20. Februar 2014

In der Februar-Ausgabe des DOUBLE FEATURE am 26.2. stellt die SCHIRN drei Video-Arbeiten der Künstlerin Mathilde ter Heijne vor. Im Anschluss wird der Lieblingsfilm der Künstlerin – „Born in Flames“ von Lizzie Borden – gezeigt.

Von Daniel Urban

Sogenannten alternativen Lebensentwürfen wohnt die Eigenschaft inne, uns mindestens genauso viel über uns wie über das jeweilige Lebensmodell selbst zu verraten. Der Einblick in eine andere Lebensrealität verlangt eine Reaktion, sei diese auch nur strikte Ablehnung oder bloße Indifferenz, unabhängig davon ob diese nun sprachlich ausgedrückt und reflektiert wird oder bloß emotional und somit innerlich bleibt.

Die im Südwesten der Volksrepublik China lebende ethnische Gruppe der Mosou führt uns ein solches alternatives Lebensmodell vor Augen. Die Gesellschaftsform der Mosou ist eine der Matrilinearität, das heißt, alle sozialen Eigenschaften sowie Regelungen des Eigentums betreffend vererben sich über die mütterliche Line, ganz im Gegensatz also zu der z.B. in Europa historisch verwurzelten patriarchalen Gesellschaftsstruktur, die vom Soziologen Max Weber Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben wurde. Die Videoarbeit „Constructing Matriarchy“ (2007) der niederländischen Künstlerin Mathilde ter Heijne gewährt einen kleinen Einblick in das Gesellschaftsmodell der Mosou. In der gut zwölf-minütigen Arbeit wird eine Dorfgemeinschaft beim Bau eines Familienhauses gezeigt, während als voice-over eine junge Mosou über die sogenannte "Besuchsehe" Auskunft gibt. Bei dieser Form der Beziehung leben die Partner nicht zusammen. Stattdessen besucht der Mann die Frau, die ab dem gebärfähigen Alter einen Anspruch auf ein eigenes Zimmer hat, lediglich nachts als Geliebter, um anschließend wieder zur eigenen Familie zurückzukehren. Sowohl Mann als auch Frau ist es hierbei erlaubt, mehrere Partner gleichzeitig zu haben, wobei dies eher selten geschieht und die Besuchsehen teilweise auch ein Leben lang halten.

Die seit über eine Dekade in Berlin lebende Künstlerin stellte den Film als mixed-media Installation gemeinsam mit dem im kleineren Maßstab nachgebauten Familienhaus 2007 in Peking aus und regte so anschaulich zum Nachdenken über alternative Gesellschaftsformen, gerade hinsichtlich einer feministischen Betrachtungsweise, an. In ihren Arbeiten, bestehend aus Video, Skulpturen, Performances und Installationen beschäftigt sich die 1969 in Straßburg geborene Künstlerin immer wieder mit gesellschaftlichen und kulturellen Phänomen, die sie auf ihre geschlechtsspezifischen Hintergründe befragt. Gerade in den letzten Jahren stellte Ter Heijne in Projekten Arbeiten her, denen – wie „Constructing Matriarchy“ – auch ein gewisses ethnologisches Interesse innewohnt. „Lament – Song for Transitions“ (2010) entstand so nach einem von der Künstlerin organisierten Workshop in Helsinki, in welchem die Teilnehmerinnen in den Klagelied-Brauch des finnisch-ugrischen Volkes der Karelier eingeführt wurden. Auf der Tonspur ist so auch ein herzzerreißender Klagegesang zu hören, während auf der Bildebene in einer split-screen Montage Aufnahmen aus dem Workshop mit Ausschnitten aus „Häiden vietto Karjalan runomailla“ (1921), dem ersten ethnologischen Film über eine karelische Hochzeit, zusammengeschnitten werden. 

In „Olacak!“ (2010) arbeitete Mathilde ter Heijne mit 75 Frauen des Istanbuler Kartal Kadın Ürünleri Pazarı, dem Markt für Produkte von Frauen, zusammen. Diese hatten, um mehr Aufmerksamkeit für den Markt zu gewinnen, eine 30 Meter lange Stoffschlange genäht und diese durch die Stadt getragen. Die Künstlerin befragte die Frauen über ihr persönliches Leben sowie ihre Beteiligung am Markt und filmte sie anschließend bei der Prozession durch die Stadt. Aus den Antworten ließ Ter Heijne von der Musikerin Monika Bulanda einen Rap-Song kreieren, der als Filmmusik dient. Der Betrachter erlebt so gleichermaßen die Selbstermächtigung der nach wie vor zurückgestellten Frauen und wird durch das Musikstück gleichermaßen in die Gefühlswelt der Frauen hineingezogen.

Als Lieblingsfilm hat sich ter Heijne für Lizzie Bordens feministischen Science-Fiction Film „Born in flames“ aus dem Jahre 1983 entschieden. In pseudo-dokumentarischen Ausschnitten wird die gesellschaftliche Situation der Frauen zehn Jahre nach Entstehen der sozialistischen Demokratie der USA gezeigt. Sie gründen eine Untergrund-Armee, um sich gegen die täglich stattfindenden Belästigungen, vor denen der Souverän sie nicht zu schützen vermag, zur Wehr zu setzen. Als Antwort auf die Gründung der immer präsenter auftretenden Guerilla kommt es zu Massenentlassungen von Frauen. Die Situation eskaliert, als eine Anführerin der Guerilla-Armee festgenommen wird und unter ungeklärten Umständen in der Gefängniszelle stirbt.

Der Film, der seine Premiere auf der Berlinale 1983 feierte, wurde mittlerweile vom renommierten amerikanischen Filmmaker-Magazine in die Liste der einflussreichsten Independent-Filme aufgenommen. In aufreibender Weise verwebt er dokumentarische anmutende Aufnahmen mit wütender Indie-Musik zu einem feministischen Manifest, dessen impliziter Aufruf zur Gegengewalt jedoch kontrovers diskutiert werden kann. Fernab von moralischer Bewertung veranschaulicht „Born in flames“ jedoch ebenso wie Mathilde ter Heijnes in „Olacak!“ eine weiterführende Auseinandersetzung mit der Selbstermächtigung der Frau.