30. Januar 2013

Die Fotografien Ryan McGinleys, zu sehen in der Ausstellung „Privat“, zeigen ein jugendliches, ungezwungenes Lebensgefühl. Und wecken beim Betrachter die Sehnsucht nach einer unbeschwerten Zeit.

Von Katharina Cichosch

Ann nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, Coley lehnt sich an die Brüstung des Ausflugsboots, die Kamera fest im Blick. Marcel lässt gedankenverloren einen Arm ins Wasser hängen. Keiner von ihnen ist bekleidet, und ihre Nacktheit wirkt wie die natürlichste Sache der Welt. Doch tatsächlich erregen nackte Körper in der Öffentlichkeit auch heute noch jede Menge Aufsehen und Aufmerksamkeit. „Marcel, Ann & Coley“ heißt dieses Bild, das Ryan McGinley 2007 geschossen hat und das aktuell in der Ausstellung „Privat“ zu sehen ist. Zusammen mit zwei weiteren Fotografien aus derselben Zeit repräsentiert dieses Motiv die Themen, um die McGinleys Arbeiten seit vielen Jahren kreisen: Standbilder der Jugend, ein Lebensgefühl der Freiheit und Sorglosigkeit mit der Kamera eingefangen.

Natürliche, schöne und junge Menschen, sehr oft nackt, sehr oft eingebettet in wunderschöne Landschaftsaufnahmen, in verwunschene Grotten, tiefrote Wüsten – oder wie hier, umgeben von türkisblauem Wasser. Von vielen dieser Fotografien geht ein faszinierender Anachronismus aus: Ryan McGinley inszeniert seine Bilder wie einen Film aus den späten 60er- oder frühen 70er-Jahren. Michelangelo Antonionis „Zabriskie Point“ von 1970 beispielsweise zeigte ganz ähnliche Motive, hier räkelten sich junge Studenten nackt im roten Wüstensand. Auch die ästhetische Umsetzung erinnert an jene Zeit: Warme Farben, mal gesättigt, mal matt, waren typisch für den 16-mm-Film. In anderen Fotografien macht sich McGinley gern auch Nebelmaschinen oder Feuerwerk zu Nutze, die seine Motive mit beinahe psychedelischen Lichteffekten versehen.

Freunde und Bekannte, ausnahmslos nackt

Die Themen Jugend und Eskapismus, gepaart mit einem Liberalismus, der nichts mehr mit den politischen Versprechungen von heute gemein hat, beschäftigte Ryan McGinley schon in seinen frühen Arbeiten. 1977 in New Jersey geboren, zieht es ihn mit 20 ins benachbarte New York. Hier schreibt er sich an der Parsons The New School for Design ein und lernt jene Freunde kennen, mit denen ihn bis heute viel verbindet. Der 2009 verstorbene Dash Snow war einer von ihnen, aber auch Dan Colen, der mit seinen Skulpturen und Malereien ebenso wie McGinley heute fest im Kunstbetrieb etabliert ist. Anfangs konzentriert sich Ryan McGinleys künstlerische Arbeit vor allem auf das Fotografieren mit der Polaroid Kamera; von jedem Besucher, der sein Apartment betritt, schießt er ein Porträt, das anschließend mit allen zuvor angefertigten an die Wände seiner Wohnung gepinnt wird. Die Motive aus den 90er-Jahren spiegeln den Freundeskreis des jungen New Yorkers wider: Skater, Graffitisprayer, Künstler, Musiker und Bohemiens finden sich hier unter den Porträtierten.

Im Gegensatz zu Freunden und Künstlerkollegen wie Snow bleibt Ryan McGinley nicht allein bei der Polaroid-Technik. Er probiert andere Formate aus, seine Freunde setzt er zunehmend wie Models in Szene. 1999 präsentiert er einige ausgewählte Arbeiten in dem Fotobuch „The Kids Are Alright“, das er zunächst selbst herausbringt. Zu sehen sind hier Freunde und Bekannte, nahezu ausnahmslos nackt, in mehr oder weniger inszenierten Szenerien: Eine Menschentraube formiert sich zwischen dem Grün einer Baumkrone zu einer bizarren Skulptur, zwei Freunde liegen lachend übereinander im Bett, zwei andere waten nachts durchs dunkle Wasser. Durch einen glücklichen Zufall gelangte das Buch bei einer Ausstellung in die Hände von Sylvia Wolf, damals verantwortlich für die Fotosektion im Whitney Museum of American Art in New York. Sie war so begeistert von den Arbeiten des Künstlers, das sie ihm 2003 eine Solo Show ermöglichte – McGinley war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 25. Von da an regnete es förmlich Auszeichnungen für den jungen Fotografen: Im selben Jahr kürte ihn das „American Photo Magazine“ zum Fotografen des Jahres, 2007 erhielt er den „Young Photographer Infinity Award“ des International Center of Photography.

Das verführerische Leben

Im Laufe der Jahre wandelt sich Ryan McGinleys Arbeitsweise zunehmend: Immer häufiger inszeniert er jetzt seine Motive professionell; statt Freunde aus der Skater- und Künstlerszene des New Yorker East Village zu fotografieren, engagiert er heute gerne auch Models für seine Fotostrecken. Die Gefühle und Assoziationen, die McGinley mit seinen Fotos weckt, bleiben aber dieselben: Wie wenige andere schafft er den Spagat zwischen Inszenierung und Schnappschuss, wirken seine Fotografien wie flüchtige Urlaubserinnerungen aus einer anderen, unbeschwerten Zeit. Und er lässt sein Publikum an diesem, seinem Lebensentwurf teilhaben – als sehnsüchtige Beobachter, die das, was sie zu sehen bekommen, allzu oft wohl selbst gern erleben würden. Oder, wie es 2007 in „New York Art“ formuliert wurde: Einen Teil seines Erfolgs, so Autor Ariel Levy, schulde McGinley der Tatsache, dass seine Arbeiten nicht nur die künstlerische Vision von einem freien und rebellisch-alternativen Lebensstil vermitteln, sondern auch dem Versprechen, dass er selbst eben dieses verführerisch andere Leben führt.