15. Juli 2013

Am 31. Juli zeigt die SCHIRN die Trilogie „And Europe Will Be Stunned" der israelischen Künstlerin Yael Bartana und anschließend „Them“ von Artur Zmijewski.

Von Sabine Weier

„Kommt zurück nach Polen, in euer Land!“ Ein junger polnischer Aktivist richtet diese Worte an drei Millionen Israelis. Doch vorerst hallen sie durch ein verlassenes Stadion in Warschau. Die Kamera ist abwechselnd auf ihn und die von Pflanzen überwachsenen, leeren Ränge gerichtet. Drei Millionen polnische Juden verloren im Holocaust ihr Leben. Was wäre, wenn: die junge Generation, deren Eltern und Großeltern den Holocaust überlebt haben und nach Israel geflohen sind, tatsächlich wieder zurück nach Europa käme? Yael Bartana hat diese Möglichkeit in einer filmischen Trilogie durchgespielt. In ihren Film- und Videoarbeiten, Fotografien und Installationen setzt sich die 1972 in Israel geborene Künstlerin mit Konstrukten von Nationalidentitäten auseinander und untersucht dabei die Rolle, die Geschichte für die Gegenwart spielt.

In „Mary Koszmary (Nightmare)“, dem ersten Teil der Trilogie, wird der charismatische Aktivist zum Anführer des „Jewish Renaissance Movement“. Eine Gruppe junger Israelis kommt nach Polen wie einst die zionistischen Pioniere ins Gelobte Land, um dort in Städten auf öffentlichen Plätzen zu siedeln. In „Mur i wieża (Wall and Tower)“ bauen sie mit einfachen Mitteln einen Kibbuz. Im dritten Teil „Zamach (Assassination)“ trauern die jungen Siedler schließlich um ihren von Unbekannten getöteten Anführer und stärken in euphorischen Ansprachen ihren Gemeinschaftsgeist.

„Es geht darum, sich einen Moment der Versöhnung vorzustellen“

Es ist ein erbauliches und gleichzeitig absurdes Gedankenspiel, ein komplexes Geflecht aus Vorstellungen und Erinnerungen, das die schrecklichen Ereignisse der europäischen Geschichte genauso thematisiert wie den Fremdenhass auf europäischem Boden heute und das schwierige Verhältnis von Israelis und Palästinensern. Bartana will aber Hoffnung machen: „Es geht darum, sich einen Moment der Versöhnung vorzustellen, um so vielleicht ein kollektives Trauma zu überwinden,“ erklärt sie im Gespräch. Für diesen Moment der Versöhnung hat die Künstlerin ein einfaches Bild gefunden: Das Symbol des „Jewish Renaissance Movement“ verbindet den Davidstern mit einem schwarzen Adler, also das israelische Nationalsymbol mit dem polnischen.

Als Vorlage für die Bildwelt dienten Bartana Fotos zionistischer Jugendgruppen in Israel aus den 1930er- und 1940er-Jahren. Der Kibbuz im Film sieht exakt so aus wie die Kibbuze auf den Fotos. Die Architektur mit hölzernem Wachturm und Stacheldrahtzaun erinnert aber auch an die Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Die visuellen Referenzen, mit denen die Künstlerin arbeitet, weisen in mehrere Richtungen. Sie habe das bewusst offen halten wollen, um die Zuschauer zu aktivieren, sagt sie. Die jungen Männer und Frauen tragen Hemden und Halstücher, auf Armbinden und Flaggen prangt ihr Logo: Diese Aufmachung könnte ebenso gut von faschistischen oder kommunistischen Jugendgruppen inspiriert sein. Auch die Machart evoziert Bilder aus dem Dritten Reich, denn Bartana bezieht sich ästhetisch auf Propagandafilme dieser Zeit, etwa auf jene, die Regisseurin Leni Riefenstahl für Hitler drehte. „Das ist eine Art von Film, die heute niemand mehr macht. Ich wollte herauszufinden, wie man diese Filmsprache verwenden kann, um etwas ganz anderes zu vermitteln,“ erklärt sie.

„Polen ist für meine Familie immer ein Ort des Schreckens geblieben“

Das außergewöhnliche Werk verhalf Bartana zum internationalen Durchbruch. 2011 bespielte sie damit bei der Biennale in Venedig den polnischen Pavillon, als erste nicht-polnische Künstlerin. Teile der Trilogie und darauf bezogene Arbeiten waren in zahlreichen Schauen zu sehen, unter anderem bei der 7. Berlin Biennale. Dort hatte Bartana das Projekt in Form eines internationalen Kongresses des „Jewish Renaissance Movement“ inszeniert. Kurator der 7. Berlin Biennale war der polnische Künstler Artur Zmijewski, der in der Vergangenheit mit provokativen Arbeiten für Aufsehen sorgte, etwa mit dem Film „Berek“ (Fangspiel), in dem nackte Männer und Frauen in einer ehemaligen KZ-Gaskammer Fangen spielen. Für das Double Feature in der SCHIRN hat Yael Bartana seine dokumentarische Arbeit „Them“ ausgewählt. „Der Film passt sehr gut zu meiner Trilogie, denn er geht der Frage nach, was Polen heute eigentlich ist,“ erläutert Bartana. In „Them“ kommen unterschiedliche Menschen zusammen – katholische Frauen, linke Aktivisten und polnische Jugendgruppen – um mit Aktionen wie dem Entwurf eigener Nationalflaggen ihre Ideologien und politischen Vorstellungen abzugleichen.

Bartana selbst nutzt Polen eher als Projektionsfläche austauschbarer Prozesses. Ihre Großeltern waren polnische Juden, zu Polen habe sie aber nie eine Verbindung gehabt. Sie spreche kein Polnisch, erzählt sie, und für ihre Familie sei das Land immer ein Ort des Schreckens geblieben. Sie selbst lebt seit einigen Jahren in Berlin und bearbeitet den äußeren Konflikt in ihrer Heimat und die inneren Konflikte der Israelis von der Ferne aus.