26. Januar 2015

Double Feature im Januar präsentiert die neueste Arbeit des schottischen Künstlers Luke Fowler. Im Anschluss an ein Künstlergespräch wird dessen Lieblingsfilm „Paris is burning“ zu sehen sein.

Von Daniel Urban

In gewisser Weise kann das 20. Jahrhundert nicht nur als das der großen, national-ideologischen Kollektive betrachtet werden, sondern auch als jenes der kleinteilig organisierten Gruppierungen. Mögen es nun Kommunen, Arbeitsgruppen, Kunst-Kollektive oder Subkulturgruppen gewesen sein: Alle hatten ihre ganz eigenen, innerhalb der Gruppe bzw. dem Kollektiv geteilten Ansichten. Im Rahmen einer immer schneller stattfindenden Historisierung auch der jüngsten Geschichte, beschäftigen sich nicht nur Außenstehende zeitnah mit den Idealen und tatsächlichen Realitäten solcher Kollektive, sondern lassen selbstverständlich auch die Beteiligten selbst im Sinne einer Oral History zu Wort kommen.

Doppelt so hart arbeiten wie ein Mann

In ihrer Gemeinschaftsarbeit spüren der in Glasgow lebende Künstler Luke Fowler (1978) und der Soundkünstler Mark Fell (1966) einer solchen Gruppe nach: dem ersten feministischen Fotografie-Zentrums Großbritanniens, dem „Pavilion" in Leeds. 1983 gegründet, setzten sich die Begründer des Pavilion zum Ziel, weibliche Fotografinnen zu fördern, die Repräsentation von Frauen in Fotografie und Medien kritisch zu hinterfragen und an einer Veränderung der Zustände mitzuwirken. Die knapp 80-minütige Arbeit „To the Editor of Amateur Photographer" (2014) stellt sich als dokumentarfilmhafte Montage dar: Insgesamt 1200 Fotos aus dem Archiv des Pavilion, Dokumente wie Finanzierungs- und Ausstellungspläne oder inhaltliche Dossiers zur Ausrichtung des Fotografie-Forums wie auch Cover von feministischen, gesellschaftskritischen Magazinen werden mit Interview-Passagen der Pavilion-Mitglieder verwoben, in denen die Interviewten ausgewählte Fotografien beschreiben, die immer eine Brücke zu subjektiven Betrachtungen der damaligen Arbeit schlagen.

So erinnert sich eine Befragte daran, dass man immer davon ausgegangen sei, dass irgendwann auch die Frauen der Arbeiterklasse das Zentrum aufsuchen würden, dies tatsächlich aber nie eingetreten sei. Die damals für Kodak tätige Fotografin Jennifer Ransom wiederum erinnert, dass ihr männliche Arbeitskollegen, die sie grundsätzlich in ihrem beruflichen Streben unterstützten, immer einbläuten, dass sie doppelt so hart wie ein Mann arbeiten müsse, um im Job voranzukommen. Deborah Best hingegen findet es bezeichnend, dass es ausgerechnet wieder einmal zwei Männer seien, die sich der Aufarbeitung des feministischen Foto-Zentrums annehmen -- wie es immer Männer sind, die Handlungen von Frauen beurteilen würden.

Fowler und Fell stellen so ihre eigene Position als vermeintlich objektive Auswerter der historischen Fakten zur Disposition, wie sie auch auf der inhaltlichen Ebene durch die individuellen, sehr subjektiven Schilderungen der Befragten Abstand von einer eindeutigen Deutungslinie nehmen. In vorangegangen Arbeiten setzte sich Fowler in collagenhaften Dokumentationen immer wieder mit historischen Persönlichkeiten auseinander, wie etwa dem schottischen Psychiater Ronald D. Laing und der von ihm mitbegründeten Anti-Psychatrie-Bewegung oder dem britischen Komponisten und Improvisationsmusiker Cornelius Cardew.

Einblick in eine bis dato vielen Menschen unbekannte Subkultur

Für den zweiten Teil des Double Features hat sich Luke Fowler "Paris is Burning" von Jennie Livingston ausgesucht. Der 1990 veröffentlichte Film beleuchtet die „Ball culture" der LGBT- (Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle) Subkultur und deren hauptsächlich afro- und latein-amerikanischen Protagonisten im New York der 1980er. Angelehnt an die Travestie-Shows der 1930er-Jahre, die in kleinen Schwulen-Kneipen mehrmals im Jahr stattfanden, entwickelten sich ab den 1960er-Jahren in Harlem rasch größer werdende Events, genannt Bälle, auf denen Dragqueens Modeläufe aufführten. Über die Jahre wuchs die Zahl der Teilnehmer stetig, so dass themenbezogene Bälle von familienähnlichen Gruppen, den sogenannten Häusern, veranstaltet wurden.

In „Paris is Burning" verschaffte Livingston erstmals einer größeren Zuschauerschaft Einblick in die bis dato vielen Menschen unbekannten Subkultur und lässt gleichzeitig deren Vertreter zu Wort kommen. Der Gegenpol zu den unbekümmerten und vor Lebensfreude strotzenden Ballaufnahmen bilden hier die Kommentare der Befragten, die erschütternd offen über traumatisierende Erfahrung von Ausgrenzung, Gewalt und Verachtung berichten. Nur in den Bällen sehen sie die Möglichkeit, für einen Augenblick das darstellen zu können, was sie selbst sein wollen und ihnen doch stets verwehrt wird: akzeptiert und bewundert, nicht ausgegrenzt. Diese Bewusstmachung der gegenteiligen Realität verbindet „Burning in Paris" sodann inhaltlich wie auch programmatisch mit Fowler & Fells reflektiert-dokumentarischen Auseinandersetzung mit dem Pavilion und dessen Protagonistinnen.