16. Januar 2017

Alberto Giacometti und Bruce Nauman beschäftigen sich intensiv mit den Dimensionen ihrer Skulpturen und Arbeiten. Doch Größe ist nicht immer wissenschaftlich messbar.

Von Lisa Beißwanger

Künstler, Titel, Jahr, Material, Maße und Ort. Dies sind die Angaben, welche für gewöhnlich zu einem Kunstwerk gemacht werden. Bei der Betrachtung von Abbildungen dreidimensionaler Arbeiten sind insbesondere die Maßangaben unerlässlich. Bisweilen ist auch das Einbringen eines zusätzlichen Maßstabs ins Bild hilfreich, zum Beispiel indem eine Person mit abgebildet wird, wie es auf Ausstellungsansichten oft der Fall ist.

Doch selbst mit diesen Hilfsmitteln kommt es angesichts der Originale immer wieder zu Überraschungen. So kann beim ersten Besuch der der „Giacometti-Nauman“ Ausstellung Giacomettis "Homme qui marche" (1960) dann doch sehr viel größer erscheinen als erwartet, die Bronzeköpfe von Simone de Beauvoir ("Tête de Simone de Beauvoir", (1946/47)) und anderen wiederum erstaunlich klein. Naumans "Lighted Center Piece" (1967/68) hätte durchaus auch größer sein können, während der "Corridor with Mirror and White Lights" so eng ist, dass man ihn fast mit einem trivialen Raumteiler verwechseln könnte.

Die unbegrenzte Skulptur

Fragte man wiederum ein Kind zu seinen Eindrücken in Sachen Maßstab, so würde das Urteil vermutlich ganz anders ausfallen. Das Maß einer Skulptur ist eben nicht nur eine feste Größe, die in Zentimetern und Kubikzentimetern ausgedrückt werden kann, es ist immer auch relativ, abhängig vom Standort und der individuellen Wahrnehmung der Betrachtenden.

Je öfter man den Arbeiten in der Ausstellung gegenübertritt, desto weniger überraschend, im Gegenteil, desto selbstverständlicher werden die Maße, welche die Künstler ihren Werken gegeben haben. Diese Gewöhnung lässt vergessen, dass jeder Bildhauer neben allen ästhetischen und inhaltlichen Entscheidungen immer eine Entscheidung über den anzulegenden Maßstab treffen muss. Anders als die Malerei, die gewöhnlich von einer von vornherein begrenzten Leinwand ausgeht, ist Skulptur an solche Vorgaben nicht gebunden. Insbesondere dann nicht, wenn sie unabhängig von einer architektonischen Rahmung entsteht.

Größe und Bedeutung

Diese Ungebundenheit trifft auf die meisten skulpturalen Arbeiten von Giacometti und Nauman zu. Für solche Fälle bietet die Bildhauertradition Konventionen an, zum Beispiel die Verwendung menschlicher Idealmaße oder die Bedeutungsperspektive, also ein Zuwachs an Größe relativ zur Bedeutung des Dargestellten. Solche Konventionen scheinen diese beiden Künstler aber nicht zu interessieren. Was also ist der Maßstab, den sie ihren Arbeiten zu Grunde legen?

Für Alberto Giacometti war es eine wahre Lebensaufgabe, das richtige Maß für seine Figuren zu finden. Obwohl er meist ganz klassisch nach dem Modell arbeitete, beschrieb er wiederholt, dass sich die Figuren unter seinen Händen bis zum Verschwinden verkleinert hätten oder aber, unter größter Selbstdisziplinierung, zwar größer, aber dafür ganz dünn und fragil geworden seien. In einem Erklärungsversuch äußerte er, dass er versucht habe genau das darzustellen, was er gesehen habe. Es war also seine persönliche, subjektive Wahrnehmung, sein Augenmaß, das er seinen Skulpturen zu Grunde legen wollte.

Egal wie nah

Interessant dabei ist, dass Giacometti seinen bildhauerischen Blick offenbar so spezialisiert hatte, dass alles, was er ansah, zur Skulptur wurde. Er beschrieb, wie für ihn bei Spaziergängen durch Paris bisweilen Straßenszenen zu dreidimensionalen Bildern erstarrten und dass aus fünfzehn Metern Entfernung eine Person dann eben nur eine Größe von zehn Zentimetern habe. Diese Form einer radikalen und subjektiven Skalierung trieb Giacometti noch weiter, indem er nicht nur die räumliche Distanz sondern auch eine gefühlte, menschliche Distanz zwischen sich und seinen Mitmenschen mittels einer radikalen Reduktion der Masse seiner Skulpturen zum Ausdruck brachte. Dies nahm sein Freund, der Existenzialist Jean Paul Sartre zum Anlass für seine berühmte Interpretation, man könne sich Giacomettis Skulpturen nicht nähern, egal wie nah man ihnen trete.

