20. April 2016

Am 27. April präsentiert Raphaela Vogel ihre neue Arbeit "Prophecy" im DOUBLE FEATURE. Im Anschluss an das Künstlergespräch wird ihr Lieblingsfilm „Joan Lui“ von Adriano Celentano gezeigt.

Von Daniel Urban

Das Verhältnis vom Menschen zur Technik könnte man als ein von jeher merkwürdig belastetes beschreiben. Erinnert man sich an den biblischen Ausspruch "Macht euch die Welt Untertan", der hier noch die lebende Umwelt meinte, so sollte man davon ausgehen, dass dieser für die Technik erst recht gelten möge, welche als Ding ja vom Menschen selbst erschaffen wurde. Stattdessen scheinen apokalyptische Ängste oder übertriebene Heilsversprechen den Umgang mit Technik zu bestimmen und einem Günther Anders Begrifflichkeit von der prometheischen Scham in Erinnerung zu rufen: jene Scham nämlich, die der Mensch angesichts seiner eigenen Unterlegenheit gegenüber seinen technischen Schöpfungen empfindet.

Als zentrales Element in gleich mehreren Video-Arbeiten der in Amsterdam lebenden Raphaela Vogel (*1988) lässt sich die Künstlerin selbst, vielmehr gar ihr Körper, und eine mit einer Kamera ausgestattete Drohne ausmachen. In „Prophecy“ beispielsweise umfliegt sie die Drohne  an einem Strandabschnitt, der vom sentimental anmutenden Licht der untergehenden Sonne bestrahlt wird. Vogel hantiert mit einem langen, weißen, fast durchsichtigen Tuch, das vom Meereswind umspielt und von der Künstlerin dirigiert wird – das gesamte Setting erinnert den Betrachter vage an kitschige Urlaubswerbung oder ruft etwa Assoziationen an Raffaello-Werbung wach.

Flugobjekt auf Kollisionskurs

Die verzerrte Fischaugenoptik der Kamera und die bedrohlich ins Bild ragenden Propeller der Drohne konterkarieren die evozierte Stimmung jedoch unmittelbar und die merkwürdig bearbeitete Version des Songs "Prophecy" der Metal-Band Soulfly, die auf der Tonebene erklingt, tut hierzu ihr Übriges. Im knapp viereinhalb-minütigen Werk fliegt die Drohne immer wieder auf die Künstlerin zu, setzt zurück, fast so als wolle sie Anlauf nehmen, um dann auf direkten Kollisionskurs zu gehen, gesteuert von einem scheinbar übergriffig werdenden Stalker, der mittels Technik in die Privatheit seines Opfers eindringt. Das Bild splittet sich in einem Kaleidoskop-Effekt auf, die Drohne wird schließlich von dem langen, weißen Tuch in Beschlag genommen, bis man schlussendlich entdeckt: das Fluggerät wird von Vogel selbst gesteuert, das Steuermodul hält sie die ganze Zeit in der Hand.

Raphaela Vogel sieht in der Drohne den maskulinen Blick auf die Welt repräsentiert, in "Prophecy" bricht sie diesen Blick ironisch, stellt jedoch gleichzeitig das Verhältnis von Technik und Mensch, Dominierenden und Dominierten in den Vordergrund. In der Video-Arbeit "Schafe" wird die unheimliche Qualität der technischen Errungenschaften, die vollbringen können wozu der Mensch nicht im Stande ist, auf die Spitze getrieben: Hier folgt eine Schafsherde einer fliegenden Drohne mit Skelettkopf, bevor die Schamanen-Drohne die Tiere schließlich verängstigt und in die Flucht treibt.

Die Technik verselbstständigt sich

In "Prokon" hingegen scheint eine Drohne entweder als Hohepriester oder Teilnehmer einem okkulten Ritual beizuwohnen, in Vogels Installationen tauchen immer wieder technische oder mechanische Apparaturen auf, deren Sinn sich dem Betrachter – wenn überhaupt – erst auf den zweiten Blick erschließt. Sowohl die Drohnen als auch Vogels sonstige technisch-mechanischen Konstruktionen umweht so eine spirituell-unheimliche Aura: die Technik erscheint verselbstständig, obgleich die menschliche Steuerung überhaupt nicht verheimlicht wird.

Mit „Joan Lui - Ma un giorno nel paese arrivo io di lunedì“ (z. dt. „Eines Tages werde ich kommen und es wird Montag sein“) aus dem Jahre 1985 wird im Anschluss die letzte Regie-Arbeit des hauptsächlich als Sänger und Schauspieler bekannten Adriano Celentano zu sehen sein. Das wahnwitzige Musical zeigt Celentano, der neben der Hauptrolle auch Regie, Drehbuch, Musik und Schnitt übernommen hat, in der Rolle des wiederkehrenden Christus, der im Italien der 80er-Jahre in rasender Geschwindigkeit zum Popstar aufsteigt, die Mengen in Ekstase versetzt und zeitgleich apokalyptische Szenen heraufbeschwört, sich schließlich einen Verbrecher-Boss zum Feind macht, der ihn sodann wieder ins Jenseits befördern möchte.

Phänomenal absonderlich

Der Filmkritiker Georg Seeßlen beschrieb den Film seinerzeit mit folgenden Worten: „Joan Lui ist ein interessanter, absolut danebengegangener Film“. Auch die involvierten Produktionsfirmen und Verleihe hatten ihre Probleme mit dem Werk: Die Kinofassung wurde von 163 auf 133 Minuten gekürzt, die italienische DVD-Version umfasst nur noch 126 Minuten, während die deutsche Fassung auf 107 Minuten gekürzt wurde. Raphaela Vogel begründet ihre Filmauswahl ganz simpel mit einem Namen: Adriano Celentano. Und in der Tat – dem Berserker Celentano bei seiner Tour de Force zuzusehen, bleibt trotz aller handwerklichen Fehler, inhaltlicher Schwächen und sonstiger bizarrer Ideen in „Joan Lui“ vor allem eins: ein großes, phänomenal absonderliches Vergnügen.