19. Februar 2015

In der Februar-Ausgabe des Double Feature zeigt die SCHIRN „Apicula Enigma“ der in London lebenden Künstlerin Marine Hugonnier. Im zweiten Teil des Abends wird ihr Lieblingsfilm „Honor de cavalleria“ gezeigt.

Von Daniel Urban

Der sogenannte Bienenstaat und die in ihr lebende Honigbiene muss immer wieder für Vergleiche, seien sie staatspolitischer oder sozialwissenschaftlicher Art, herhalten. Verhaltensweisen wie die Schwarmintelligenz oder die Sozialstruktur des Bienenstaats, in der die einzelnen Honigbienen letztlich doch immer dem Kollektiv dienen, bieten sich scheinbar wie von selbst als analoge Metapher auf das menschliche Zusammenleben oder dessen politisch-gesellschaftliche Organisation an. Schon die Nutzung ursprünglich anthropologischer bzw. rechtsphilosophischer Begriffe wie „Sozialstruktur" oder „Staatswesen" in jenem Kontext kann auf den zweiten Blick verwirrend wirken und als pedantisches Bedürfnis, die vorgefundene Natur nach menschlichen Maßstaben zu interpretieren, ausgelegt werden.

Der gut 26-minütige Film „Apicula Enigma" (2013) der 1969 in Paris geborenen Künstlerin Marine Hugonnier wirkt auf den ersten Blick wie ein Dokumentar-Film. Auf der Tonebene hört man das Zirpen von Grillen, nach einigen Augenblicken schwarzen Bildes eröffnet sich dem Betrachter eine farbenreiche Wald- und Wiesenlandschaft, die schließlich ein Imker in voller Montur betritt. In den folgenden Minuten, so formt sich die Vorahnung, wird man über das "Apicula Enigma" -- das Geheimnis der Bienen -- aufgeklärt werden. Wer jedoch schon frühere Filmarbeiten von Hugonnier sehen durfte, wird ganz richtig vermuten, dass dies im Folgenden zumindest nicht im narrativen Sinne passieren wird. In vergangenen Werken thematisierte die Künstlerin jeweils den Blick des Betrachters auf ein bestimmtes Objekt, so zum Beispiel den militärische Blickwinkel auf einen Staat („Ariana", 2003), den Blick des Touristen auf ein bestimmtes Reiseziel („The Last Tour", 2004) oder jenen eines Besuchers auf die Räumlichkeiten eines Museums („The Cyistal Palace", 2009).

In „Apicula Enigma" nun werden wir in langen, in sich ruhenden Bildern in die Welt der Honigbienen entführt, wiederholt sind in statischen Großaufnahmen minutenlang die Bienen bei ihrem Treiben im Koschuta-Gebirge im österreichischen Kärnten zu sehen. Der für Dokumentarfilme typische Off-Kommentar fehlt völlig, stattdessen zeigt Hugonnier immer wieder das Filmteam bei der Arbeit: wie der Tontechniker mit der Tonangel hantiert, wie die Brennweite ausgemessen oder Objektive gereinigt werden. So rekurriert Hugonnier auf die oft selbstverständlich unterstellte Realitätsabbildung eines Filmbildes, dessen vermeintliche Objektivität doch tatsächlich immer nur die subjektive Perspektive des Filmemachers präsentiert. So ist denn auch der einzig gesprochene Satz am Anfang des Filmes -- „Nature doesn't tell stories" -- zu verstehen: der Mensch erzählt, nicht das thematisierte Objekt; ob nun verbal oder mittels eines Bildes.

Die Würde des Lebens

Im Anschluss an ein Gespräch mit der Künstlerin wird ihr ausgesuchter Lieblingsfilm, „Honor de cavalleria" von Albert Serra, zu sehen sein. Vollkommen ohne staatliche Zuschüsse finanziert, erschien der Film im Jahr 2006 und wurde auf mehreren internationalen Filmfestivals ausgezeichnet. Die Handlung scheint in einer Art Paralleluniversum zu Miguel de Cervantes Roman über Don Quijote und dessen treuen Gefolgen Sancho Panza zu spielen. Während Cervantes Figuren nämlich ihre eigentümlichen Abenteuer erleben, sind Serras Quijote und Sancho reduzierte Gegenentwürfe ihrer Namenspaten. In langen Einstellungen, gefilmt komplett ohne künstliche Beleuchtung, ist man für die Dauer des gut 100-minütigen Spielfilmdebüts steter Begleiter der Protagonisten, die die meiste Zeit eigentlich nichts Besonderes zu tun haben. Vollkommen jenseits jeglicher Psychologisierung schaut man Don Quijote und Sancho beim Wandern durch die heiße Sommersonne, beim Schwimmen oder Schlafen zu. Geredet wird kaum, wenn überhaupt befiehlt Quijote seinem treuen Begleiter im autoritär-fürsorglichen Ton kleinere Aufgaben zu erledigen oder er versucht, vermeintliche Lebensweisheiten zu vermitteln. Die umgebende Flora und Fauna nimmt in gewissem Sinne die tragende dritte Hauptrolle ein, wird diese doch in „Honor de cavalleria" in ihrer vollen Pracht, nahezu dokumentarisch, in Szene gesetzt.

Serra lässt in „Honor de cavalleria" weder Natur noch Menschen eine Geschichte erzählen. Vielmehr zeigt er jenseits von Begrifflichkeiten, Zuordnungen oder Zusammenhängen schlichtweg deren sprichwörtliches Existieren, das ihnen so unvergleichlich Würde und Anmut verleiht. Vielleicht liegt genau hierin auch das im Titel von „Apicula Enigma" angedeutete Geheimnis.