09. August 2015

In der August-Ausgabe des DOUBLE FEATURE präsentiert Riley Harmon den Film „A Method for Blue Logic“. Im Anschluss an ein Künstlergespräch wird sein Lieblingswerk, „The Itch Scratch Itch Cycle“ von Manuel De Landa zu sehen sein.

Von Daniel Urban

Im Jahre 2012 erhielt der US-amerikanische Künstler Riley Harmon (*1987) eine E-Mail von einem ihm unbekannten Verschwörungstheoretiker. Jener hielt Harmon für eine Schauspielerin gleichen Namens, die für die bekannten Protagonisten moderner Paranoiker, also unter anderem die US-Regierung bzw. die imaginiert allmächtigen jüdischen Großfamilien, in inszenierten Tragödien als darstellende Marionette agiere.

Die Mail ließ Harmon nicht mehr los und veranlasste ihn schließlich zu seiner Arbeit „A Method for Blue Logic“ (2014), die als seine Reaktion auf die Nachricht verstanden werden kann: Wir befinden uns an einem Film-Set, eine junge blonde Frau tritt vor die Kamera. Die Stimme aus dem Off führt in die Szenerie ein, erklärt das Bild und schildert zugleich doch eine ganz andere Situation: eine blonde Frau in einem YouTube-Video singt das Cover des alten Jazz-Standards „Georgia on my mind“. Das Bild dazu ist am Film-Set nachgestellt - die blonde Frau bewegt ihre Lippen zu der Original-Aufnahme von YouTube, künstliches Studio-Filmlicht, schließlich liest die Stimme aus dem Off – so scheint es – Nutzerkommentare des Original-Videos vor. Die Kamera bewegt sich weiter, in ein anderes Zimmer, dort liegt ein Mann mit Kopfhörern auf einer Couch, am Rande des Zimmers mehrere Leute, die an eine Filmcrew erinnern und gebannt auf den Mann starren. Auch hier erklingt die Stimme aus dem Off, fast so, als lese sie Drehbuch-Anweisungen vor, fokussiert die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf scheinbar Nebensächliches und verleiht der Szenerie so eine neue Bedeutungsebene. Die Kamera rastet nicht, verlässt das Gebäude, begibt sich zu einem weiteren Drehort am vor dem Haus liegenden Pool und fängt dort zwei Schauspieler bei einem rätselhaften Dialog ein. Hiernach nun tritt der Künstler schließlich selbst vor die Kamera, als blonde, weibliche Riley Harmon verkleidet, und adressiert den unbekannten Verfasser der Mail aus dem Jahr 2012 direkt.

Die filmische oder zumindest videotechnische Beschäftigung mit Verschwörungstheorien liegt eigentlich nahe, wird doch in der Regel vor dem Kameraobjektiv ohnehin eine Welt erschaffen, die der vollständigen Kontrolle des Produzenten unterliegt. Auch der Paranoiker, der in Verschwörungstheorien Erklärungen für eine für ihn nicht vollständig zu durchdringende Realität sucht, erschafft und produziert -- analog zum Filmemacher -- ein stringente Welt, in der alles bis ins Kleinste durchdacht und konzipiert ist. Das Filmset lässt sich in diesem Sinne mit einer durchorganisierten Welt, wie sie der Paranoiker vermutet, vergleichen, in der nicht Chaos und Willkür herrschen, sondern vielmehr alles durch wenige Mächtige kontrolliert und gesteuert wird.

Paranoia beschrieben die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer so in der „Dialektik der Aufklärung" als „Schatten der Erkenntnis" und demnach als „das Symptom des Halbgebildeten", da der Paranoiker die Welt als Ganzes zu erkennen versucht und hier auch teils scharfsinnig zu Werke tritt, sich dann aber im immer gleichen Urteil der Verschwörungstheorie verliert.

Harmon erschafft mit „A Method for Blue Logic" in gewissem Sinne eine Fortführung der Verschwörung, indem er dieser mit einem ganz eigenen, ebenso hermetisch durchkomponierten Werk antwortet, so die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischt und dabei das Artifizielle und Durchkomponierte in den Fokus stellt. In seiner Arbeit „Passengers", die seit 2010 immer wieder um weitere Episoden ergänzt wird, verfolgte Harmon eine ähnliche Arbeitsweise: In bestehende Filmsequenzen aus großen Hollywood-Produktionen fügt er sich selbst ins Bild ein, scheint mit den großen Filmstars direkt zu interagieren und verleiht dem Bestehenden so einen neuen Bedeutungszusammenhang. In diesem Sinne lässt sich auch seine Faszination für die Nachricht des Verschwörungstheoretikers deuten, in der er selbst ohne sein Dazutun in einen komplett neuen Sinnzusammenhang gesetzt wurde.

Manuel De Landa, The Itch Scratch Itch Cycle, 1976, still from a color film in 16 mm, 8 minutes, via Artforum

Extra aus New York als Filmrolle eingeschifft wurde Harmons Lieblingswerk „The Itch Scratch Itch Cycle" des mexikanischen Künstlers, Schriftstellers und Philosophen Manuel De Landa. Der Professor für gegenwärtige Philosophie und Wissenschaft, der an der Schweizer European Graduate School unterrichtet, drehte in den 70ern und 80ern des vergangenen Jahrhunderts nach seinem Kunststudium zahlreiche Independent-Filme, die sich stark mit filmanalytischen Theorien beschäftigen. Der achtminütige „The Itch Scratch Itch Cycle" (1977) stellt so die klassische Schuss-Gegenschuss Schnitttechnik in den Fokus, die bis heute in Dialogsequenzen verwendet wird, indem abwechselnd die Gesprächspartner, der Dialogachse folgend, gezeigt werden. Er dekliniert diese an einer Streitszene zwischen Mann und Frau durch, die in fünf verschiedenen Varianten aus diversen Filmperspektiven und mittels verschiedener Kameratechniken gezeigt wird.

Unser Blickwinkel auf die Realität prägt unser gesamtes Verhältnis zur Welt im Allgemeinen. Film, wie kaum ein anderes Medium, lässt uns so nahezu absolut die Realität eines anderen erfahren, wir nehmen seinen visuellen Blick, seine Wahrnehmung uneingeschränkt wahr. Die theoretischen wie auch praktischen Konsequenzen hieraus stellen sowohl Riley Harmon als auch Manuel De Landa in „The Itch Scratch Itch Cycle" in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten.