19. Juni 2015

Am 24. Juni präsentiert die Künstlerin Hanna Hildebrand im Double Feature ihre neue Arbeit „Helianthus Coco“. Als Lieblingsfilm der Künstlerin im zweiten Teil des Abends wird Billy Wilders „Ace in the hole“ zu sehen sein.

Von Daniel Urban

Dem Alltäglichen scheinen -- so meint man bei näherer Auseinandersetzung zu verstehen -- zwei Bedeutungsebenen innezuwohnen: die Banale und die Transzendentale, also über das Offensichtliche hinausgehende. Ein Pissoir kann man so seinem Sinne nach nutzen, oder es seinem Bedeutungs- / Sinnzusammenhang entreißen und es in einem Museum ausstellen.

In diesem Sinne kann eine Frage als Informationsbegierde begriffen, andererseits jedoch auch als eine Art Aussage verstanden werden. In der Arbeit „135WHY" (2014) der in Italien geborenen Künstlerin Hanna Hildebrand, hört man erstmal genau das, was der Titel verspricht: Eine artifiziell klingende weibliche Stimme stellt unzählige Warum-Fragen. Nur vereinzelt werden O-Töne -- mutmaßlich von Passanten -- hineingeschnitten, die sich ebenfalls in den Fragenkatalog einreihen. Ob alle Fragen auf ebendiese O-Töne zurückzuführen sind oder nicht, bleibt vollkommen offen. Der Film entstand 2014 im Kontext eines Aufenthalts an der Geumcheon Art Residency in Seoul und so sind auf der Bildebene Alltagssituationen aus der südkoreanischen Hauptstadt zu sehen: Menschen in der Bahn, Straßenaufnahmen, Videospiele, Essen, Zeichnungen und vieles mehr, während der Schauspieler Young Q Sohn in wiederkehrenden Sequenzen in einer U-Bahn-Station direkt mit der Kamera interagiert. Die Montage entwickelt in ihrer gut 22-minütigen Länge eine nahezu melancholisch-meditative Qualität, in der Deutungszusammenhänge aus alltäglichen Situationen mit Fragen nach dem spezifischen Einzelnen zu kollidieren scheinen.

In „Caminando, mientras platicábamos, las moscas y las abejas volaban a nuestro alrededor" (2012) sind Aufnahmen einer 330 km langen Wanderung durch Mexiko zu einer Art stillen Dokumentation verwoben, die auf der Tonebene nur durch ein Grundrauschen unterlegt ist. Der Film wurde im Rahmen einer Ausstellung, in der Hildebrand Fotos und aufgefundene Objekte der Reise ausstellte, im Dauerloop gezeigt und setzt sich mit dem wechselseitigen Einfluss von Mensch und Natur auseinander. Aufnahmen aus der Arbeit finden sich auch in „If all that remained of our century was a garbage bag" (2013) wieder, in der Hildebrand die mittlerweile geschlossene, riesige Müllhalde von Mexico-City zum Ausgangspunkt für eine Art fiktionalisierten Dokumentarfilm nutzt, in der sie zu Aufnahmen vom Müllplatz und dem nun staatlich organisierten Recycling-Programm eine Geschichte über den „King of trash" und dessen auf Müll basierenden Reichtum erzählt. Hildebrands Arbeiten eint die Einsicht darüber, dass Bilder und Ausschnitte aus spezifischen Lebenswelten uns nie unbelastet erreichen sondern oft schon mit bestimmten Vorstellungen verbunden sind und deckt so das Spezifische und Einzigartige im scheinbar Banalen auf.

Chuck Tatum dirigiert eine menschliche Tragödie

Billy Wilders Film „Ace in the Hole" (zu dt. „Reporter der Satans") aus dem Jahre 1951 kann gewissermaßen als spielfilmhafte Analogie hierzu gedacht werden. Der ehemals erfolgreiche Reporter Chuck Tatum (Kirk Douglas), aufgrund von persönlichen Eskapaden aus allen großen US-Redaktionen verbannt, strandet mit einem geplatzten Reifen in Albuquerque, New Mexico. Dort dient er sich großkotzig dem Chefredakteur der lokalen Zeitung Albuquerque Sun-Bulletin an, in der Hoffnung, durch eine Sensationsstory die Rückkehr in die Welt der großen Redaktionen des Landes zu schaffen. Nach längerer redaktioneller Durststrecke wittert Tatum in dem Unfall des Leo Minosa (Richard Benedict) in einer Höhle auf altem Indianer-Territorium die große Sensationsstory für sein Comeback. In Minosa sieht Tatum lediglich ein banales Schicksal, das sich medientechnisch ausschlachten lässt und dirigiert so vom ersten Augenblick der Berichterstattung über das Auftreten der Ehefrau (Jan Sterling) bis hin zu den Rettungsmaßnahmen des Verschütteten die gesamte Tragödie.

Billy Wilder zeigt Tatum als skrupellosen Karrieremensch, dessen Umwelt nur seiner eigenen Deutung und Nutzbarkeit unterworfen ist. Noch schlimmer wird der sensationsgeile Mob in Szene gesetzt, der herbeieilt, um den Rettungsmaßnahmen des unglücklichen Leo Minosas beizuwohnen -- nicht etwa, weil sie an ihm als Menschen interessiert sind, sondern um der Sensation selbst willen. Da Tatum zumindest noch rationale Gründe für sein abscheuliches Verhalten vorweisen kann, bleibt ihm so wenigstens noch die Möglichkeit der Reflexion offen, die beim sensationsheischenden Mob schon nicht mehr möglich ist. Das Besondere, also Individuelle eines scheinbar banalen Ereignisses und jener Bilder, die dazu tagtäglich um den Globus gehen, scheint so zumindest noch möglich. In der hier thematisierten Rettung des Spezifischen vor der Banalität und damit vor der Gleichgültigkeit schließt sich der Kreis zu Hildebrands Arbeiten, deren Werke eine vergleichbare Einsicht innewohnt.