19. Februar 2016

In der Februar-Ausgabe des DOUBLE FEATURES präsentiert die SCHIRN mit „The Thoughtful Leader“ eine Arbeit von Liz Magic Laser. Im Anschluss wird Lasers Lieblingsfilm „A Touch of Sin“ zu sehen sein.

Von Daniel Urban

Der öffentlichen, freien Rede wohnt eine besondere Anziehungskraft inne. Wenngleich penibel vorbereitet, wirkt sie unmittelbarer und persönlicher als das abgelesene Referat, hat den Anschein, als sei sie – was im Einzelfall natürlich auch zutreffen kann – frei im Moment entwickelt oder zumindest auf den Augenblick angepasst.

Redner genossen schon im antiken Griechenland oder im römischen Reich ein hohes Ansehen und die Kunst der Beredsamkeit wurde in speziellen Rednerschulen vermittelt. Neben der eigentlichen Beredsamkeit stellt auch die Vortragsart in Geschwindigkeit, Ausdruck, Rhetorik, Mimik oder Gestik einen nicht unwesentlichen Teil in der Bewertung einer freien Rede dar und rückt diese, so ließe sich festhalten, in die Nähe der Schauspielkunst.

Der Optimismus der Gesellschaft

“I am sick man … I am a spiteful man“ sind die ersten Worte des Vortragenden in „The Thoughtful Leader“ (2015) der amerikanischen Künstlerin Liz Magic Laser (*1981). Gesprochen werden diese auf einer professionell ausgeleuchteten Bühne von einem adrett gekleideten Jungen, der vom zehnjährigen Schauspieler Alex Ammerman dargestellt wird.

Der Junge hält vor einem in Zwischenschnitten immer wieder gezeigten Publikum eine freie Rede, die sich gewaschen hat: Er berichtet von der abgrundtiefen Bedeutungslosigkeit, mit der sich jedes Individuum irgendwann konfrontiert sieht, verkündet, dass es am besten sei überhaupt nichts zu tun und greift den Fortschrittsglauben sowie den seiner Sicht nach ideologischen Optimismus der Gesellschaft an.

Heruntergebrochen auf 18 Minuten

„Ich bin ein kranker Mensch … Ich bin ein schlechter Mensch“ – so beginnt auch Fjodor Dostojewskis 1864 erschienener Roman „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, in dessen erstem Teil der namenlose Protagonist in einer Niederschrift sich selbst und die ihn umgebene Gesellschaft mit scharfen Gedanken vernichtend aburteilt.Liz Laser nun lässt Ammerman in „The Thoughful Leader“ die Anklageschrift des Protagonisten aus Dostojewskis Werk zitieren bzw. paraphrasieren und setzt diesen in den formalen Rahmen eines freien Vortrags.

Liz Magic Laser, The Thought Leader, 2015, Filmstill, Copyright the artist

Formalästhetisch erinnert dieser stark an die weltweit bekannte TED-Vortragsreihe der gemeinnützigen Sapling Foundation, in der bekannte wie auch weniger bekannte Personen freie Vorträge zu wissenschaftlichen oder (gesellschafts-)politischen Themenbereichen halten, deren Länge 18 Minuten nicht überschreiten darf.

Eine starke Nähe zum Existenzialismus

Ammerman reproduziert den Duktus der TED-Referenten scheinbar mühelos und seine Vortragsweise suggeriert ein tieferes Verständnis der vorgetragenen Kultur- und Gesellschaftskritik, deren Inhalt eine starke Nähe zum Existenzialismus nicht abgesprochen werden kann. Die Reaktion des Publikums scheint zwischen Betroffenheit und Ablehnung zu changieren.

Liz Magic Laser, The Thought Leader, 2015, Filmstill, Copyright the artist

„The Thoughtful Leader“ lässt sich so als eine Art satirischer Kommentar zum speziellen Duktus der Referenten betrachten, die publikumswirksam und leger in zeitlich stark begrenzten Reden auch noch so komplexe Themeninhalte in eine kurzweilige und leicht konsumierbare Form pressen, bevor der Nächste mit etwas komplett anderem an der Reihe ist.

Die Überlebenschancen der Menschheit

Immer wieder beschäftigt sich Liz Laser in ihren Video-Arbeiten und Mixed Media Performances mit der Frage nach den Vermittlungsformen verschiedener Themengebiete wie Werbung oder Nachrichten und spürt deren Berührungspunkten nach.  In "I Feel Your Pain" (2011) ließ Laser so beispielsweise im Publikum platzierte Schauspieler Passagen aus Politikerinterviews nachagieren und arbeitete so deren überemotionalisierten Gehalt heraus, in der Videoarbeit „Service“ (2009) streitet sich ein verheiratetes Paar auf einer Dinner-Party mit Zitaten aus sogenannten Desaster-Movies wie "Armageddon", "The Day After Tomorrow" oder "Outbreak" über die Überlebenschancen der Menschheit.

I Feel Your Pain (A Performa Commission), Liz Magic Laser, 2011, production still, SVA Silas Theater, New York. Photo: Paula Court, via lizmagiclaser.com

Als Lieblingsfilm hat sich Liz Laser für „Tian zhu ding“ (engl. „A Touch of Sin“) des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke aus dem Jahr 2013 entschieden, der in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Der Originaltitel verweist auf das Genre der Wuxia-Filme, asiatischer Kampfkunstfilme, dessen bekannter Vertreter „Tiger and Dragon“ von Ang Lee dieses schon um Einiges ältere Gerne auch im Westen populär machte. Der Film erzählt vier Geschichten aus dem neueren China, die lose an tatsächliche Ereignisse angelehnt sind.

Die monströse Ungerechtigkeit

Die verschiedenen Episoden berichten vom täglichen Unrecht, dem die Protagonisten ausgeliefert sind und dessen Last sich schließlich in gewalttätigen Aktionen bahnbricht. So versucht der ehemalige Minenarbeiter Dao in der ersten Episode gegen die allumfassende Korruption in seiner Provinz, die final in der Bereicherung einiger Weniger auf Kosten der ärmlichen Allgemeinheit mündet, aufzuwiegeln und –begehren. Als dies schließlich scheitert, greift Dao zur Waffe und wird zum Amokläufer. In ruhigen, poetischen Bildern filmt Jia Zhangke jenseits klischeehafter Emotionalisierung so die monströse Ungerechtigkeit, mit der sich der Einzelne konfrontiert sieht und schließlich nicht anders zu reagieren weiß, als mit genau eben jener zu antworten.

In Lasers Arbeiten spiegelt sich die Auswirkung des filmischen Hollywood-Narrativ auf andere performative Akte wider, seien es Vorträge, Politiker-Interviews oder gar das private Gespräch. Bei „A Touch of Sin“ stellt im Umkehrschluss die Realität eine Grundskizze für die filmische Welt bereit, die dann aber immer noch so treffend zu sein scheint, dass nicht nur dieser Film von Jia Zhangke in China verboten wurde.