11. Dezember 2015

Im letzten DOUBLE FEATURE des Jahres am 16. Dezember ist die kanadisch-stämmige Künstlerin Melanie Gilligan zu Gast.

Von Daniel Urban

Der Kapitalismus, dieses ungestüme wie auch bedeutungsschwangere Etwas, hat in den letzten Jahren das nahezu Unmögliche geschafft: Vom Anarcho-Kapitalisten der Tea-Party-Bewegung über den Mittelstand, der sich irgendwie von ihm betrogen fühlt, hin zum Sozialdemokraten, der ihn zu bändigen sucht bis zum autonomen Linksradikalen, der ihn überwinden möchte – ein jeder führt ihn im Munde und versucht auf die ein oder andere Weise die Welt mit oder gegen ihn zu deuten.

Während der eine das Problem darin sieht, dass wir den Kapitalismus zu sehr beschneiden und die Lösung die absolute Entfesselung wäre, sieht der Nächste im Gegenteil die Auflösung. Einigkeit besteht höchstens in der These, dass jegliche Aufrollung des Problems global zu erfolgen hat, denn die Welt des 21. Jahrhunderts ist eben vor allen Dingen eins: eine kapitalistische.

Melanie Gilligan, Popular Unrest, 2010, Copyright the artist

In „Self-Capital“ (2009), einer dreiteiligen Videoarbeit der aus Toronto stammenden Melanie Gilligan (*1979), wird die Thematik jedoch von einer anderen Seite beleuchtet: hier wird nicht das Leiden der Menschen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsform in den Mittelpunkt gestellt, sondern das der globalen Ökonomie selbst. Diese, dargestellt von Penelope McGhie, wird aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung, hervorgerufen durch eine schwere Krise, als besonderer Härte-Fall von einem Psychiater zum nächsten gereicht.

Alles ist von der globalen Ökonomie durchdrungen

In Rückschnitten sieht man die personifizierte globale Ökonomie in einer Buchhandlung lustvoll laut wirtschaftliche Begriffe vorlesen: „industry clusters“, „chambers of commerce“, „creative industry“, „commercial“, „emerging markets“ – besondere Freunde scheint das Wort „migrant workers“ hervorzurufen. Symptomatisch zu Tage tritt die  Krise schließlich, als Wörter wie „workers“, „casual labour“ oder auch „wages“ Erbrechen statt libidinöse Freude hervorrufen. In „Self-Capital“ ist schier alles von der globalen Ökonomie durchdrungen und so lässt die Künstlerin Penelope McGhie auch alle Rollen - Patient und Psychiater, Verkäufer und Käufer - spielen und die geschundene Psyche durch eine Art von Körpertherapie behandeln.

Melanie Gilligan, Self Capital, 2009, Copyright the artist

Melanie Gilligan hat in ihren vergangenen Arbeiten, bestehend aus Video und Installationen, immer wieder die kapitalistische Verwertungsform und damit einhergehende gesellschaftliche Probleme thematisiert. In einem Marx-Lesekreis im Jahre 2005 wurde sie auf die Krisenhaftigkeit der Wirtschaftsform aufmerksam und veröffentlichte 2008, im Jahr der großen Finanz- und Immobilienkrise, die Video-Reihe „Crisis in the Credit System“, in der sie Schlussfolgerungen aus den von ihr durchgeführten Interviews in der Londoner Finanzwelt in einer fiktionalen Geschichte aufarbeitet. Bei „Popular Unrest“ (2010) handelt sich um eine Art Science-Fiction/Horror-TV-Serie, wiederum in fünf Episoden aufgeteilt. „Popular Unrest“ spielt in einer Version unserer Welt, in der ein weltumspannendes System – „The Spirit“ – alle persönlichen wie auch wirtschaftlichen Interaktionen zwischen Menschen organisiert.

Der Drang, allem einen Wert zuzuschreiben

Ein Handlungsstrang beschäftigt sich mit einer Mordreihe, bei der Menschen plötzlich von einem aus dem Nichts erscheinendem Messer erstochen werden. Zeitgleich hierzu kommt es zu einem unerklärlichen sozialen Phänomen, bei dem sich vollkommen fremde Menschen zu kleineren oder auch größeren Gruppen zusammenfinden und aus dem Nichts heraus eine große emotionale Bindung zueinander aufbauen. Eine Forschungsgruppe versucht im Folgenden den Zusammenhang zwischen einer solchen Gruppe, der Mordreihe und der Quasi-Entität The Spirit herzustellen.

Melanie Gilligan, Popular Unrest, 2010, Copyright the artist

Gilligan, die auch schon in anderen Arbeiten auf das aktuell sehr beliebte episodische Erzählformat zurückgreift, kombiniert in „Popular Unrest“ die Ästhetik von hauptsächlich amerikanischen TV-Krimi-Formaten, wie man sie beispielsweise aus der Serie CSI kennt, mit Komponenten des sogenannten „body horror“, als dessen bekanntester Vertreter der amerikanische Regisseur David Cronenberg anzusehen ist. Für „body horror“ zentral ist die Darstellung gewaltsamer und schmerzhafter Veränderung des Körpers, normalerweise durch Metamorphosen, Verstümmelung oder Mutationen, die in der Regel in der Transformation zu einer neuen Gestalt mündet. Der „Spirit“ in „Popular Unrest“ wird so beschrieben, wie man heute im allgemeinen die kapitalistische Verwertungsform beschreibt: sie durchsetzt alles, hat den Drang alles mit jedem zu vergleichen um ihm schließlich einen Wert zuzuschreiben und so eine gewisse Ordnungsform herzustellen, oder wie manche sagen würden: eine Herrschaftsform zu etablieren.

Psychische Leiden werden zu physischem Gewaltterror

Der Begriff „body horror“ umschreibt auch sehr gut Andrzej Żuławskis Film „Possession“ aus dem Jahr 1981. Der in West-Berlin gedrehte Film war bis zu seiner VHS-Veröffentlichung im Jahre 1999 in der amerikanischen Fassung um gut 45 Minuten gekürzt, in Deutschland kam er seinerzeit gar nicht erst ins Kino. Der Film erzählt das Auseinanderbrechen der sowie den erbitterten Kampf um die Beziehung von Anna (Isabelle Adjani) und Mark (Sam Neill). Zu Beginn des Films verlässt Anna Mark und ihren gemeinsamen kleinen Sohn, um – wie Mark zumindest glaubt – mit einem anderen Mann zusammenzuleben. Dies stellt nur den Auftakt einer immer bizarrer wie auch brutaler werdenden Geschichte dar, deren Bildgewaltigkeit nur durch das aufreibende wie auch immens beeindruckende Spiel der beiden Schauspieler, insbesondere von Isabelle Adjani, übertroffen wird. Oder wie es das „Lexikon des internationalen Films“ pointiert formuliert: Żuławskis verstehe es, „aus dem absurden Gewalttheater nachhaltig bewegendes Kunstkino“ zu machen.

Żuławskis, der das Drehbuch während einer schmerzhaften Trennung schrieb, übersetzt das private Kriegsfeld, das der Bruch einer Beziehung darstellt, in das Genre des Horror-Films und transformiert im Rahmen dessen die psychischen Leiden in physischen Gewaltterror. Dieses Externalisieren von inneren Zuständen ist auch immer wieder bei Melanie Gilligan zu finden, deren Protagonisten die psychischen Auswirkungen der kapitalistischen Verwertungsform immer direkt am Körper erfahren müssen – sei es durch psychische wie physische Dysfunktionen oder ultimativ durch den Tod.