22. Dezember 2013

Schauspielerin und Wahl-Brasilianerin Juliane Elting erreicht nach zwei Stunden Autofahrt von Belo Horizonte auf rot-staubigen Straßen das Dorf Brumadinho, „kleiner Nebel“. Bald wird ihr klar: hier ist es wie mit Alice und dem Spiegel. Ein etwas anderer Reisebericht.

Von Juliane Elting

Via Palmenallee erreiche ich das internationale Kunstmekka, der Blick öffnet sich auf eine üppige Oase. 300.000 qm eines tropischen Parks mit botanischen Gärten, Seen, Wald Landschaften, Bergen und Tälern, sowie der weltweit größten Palmensammlung.

Darin versteckt und von weitem oft kaum ausmachbar: mehr als 20 Pavillons und Galerien mit insgesamt über 500 Kunstwerken und Open-Air-Skulpturen von etwa 100 Künstlern 30 verschiedener Nationalitäten. Wir sind in Inhotim, eines der am besten gehüteten Geheimnisse Brasiliens.

Der Gründer dieses Ortes der Superlative heißt Bernardo Paz. Stahlmagnat, Minenbesitzer und brasilianischer Milliardär – und lange Zeit eine obskure Gestalt. In den 90er-Jahren tauchte in der New-Yorker Kunstszene plötzlich ein unbekannter Brasilianer auf und kaufte millionenschwere Objekte. Niemand wusste, woher er kam. Bis er 2004 Inhotim gründete und so seine Privatsammlung der Öffentlichkeit zugänglich machte. Das Konzept ist einmalig: Die Künstler kreieren und zeigen hier ihre Werke unter einzigartigen Bedingungen und nicht selten entstehen dabei ortsspezifische Arbeiten, die so nirgendwo sonst auf der Welt möglich wären.

So zum Beispiel Matthew Barney mit „De Lama Lamina“. Ein riesiger Iglu-artiger Pavillon aus verspiegeltem Glas inmitten eines Eukalyptuswaldes – der Baum, den die Papierindustrie zum schnellen Gewinn als aggressive Monokultur anbaut. Im Innenraum im Kontrast dazu dann ein unglaubliches Bild: eine riesige, dreckige Maschine mit Klauen, wie man sie im Amazonas benutzt, um Tropenbäume auszureißen. Der Baum ist in eine weiße, wachsartige Masse getaucht. Die Glasfenster des Pavillons, nun transparent, verzerren die Flora plötzlich auf bedrohliche Art und Weise. Natur und Kunst in schaurigem Dialog.

In einem Video andernorts dann die dazugehörige Performance. 2004 defilierte die gigantische Maschine, gefolgt von einer Sambaband in weißen Papierkostümen, auf dem Karneval in Salvador. Während auf dem toten Baum eine Frau klettert und weiße Wolle an den Ästen anbringt, liegt zwischen dem Räderwerk unbemerkt von den Zuschauern ein nackter Mann, der sein Genital an einem rotierenden, mit Fett geschmierten Motorteil reibt. Ogum versus Ossana, die beiden Afrobrasilianischen Götter, die respektive für Metall, Technologie und die Natur stehen. Als Installation hier in Inhotim in einer Landschaft zu sehen, die selbst überall noch die Wunden des Metallabbaus aufzeigt.

Neben anderen internationalen Größen wie Doug Aitken – der ein hunderte Meter tiefes Loch in die Erde bohren ließ, um den Sound der Erde zu hören – werden natürlich viele brasilianische Künstler gezeigt. So zum Beispiel Hélio Oiticica, in der aktuellen „Brasiliania“-Ausstellung mit der Arbeit (gemeinsam mit Neville D’Almeida) „Cosmococa 5 – Hendrix War“ vertreten. Sinnesräume wie im Drogenrausch, mit Hängematten, Kissenschlachten, Luftballons und Musik, welche die Wahrnehmung des Besuchers ins Zentrum stellen.

