief in der Zeitschrift Vegetarische Warte, er glaube fest daran, dass jeder, der in die Kokosnusskolonie kommt, dort auch bleibt. Makaber, denn wenig später starb er an Mangelernährung. Die Liste der geklärten und ungeklärten Todesfälle ließe sich fortsetzen. Die Mitglieder, die Lützow erfolgreich und werbewirksam auf die Insel gelockt hatte, wurden wieder weniger. Nur Engelhardt blieb, als würde er sich hartnäckig gegen die Vertreibung aus dem Paradies wehren.

Die Reise ins Herz der Finsternis

Engelhardt, mittlerweile auf 39 Kilo abgemagert und an Lepra erkrankt, wurde zu einer Attraktion. Aus den Jahren um 1910 gibt es zahlreiche Fotografien, die ihn, sichtlich ausgezehrt, mit Touristen auf der Insel zeigen. Ein australischer Kapitän fragte seine Offiziere, nachdem sie die Insel besucht hatte: "Ist er verrückt oder wir?" Das war kurz vor Engelhardts Tod, 1919.

Die Kokosnusskolonie wäre sicher längst vergessen, hätte nicht #Christian Kracht einen Roman über August Engelhardt geschrieben. An sich ist es gar nicht verwunderlich, dass jemand aus einer Biographie, die schon derart romanhafte Züge trägt, einen historischen Roman macht. Kracht bedient sich einer Art Rollenprosa: In manierierten Sätzen, die an Thomas Mann und die Erzählliteratur im frühen zwanzigsten Jahrhundert erinnern, berichtet ein allwissender Erzähler von Engelhardts Scheitern als morbide Dekadenzgeschichte. Mit Anklängen an klassische Kolonialromane inszeniert Kracht die Reise eines Theosophen ins Herz der Finsternis. Denn die Reise ans Ende der Welt erweist sich auch als Reise ans Ende der menschlichen Vernunft. So suggeriert es der Roman und sorgte damit für einen Skandal.Ein späterer deutscher Romantiker und VegetarierEin Kritiker tat sich in der Diskussion um Krachts Roman besonders hervor, indem er Kracht als Türöffner rechten Gedankenguts bezeichnete. Denn nicht nur scheint in Krachts Geschichte ein allwissender Erzähler zu sprechen wie ihn die imperialistisch geprägten Kolonialromane des 19. Jahrhunderts hervorbrachten. Es ist auch überhaupt nicht abwegig, das Kokosnussparadies August Engelhardts als ein arisches Arkadien zu lesen. Warum aber kann ein historischer Roman eine so heftige Debatte auslösen? Kracht wurde schon bei seinem letzten Roman eine elitäre Haltung vorgeworfen. Es hieß, er kultiviere das versnobte Image des literarischen Dandys, der ewige Tourist ohne moralische Skrupel. Die putzige Kolonialromantik, die aus einem Tim und Struppi oder einem Corto Maltese-Comic kommen könnte, verberge nur eine rassistische und elitäre Weltsicht, so der Vorwurf.

Diese Spuren legt Kracht freilich selbst: “So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.”

Der Roman ist durchsetzt von solchen Anspielungen auf den Faschismus, Kracht lässt seinen Helden allmählich einen totalitären Kleinstaat in der Südsee aufbauen, inklusive antisemitischer Paranoia. Das Netz, das Christian Kracht aus Referenzen in seinem Roman spinnt, greift aber weiter aus. Immer wieder tauchen auf höchst unwahrscheinliche Weise historische und literarische Personen in dem Roman auf: Der Kokosapostel begegnet Hermann Hesse in Italien, der sich aber kopfschüttelnd abwendet. Von Thomas Mann beim Nacktbaden in der Ostsee erwischt, wird Engelhardt angezeigt. Franz Kafka hat einen kurzen Auftritt als schmächtiger Student im Urlaub auf Helgoland.

Kracht lässt den Helden der Geschichte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs überleben und macht daraus eine Komödie. Engelhardt ist ein von der Geschichte vergessener, zäher Überlebender, aber vor allem eine komische Figur. Die Welt ist ihm fremd, und er ist der Welt fremd. Wie bei vielen der selbsternannten Propheten um die Jahrhundertwende trägt die Geschichte des echten August Engelhardt tragische Züge.