Bruce Naumans Skulpturen sind in Sachen Materialität und Ästhetik nicht annähernd so konstant wie die Figuren Giacomettis. Auch läge Nauman die Herstellung von unterschiedlich großen Versionen ein und derselben Skulptur ebenso fern, wie eine Projektion persönlicher Eindrücke und Erfahrungen auf die Größenverhältnisse seiner Arbeiten. Dennoch legt auch er seinen Skulpturen und Installationen einen immer gleichen Maßstab zu Grunde.

Verharren und abwarten

Eine Möglichkeit diesem Maßstab auf die Spur zu kommen, ist der Blick auf seinen Schaffensprozess. In Interviews beschrieb Nauman wiederholt Situationen, in denen er in seinem Atelier verharrte und abwartete, bis aus den dort vorhandenen Gegenständen „wie von selbst“ eine Arbeit entstand. Es ist also nicht das ringende Formen, das für Giacometti so typisch ist, sondern vielmehr ein Umgang mit Material, der eine Verbindung  zu Duchamps Ready Made vermuten lässt. Nauman genügt es aber ausdrücklich nicht, lediglich einen gewöhnlichen Gegenstand zum Kunstwerk zu erklären. Vielmehr fertigt er immer wieder Abgüsse und Hohlformen seines gefundenen Materials an und setzt sich dadurch mit dessen Abmessungen, den Dimensionen im Raum intensiv auseinander.

Das "Shelf Sinking into the Wall (…) (1966)" zum Beispiel ist ein handelsübliches Regal, welches er durch Gipsabgüsse von den darunterliegenden Hohlräumen ergänzt hat. Die "Ten Heads Circle | In and Out" sind bemalte Abformungen von menschlichen Köpfen. Das Maß der Dinge ist für Nauman das Maß, welches die Dinge selbst mitbringen. Dies gilt insbesondere auch für Naumans eigenen Körper, der ebenfalls zum Material und zum Maßstab wird, sobald er die Schwelle zum Atelier überquert.

Der eigene Körper ist das Material

Abformungen seines eigenen Körpers wie "Neon Templates of the Left Half of My Body Taken at Ten-Inch Intervals" beweisen das ebenso wie Abformungen individueller Körperteile wie "Device for a Left Armpit", die so zu eigenständigen Skulpturen werden. Auch die verschiedenen Korridorinstallationen basieren nach Naumans Angaben auf den Dimensionen seines eigenen Körpers, insbesondere dann, wenn es um deren Begehbarkeit geht oder um die Positionierung von Spiegeln oder Kameras. Der ideale Betrachter dieser Arbeiten hätte genau dieselbe Physiognomie wie Nauman selbst.

Der Maßstab, den Giacometti und Nauman an ihre Arbeiten anlegen, fällt sowohl wortwörtlich als auch im übertragenen Sinne enorm unterschiedlich aus. Alberto Giacomettis Skulpturen liegt sein Augenmaß zu Grunde, verbunden mit der persönlichen, durchaus emotionalen Erfahrungen einer unüberbrückbaren Distanz zwischen sich und der Welt. Dieser subjektive Zugang führt zu einer Abkopplung der Skulpturen von der physischen Größe der Dinge und einer variablen Skalierung, die weder das unendlich Kleine, noch das unendlich Große ausschließt. Dies deutet auf ein Raumkonzept hin, wie es Maurice Merleau-Ponty in seiner Phänomenologie der Wahrnehmung entwirft, in Abgrenzung zur Idee eines wissenschaftlich objektivierbaren, messbaren Raumes.

Nicht jeder Raum ist messbar

Bei Bruce Nauman ist es hingegen das Abmaß des eigenen Körpers und anderer Gegenstände, das niemals über- oder unterschritten wird. Dies bedeutet eine radikale Affirmation äußerer Abmessungen, im Sinne eines mathematischen Raumes, der in Zahlen ausgedrückt werden kann und unabhängig von der subjektiven Wahrnehmung ist. Nicht zufällig haben viele Arbeiten Naumans, einschließlich des Einbezugs seines eigenen Körpers als Material, den Charakter naturwissenschaftlicher Versuchsanordnungen. Gemeinsam haben die Ansätze der beiden Künstler jedoch, dass sie das Maß der Dinge nicht im Idealbild oder anhand anderer externer Vorgaben suchen, sondern vielmehr einen jeweils individuellen und persönlichen Maßstab entwickeln, dessen Ausgangspunkt immer ihr eigener Körper und ihr eigenes Umfeld ist.