14. Dezember 2016

Nicken und Winken sind typische Bewegungen, die Menschen ausführen ohne lange darüber nachzudenken. Aber was geschieht, wenn diese Gesten in einer digitalen Kunstperformance bis zur Absurdität ausgeführt und dekontextualisiert werden?

Von Joanne McNeil

Aufwachen. Mit den Augen blinzeln. Aufstehen. Strecken. Zähne putzen. Haare kämmen. Anziehen. Frühstück machen. Vorhänge zurückziehen. Tür öffnen. Tür schließen. Tür abschließen. Wir alle haben morgens eine Routine, die aus einfachen Handlungen und Bewegungen besteht – mal mehr, mal weniger. Und dabei habe ich eine Handlung ausgelassen, die immer häufiger vorkommt: Das Greifen nach dem Telefon. E-Mails checken. Kalender, Nachrichtenschlagzeilen, Tweets und Nachrichten verschiedener sozialer Medien checken. Wischen. Wischen. Wischen. Wischen. Das Telefon beiseitelegen. Wieder zur Morgenroutine zurückkehren. 

Im übertragenen Sinne kann sich das Wischen über ein Telefondisplay wie eine Geste der Entdeckung und des Eintretens anfühlen – ähnlich dem Öffnen einer Tür im realen Raum. Aber auf körperlicher Ebene bleibt dies eine minimale Bewegung. Beim Öffnen einer Tür ist der gesamte Arm beteiligt. Für das Wischen braucht es nur eine lässige Fingerspitze. Das Wischen über ein Display erfordert von einer Person kaum mehr als das Nicken mit dem Kopf oder das Blinzeln mit den Augen.

Wenn man für einen Mausklick über eine Hürde springen müsste

Dass die Gesten, die wir ausführen, um digitale Objekte auf einem Bildschirm in Bewegung zu versetzen, in Form stark komprimierter Körperbewegungen umgesetzt werden, ist keinesfalls überraschend. Selbst im engsten Flur, in der kleinsten Büroecke, auf dem Mittelsitz im Flugzeug mit absolut ungenügender Beinfreiheit – also eigentlich überall – ist man noch in der Lage, auf einem Smartphone oder einem Tablet zu tippen, zu wischen oder zu klicken. Natürlich ist das durch das Design der Geräte bedingt. Wenn man für einen Mausklick erst eine Pirouette drehen, über eine Hürde springen oder übertrieben große Bewegungen machen müsste, würde wohl gar nichts geschehen. Bewegungen benötigen Zeit. Und Zeit ist Geld. Und so sind unsere Gesten für diese Geräte kurz und schnell konzipiert.

How We Act Together, Lauren McCarthy and Kyle McDonald, 2016

Die Vielfalt dieser pixelschiebenden Bewegungen ist groß. Was als einfaches Verschieben einer Maus auf einem Pad oder das Tippen auf einer Tastatur begann, umfasst heute eine ganze Reihe von Bewegungen wie das Zusammenziehen und Spreizen der Finger zum Verkleinern oder Vergrößern von Objekten. Doch selbst beim Wischen, Zusammenziehen oder Ziehen in irgendeine Richtung werden lediglich kleinste Muskeln angespannt bzw. entspannt. Diese Bewegungen finden ganz nah am Körper statt und sind meist kaum zu sehen. Sie sind des Vitruvianischen Menschen nicht würdig. Bei einigen Menschen bewirkt das Klicken und Wischen spürbare körperliche Einschränkungen: Die Schultern fallen ein, der Hals neigt sich nach vorn und wird rund. Es ist so, als ob wir versuchen würden, uns selbst zu schrumpfen, um in den kleinen Bildschirm zu passen, auf den wir starren.

Technologien, die den Benutzer von seinem Körper entfremden

Was an Lauren McCarthys und Kyle McDonalds derzeit von der Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentierten Projekts „How We Act Together“ so fasziniert ist die Tatsache, dass die Künstler Gesten als soziales Verhalten wiederverwenden und dazu die Technik nutzen. Die gleiche Technik, die den Benutzer von seinem Körper entfremdet, wird in diesem Stück zum Katalysator für soziales Handeln. 

How We Act Together“ verlangt die Partizipation von Besuchern der Installation und der für das Projekt angelegten Website. Sie werden aufgefordert, eine von vier Gesten – Nicken, Schreien, Winken und Starren – solange auszuführen, bis diese ihnen zu langweilig wird oder sie dazu physisch nicht mehr in der Lage sind. Dabei sehen sie die Aufnahmen anderer Teilnehmer, die die gleiche Geste ausführen und werden selbst auf Video aufgenommen. Hält ein/e Partizipant/in länger durch als ihre Vorgänger/in wird diese Aufnahme schließlich ans Ende der Serie angefügt. Das Video wird so zu einer kumulativen Performance, indem es die Geschichte all derjenigen Menschen erzählt, die sich lange genug für das Projekt interessierten, um Teil seines Archivs zu werden. Man muss es sich wie einen Staffellauf durch Raum und Zeit vorstellen. Doch anstatt Runden zu drehen, führen die Beteiligten immer wieder von neuem alltägliche Bewegungen aus. Es ist ein Wettbewerb, aber auch ein Gespräch. Körper sind schließlich Werkzeuge zur Ausführung der einfachsten Formen von Kommunikation. 

Gesten, die wir mit dem realen Blickkontakt zu einer Person verknüpfen

Diese Gesten werden bis zur Absurdität ausgeführt und dekontextualisiert. Nicken und Winken sind typischerweise Routinehandlungen. Es sind Bewegungen, die Menschen ausführen ohne lange darüber nachzudenken. „How We Act Together“ fordert die Beteiligten jedoch dazu auf, einen Erinnerungsspeicher dieser Gesten zu erschaffen. Der/die Partizipant/in kann das nächste Nicken oder Blinzeln mit diesem verknüpfen und die Geste vielleicht mit mehr Bewusstheit und Achtsamkeit füllen. Die von McCarthy und McDonald ausgewählten Bewegungen haben jedoch nichts mit dem Bewegen eines Cursors auf einem Bildschirm oder dem Öffnen von Apps zu tun. Es sind keine digitalen Gesten (obwohl Blinzeln eines Tages – vielleicht schon bald – ebenfalls dazugehören könnte), es sind Gesten, die wir mit dem realen Blickkontakt zu einer Person verknüpfen.

How We Act Together, Lauren McCarthy and Kyle McDonald, 2016

Eine Reihe von Politikern und Sozialwissenschaftlern haben in den vergangenen Jahren vermeintlich zutreffende Argumente dafür vorgebracht, wie das Internet Menschen in die soziale Isolation und in Hallräume zwingt; Argumente, zu denen unzählige Gegenbeispiele über Freundschaften, Gemeinschaften und Einsichten existieren, die über das Internet zustande kamen. Weniger kontrovers wird die Erkenntnis diskutiert, dass die von uns für das Internet verwendeten Geräte Auswirkungen auf den Körper der Nutzer besitzen: Jahrelange Nutzung äußert sich mitunter in Händen, die sich selbst ohne Smartphone klauenartig zusammenziehen, das Repetitive-Strain-Injury-Syndrom (RSI) und das Karpaltunnelsyndrom schwächen Finger und Handgelenke, aber noch niemand scheint ähnliche Einschränkungen durch zu viel Nicken oder Zwinkern erlitten zu haben. Wenn eine Person im Alltag blinzelt oder nickt oder schreit oder winkt, tut sie dies meist bei nur ein Mal. Aber einmaliges Wischen auf dem Display reicht nur selten aus. Der Körper verträgt sich nicht mit Technik. Es scheint offensichtlich und doch muss es immer wieder betont werden: Er absorbiert all diese kleine Wischereien und summiert sie zu Handgelenksschmerzen und geschwollenen Knöcheln. Das beeinträchtigt wiederum die weitere Kommunikation. Vielleicht ist, indirekt, etwas an der Idee dran, dass das Internet zur sozialen Isolation führen kann: In dem Sinn, dass ein geschädigter Körper nicht mehr so gut SMS schreiben und so auch weniger kommunizieren kann. 

Wenn wir zum Öffnen von Browser-Tabs blinzeln müssten, würde das RSI dann auch zur typischen Diagnose für ermüdete Augenlider? Wenn Touchscreens durch Winken bedient werden müssten, wie würde sich unsere Körperhaltung verändern? Wäre eine Schulter dann stärker ausgeprägt als die andere? „How We Act Together“ ermutigt das Publikum und die Partizipanten, diese Gesten schätzen zu lernen, da sie normalerweise flüchtig und knapp sind.