In jedem neuen Pavillon taucht man in Inhotim so in den Kosmos eines Künstlers ein. Jede der modernen Galerien und Pavillons wurde eigens für den Künstler und seine Werke geschaffen, kein Bau gleicht dem anderen. Die Architektur unterstützt das sinnliche Erleben und fast körperliche Eindringen in die Kunstwerke auf unterschiedlichste Art und Weise: mal durch Abgeschlossenheit und multisensorische Gestaltung, mal durch Transparenz oder sogar Verformung der Außenwelt.

Der Weg zwischen den Galerien wird zur Meditation. Natur, immer wieder unfassbare Ausblicke, Sitzskulpturen aus Baumstämmen. Die Seen, erfahre ich, werden mit speziellem Farbstoff so grün gehalten, das Wasser sei sonst schlammbraun. Diese Zauberei nimmt man gerne hin, so gelungen ist der farbliche Kontrast zur modernen Architektur.

Wer trotzdem müde wird ob so viel Kunst und Schönheit, der kann sich an den vielen interaktiven Werken erfrischen. Da ist zum Beispiel das Schwimmbad von Jorge Macchi oben auf dem Berg. Man wird eingeladen, die „A,B,C Treppenstufen“ hinabzusteigen und im blauen Wasser zu schwimmen. Handtücher gibt es, irgendwo im Wald soll eine Umkleidekabine sein und eine junge Aufsicht mit Lebensretterausbildung und -weste steht daneben. Ich beschließe, den Künstler beim Wort zu nehmen. Da ertönt plötzlich ein spitzer Schrei und die eben noch so ernsthafte Lebensretterin läuft schreiend davon. Ihre etwas gelassenere Kollegin erklärt lachend, so etwas habe man eben noch nie erlebt. Aber wer geht schon mit einem Bikini in der Handtasche in einen Kunstpark in den Bergen?

Der Idealist Paz bezeichnet Inhotim selbst als „Projekt“. Ihm geht es um die Menschen – sowohl die Besucher als auch die Bewohner des Umkreises. Als zweitgrößter Arbeitgeber der Region und mit dem Art Education Center werde ein dauerhafter Dialog mit der hiesigen Bevölkerung geführt. Gerade wird ein Hotel im Park selbst geplant sowie das erste richtige Museum. Der ehemalige Kurator Jochen Volz, heute an der Serpentine Gallery, London, erzählt mir, dass es lange interne Diskussionen gab, ob man dieses so einzigarte Konzept wirklich um einen konventionelleren Museumsbaus erweitern sollte. Aber das Bedürfnis, die immens große Sammlung von moderner Kunst nach 1960 komplett zugänglich zu machen, gewann schließlich überhand. Man vertraut dem Visionär Paz, dass er auch hierfür wieder eine ganz eigene Art und Weise finden wird.

Inhotim ist vielleicht so, wie Alice sich ihr Wunderland erträumt: Verschobene Realitäten, extreme Sinneseindrücke, menschengemachten Erfindungen umgeben von einer unwirklichen Fauna und Flora. Ein besonderer, ein magischer Ort, den man so schnell nicht vergisst und an den man unbedingt wieder zurückkehren will. Wenn man denn den Weg wieder findet. Denn wie schon Lewis Carroll in seinem Klassiker "Alice im Wunderland" schrieb: "Deinen Weg? Alle Wege hier sind meine Wege!”

ÜBER DIE AUTORIN

Die deutsche Schauspielerin Juliane Elting, 1978 in Hamburg geboren und in Frankfurt/Main aufgewachsen, lebt und arbeitet seit 2005 in São Paulo/Brasilien, ist Ensemblemitglied des im Tropicalismo entstandenen Teatro Oficina, mit denen sie bereits unzählige Inszenierungen und internationale Gastspielreisen realisierte. 2011 wurde sie als Teil der Serie “Look Out - Featuring New Talents“ der Zeitschrift Theater der Zeit portraitiert. 2013/14 reist sie mit dem Projekt “Kulturtour” des Goethe Instituts in Brasilien durch 17 Städte des Landes und ist als Kuratorin verantwortlich für den Theaterbereich.