10. Juni 2015

Der tschechische Künstler war ein Pionier der abstrakten Malerei. Angetrieben wurde er von seinem unersättlichen Interesse an Spiritualität und Wissenschaft.

Von Teresa Köster

František Kupka war ein Einzelgänger im Leben, in der Kunst zeigte sich der 1871 in Tschechien geborene Künstler jedoch stets im regen Austausch mit der Welt und interessierte sich für aktuelle theoretische Diskurse. Okkultismus und Wissenschaft fesselten Kupka dabei gleichermaßen. Die Arbeit von Kupka, der mit 20 Jahren von Prag nach Wien zog, um sich dort an der Akademie der bildenden Künste einzuschreiben, zeugt bis an dessen Lebensende vom Einfluss seines frühen Kontakts zu einer okkultistischen Sekte in Böhmen und der Bekanntschaft mit dem "Vegetarier-Apostel" Karl Wilhelm Diefenbach.

Trotz der zunehmend kritischen Distanzierung von dem in Wien allseits bekannten Diefenbach, sollte Kupka dort und später in Paris seine in Prag bereits entstandene Auffassung weiterentwickeln, Malerei müsse spirituell, der Ausgangspunkt für ihren Gegenstand poetische sowie philosophische Gedanken sein. Unterschiedlichste Fragen der Existenz beschäftigten Kupka dabei, die er während seiner Wiener Zeit mit seinem Zimmergenossen und Malerkollegen Miloš Maixner stundenlang diskutierte – von den Ideen des Okkultisten und Darwinisten Carl du Prel, der seiner Kritik des Christentums und des Materialismus die Bedeutung des Unterbewussten entgegenstellte, über die aufklärerischen Schriften Immanuel Kants bis hin zu Paracelsus, dessen medizinische Lehren auf einer ganzheitlichen Betrachtung des Körpers basierte. Kupka selbst sollte daraufhin beginnen, eine vegetarische Lebensweise anzunehmen und einem streng eingehaltenen Programm nackt ausgeführter Leibesübungen nachzugehen.

Einen ersten großen Erfolg als Künstler erzielte der gelernte Historienmaler mit seinem monumentalen Gemälde "Heinrich Heines Todestraum", das er im Auftrag des Wiener Kunstvereins schuf und das ihn zum beliebten Porträtmaler der Wiener Aristokratie avancieren ließ. Doch dieser Arbeit bald überdrüssig, sollte mit Kupkas Reise nach Paris im Frühjahr 1896 auch eine neue Phase seines Schaffens beginnen. Zunehmend arbeitete Kupka nun ästhetische Elemente des Jugendstils in seine Drucke, Aquarelle und anderen Arbeiten ein, die sich stilistisch wie motivisch deutlich von Fidus beeinflusst zeigten, den Kupka in Wien kennengelernt hatte. Bis nach 1900 hielt dieser Einfluss an, aus dem Arbeiten wie die in schmalen Linien gezeichneten Kinder in "Elfen-Liebe" (1896) und ebenfalls pastellige, weich gemalte Aquarelle wie "L’Âme de lotus (Die Seele des Lotus)" (1898) hervorgingen. Neben Figuren tauchen in seinen Bildlandschaften zu dieser Zeit immer wieder Lotusblüten auf, die, ebenso wie bei Fidus, auf theosophische Vorstellungen und insbesondere die Zeitschrift "Lotusblüten" des zum Buddhismus konvertierten Franz Hartmann verwiesen. Mit dem aus einer weißen Materie heraussteigenden Astralkörper in "L’Âme de lotus" verbildlichte Kupka nicht nur den Glauben an die transzendente Kraft der Seele, den der theosophische Glauben propagiert, sondern erinnert zugleich an seine verstorbene Freundin Marie Bruhn.

