06. Juni 2018

In Vorbereitung für die Ausstellung “König der Tiere. Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika” ist Kuratorin Ilka Voermann nach Texas und in die Rocky Mountains gereist, und das an recht ungewöhnliche Orte.

Von Ilka Voermann

„An African Wildlife Collection by Wilhelm Kuhnert“ steht in großen Buchstaben vor dem Eingang der Portraits of the Wild Art Gallery des Zoos von Fort Worth, Texas. Obwohl es November ist, stehe ich im T-Shirt vor der Galerie, den im Gegensatz zu Deutschland sind die Winter in Texas recht warm. Grund für meinen ungewöhnlichen Zoobesuch ist die Vorbereitung der Ausstellung „König der Tiere. Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika“, die ab dem 25. Oktober in der Schirn zu sehen sein wird. Und auf der Suche nach Leihgaben hat es mich zunächst an diesen ungewöhnlichen Ort verschlagen. Denn die Portraits of the Wild Art Gallery ist kein Museum, sondern ein Veranstaltungsraum, der für Dinners, Bankette oder Cocktailempfänge, die inmitten von Kuhnerts Gemälden stattfinden, angemietet werden kann.

Wilhelm Kuhnert malte und zeichnete ab dem Ende des 19. Jahrhunderts vor allem afrikanische Tiere in den deutschen Kolonien in Ostafrika. Nur wenige Kunstmuseen, wie etwa das Rijksmuseum Twenthe in Enschede, haben seine großformatigen Tiergemälde gesammelt. Kuhnerts Werke sind heute vor allem in Privatbesitz oder naturhistorischen Sammlungen zu finden – oder eben im Zoo.

Tiergemälde vor Bambuswänden

Im Inneren des runden Galeriebaus hängen die Gemälde, Zeichnungen und Druckgraphiken auf mit Bambus verkleideten Wänden. Eine sehr ungewöhnliche Präsentation, die aber atmosphärisch gut zu Kuhnerts Gemälden passt. Die Sammlung, die zu den umfangreichsten weltweit gehört, wurde von F. Kirk Johnson sen. und seiner Frau Elizabeth „Bess“ zusammengetragen, wie mir ihre Enkelin Debbie Head erzählt, die ich vor Ort treffe.

Eingang zur Portraits of the Wild Art Gallery
Blick in die Portraits of the Wild Art Gallery

Johnson, Großwildjäger und zeitweise Präsident des Zoovorstands, reiste in den 1950er Jahren erstmals nach Afrika. Auf einem Zwischenstopp in London kauften er und seine Frau das erste Gemälde von Wilhelm Kuhnert ohne die afrikanische Natur und Tierwelt aus eigener Anschauung zu kennen. Nach ihrer Rückkehr waren beide verblüfft, wie genau Kuhnert die Stimmung und das Licht der afrikanischen Landschaft eingefangen hatte, wie ich im Gespräch mit Debbie Head erfahre. Nach Johnsons Tod 1963 stiftete seine Witwe dann einen Teil der Sammlung dem Fort Worth Zoo, dem Johnson Zeit seines Lebens eng verbunden war. Johnson hatte definitiv eine Vorliebe für Kuhnerts großformatige Gemälde, auf denen die Tiere fast wie „Leinwandhelden“ wirken. „Der Löwe“ und der „Kappernbüffel in der Steppe“ beeindrucken mich jedenfalls sehr und werden bald auch in Frankfurt zu sehen sein.

Zwanzig Grad weniger: Weiter geht‘s in die Rocky Mountains

Zwei Tage nach meinem Zoobesuch lande ich in Jackson, Wyoming. Schnee bedeckt die Gipfel der Rocky Mountains und es ist mindestens zwanzig Grad kälter als in Texas. Jackson ist nicht nur ein bekannter Ski- und Wanderort am Rande des Yellowstone Nationalparks, sondern beherbergt auch das weltweit einzige Museum, das auf künstlerische Darstellungen von Tieren spezialisiert ist. Das National Museum of Wildlife Art thront wie eine Festung oberhalb des Highways – Büffel- und Elchherden ziehen auf den umherliegenden Weideflächen vorbei.

Wilhelm Kuhnert, Löwe, ohne Datum, Fort Worth Zoo
Wilhelm Kuhnert, Kaffernbüffel in der Steppe, ohne Datum, Fort Worth Zoo

Anders als der Name des Museums vermuten lässt, werden in der Dauerausstellung nicht nur amerikanische Künstler, sondern Kunst aus aller Welt, von der Urzeit bis heute präsentiert. Kuhnerts Gemälde gemeinsam mit den Werken seiner Zeitgenossen Richard Friese, Carl Rungius und Bruno Liljefors, die wie er zu den „Big Four“ der Tiermalerei gehören, verdeutlichen mir noch einmal, wie sehr sich die hochspezialisierte Tiermalerei im 19. Jahrhundert weiterentwickelt hat. Anders als ihre Vorgänger beobachteten sie die Tiere nicht ausschließlich in Zoos, sondern studierten sie in der Natur, um ein möglichst realistisches Abbild ihres Lebensraumes und ihres Verhaltens schaffen zu können.

Akribische Studien der Tierwelt

Wie Kuhnert sind auch Friese, Rungius und Liljefors in Deutschland weitestgehend unbekannt, obwohl ihre Kunst im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert unglaublich populär und weit verbreitet war. Kuhnert gilt noch heute als einer der wichtigsten Vertreter der akademischen Tiermalerei. Umso spannender wird es, seine Werke im kommenden Herbst in der Schirn zu zeigen – und damit einen Aspekt der modernen Malerei, der heute fast vergessen ist.

Wilhelm Kuhnert, Elefanten, 1917, JKM Collection®, National Museum of Wildlife Art
Wilhelm Kuhnert, Zebra, ohne Datum, Foto: Jens Weyers
Wilhelm Kuhnert, Der alte Nachzügler, ohne Datum, Foto: Jens Weyers
Wilhelm Kuhnert, Afrikanische Löwen, um 1911, National Museum of Wildlife Art, Jackson, WY