Zunehmend findet in den Folgejahren auch die Sphinx ihren Platz in František Kupkas Motivsammlung. Während auch die gleichnamige theosophische "Monatsschrift für die geschichtliche und experimentale Begründung der übersinnlichen Weltanschauung auf monistischer Grundlage" das mythologische Mischwesen in seinem Namen trägt, taucht die Sphinx vor allem in der dreiteiligen Serie "La Voie du silence (Der Weg des Schweigens)" (1900-1903) von Kupka wieder auf. Ein schmaler Gang tut sich in allen diesen Bildern zwischen Reihen von mächtigen Sphinxstatuen auf; die Beleuchtung wird zunehmend dunkler, eine einsame Figur wandert in der Dämmerung und Nacht der letzten zwei Werke der "La Voie du silence" durch den "Weg des Schweigens". Der Weg wird hier zur Suche nach der Wahrheit des Lebens in sich selbst, die Serie zu einer Anleitung, "wie man leben soll, damit für niemanden ein Rätsel mehr existiere", wie Kupka in der Monatsschrift "Sphinx" zitiert wurde.

Erhielten diese Bilder nur die Aufmerksamkeit eines kleineren Kreises, erreichten Kupkas satirische Zeichnungen und Karikaturen, die er seit 1900 für illustrierte Wochenzeitschriften anfertigte, eine weit größere Zuschauerschaft. Der Künstler selbst machte hier keinen Unterschied zwischen den Medien, um sein gesellschaftskritisches Anliegen darzustellen. Mit der flapsigeren Direktheit, die ihm die Karikatur in ihrer Vereinfachung ermöglichte, entlarvt Kupka in seinen Zeichnungen religiöse Praktiken wie den Ablass als Methoden des organisierten Kapitalismus. Andere Karikaturen verarbeiten Vorstellungen des Darwinismus’. Élisée Reclus’ sechsbändige anarchistisch sowie darwinistisch geprägte Enzyklopädie „L’Homme et la Terre“ (1905–1908), für den Kupka den Auftrag erhielt sie mit mehr als 100 Zeichnungen zu illustrieren, sollte sein Interesse noch stärker wecken und ausformulieren: „Der Mensch ist die sich ihrer selbst bewusst werdende Natur“. Die Illustrationen zeigen die Menschen und ihre Geschichte in mit sicherem Strich ausgeführten Bildern, in denen Kupka zuweilen bereits die ausschweifende Ausschmückung des Jugendstils abgelegt hat. Sein von 1906 bis 1909 entstandenes Gemälde "L’Eau oder La Baigneuse (Wasser oder Die Badende)" wird anschließend die unterschiedlichen Einflüsse dieser Zeit vereinen. Die Wellen, die die Badende hier schlägt, lassen sich ebenso als Metaphern für die Entwicklung eines Kunstwerks als auch des Menschen selbst verstehen.

In der Folgezeit verändert sich der Malstil von František Kupka noch einmal deutlich, er wird intensiver in der Farbgebung, dynamischer in der Erscheinung und wesentlich abstrakter. Es entstehen nun organische Strukturen wie in "Conte de pistils et d’étamines" (1920) und "La Primitive" (1911–1913), deren klare Formgebung, Tiefenwirkung und deutliches Zentrum an andere Stil der Moderne erinnern, darunter den Futurismus und Konstruktivismus. František Kupkas visuelle Sprache wird in dieser Zeit zwar zunehmend abstrakter, der Gedanke hinter seiner Kunst jedoch immer klarer, den er selbst in seiner Schrift "La Création dans les arts plastiques (Die Schöpfung in der bildenden Kunst)" ausformuliert: "Kunst zeichnet sich dadurch aus, daß sie einen eigenen Organismus aufbaut, ein Kunstwerk verfügt über seine spezielle organische Struktur, die sich von der Natur völlig unterscheidet." Auch rund 20 Jahre nach seiner Abreise aus Wien treiben František Kupka so noch die gleichen Gedanken aus spirituellen, ästhetischen und wissenschaftlichen Quellen an, die nun in seiner Abstraktion ihre Synthese finden und Kupka selbst zu einem Pionier der abstrakten Malerei zu machen.