18. November 2015

In der November-Ausgabe des DOUBLE FEATURE stellt die französische Künstlerin Émilie Pitoiset ihre Arbeit „The third party“ vor. Mit „Holy Motors“ wird im zweiten Teil des Abends der letzte Spielfilm von Leos Carax zu sehen sein.

Von Daniel Urban

All die kleinen Handlungen und alltäglichen Bewegungen, die der Mensch Tag für Tag durchführt, verfolgen in der Regel einen einfachen Zweck: das Bewegen der Beine zur Fortbewegung, das Rauchen einer Zigarette zur Suchtbefriedigung oder das Tragen eines Kleidungsstückes zum Schutz vor Kälte. Je nach Kontext bedeuten diese Handlungen aber mitunter auch etwas ganz anderes: so können die Beine auch zum Tanz bewegt werden, dem Rauchen der „Zigarette danach“ haftet eher etwas von einem Ritual denn der körperlichen Suchtbefriedigung an und das Kleidungsstück innerhalb von religiösen Gruppen sagt viel mehr über die hierarchische Stellung seines Trägers als über das Wetter aus.

In „The third pary“ (2014) der französischen Künstlerin Émilie Pitoiset (*1980) bekommen wir genau jene alltäglichen Handlungen vorgeführt: ein tanzendes Paar, Menschen putzen ihre Schuhe, laufen Bürogänge entlang oder Treppen hinunter, eine Person scheint aus Langweile auf einer selbstgebauten Zuckerwürfeltastatur Klavier zu spielen. Das wir es hier jedoch mitnichten mit einer dokumentarischen Aufnahme aus einem Bürogebäude zu tun haben, wird schnell klar: die rhythmische Montage präsentiert nur Ausschnittvergrößerungen der Geschehnisse, vermeidet es die Gesichter der Beteiligten zu zeigen, die hinter rätselhaften Masken versteckt werden.

Ein geheimes Ritual

Die Bewegungen der einzelnen Personen scheinen in ihren ewigen Wiederholungen genau konzipiert und jedweder Natürlichkeit beraubt. Der psychedelische Soundtrack schließlich verleiht dem Gezeigten die Aura eines geheimen Rituals, dessen Sinnhaftigkeit dem Betrachter jedoch verschlossen bleibt. Dieser wird so im gewissen Sinne zum Mitautor, da er versucht die Bedeutungslücken mit eigenen Vorstellungen zu schließen.

Auch in anderen Video-Arbeiten rückt Pitoiset die Faszination an Bewegungen und Bewegungsabläufen in den Fokus. In „Liebe ist kälter als der Tod“ (2009) verändert die Künstlerin mittels Schnitttechnik eine kurze Sequenz aus dem gleichnamigen Rainer Werner Fassbinder-Film von 1969, in der der Zuhälter Franz Walsch (Fassbinder) den toten Gangster Bruno Staub (Uli Lommel) vom Boden aufliest - unterlegt wird die Sequenz von Heinrich Heines Gedicht „Die Lore-Ley“. In „Othello“ (2006) richtet ein Mann eine Pistole auf ein Pferd, das, obwohl es keinen Begriff und somit auch keine Deutungsmöglichkeit einer Waffe hat, auf diese zu reagieren scheint und sich schließlich in unterwürfiger Pose auf den Boden legt. 

Sich mit Carax’ „Holy Motors“ und den Arbei­ten von Émilie Pitoi­set ausein­an­der­zu­set­zen mündet in der Frage, inwie­fern Hand­lun­gen als Ausdruck des Seins zu deuten sind.

Die Doppeldeutigkeit von Bewegungen

In „La répétition“ (2012) sehen wir in sich widerholenden Sequenzen vier Hände, die scheinbar eine Art Tanz vollziehen, vielleicht aber auch in einer Art Geheimsprache miteinander Informationen austauschen. Émilie Pitoiset arbeitet so in ihren Werken die Doppeldeutigkeit von einfachen Bewegungen heraus, die – je nach Kontext – grundsätzlich verschiedene Bedeutungen in sich zu tragen scheinen und deren Entschlüsselung vollständig dem Betrachter, beraubt jedweder Hilfe seitens der Künstlerin, obliegt.

In „Holy Motors“ (2012), dem neusten Spielfilm des französischen Regisseurs Leos Carax, wird das Prinzip der Uneindeutigkeit auf das gesamte Leben eines Menschen ausgeweitet. In dem von der Kritik begeistert aufgenommenen Film bekommen wir für 24 Stunden einen Einblick in das Leben des Monsieur Oscar (Denis Lavant). Jenes ist komplett verschmolzen mit seiner Arbeit, die darin zu bestehen scheint, andere Leben beziehungsweise Personen darzustellen. So wird Monsieur Oscar morgens von einer Limousine abgeholt und erhält dort seine Aufträge für den kommenden Tag. Sein erster führt den Protagonisten auf eine Brücke in der Pariser Innenstadt, wo er, mittels Schminke und Kostümen komplett verwandelt, als alte Frau um Geld bettelt. Nach einiger Zeit wird Oscar wieder von der Limousine abgeholt, welche ihn zu seinem nächsten Einsatzgebieten bringt und so schlüpft er den Tag über in die verschiedensten Rollen – sei es nun als Banker, Obdachloser, im Sterben liegender Onkel, als Vater oder Mörder und Mordopfer. 

Handlungen als Ausdruck des Seins

Die Figur des Oscar verschwindet nahezu komplett hinten den Menschen, die er per Auftrag für die „Holy Motor“-Company den Tag über darstellen muss. Was der Zweck dieser absurden Tätigkeit oder wer ihr jeweiliger Auftraggeber ist, bleibt im Dunkeln. Den realen Monsieur Oscar bekommen wir fast ausschließlich im hinteren Teil der Limousine zu sehen, während er einsam ketterauchend aus dem Fenster schaut und sich dann auf seine nächste Rolle vorbereitet. 

Der bildgewaltige Film kann auf unzählige Weisen gedeutet werden: als Hommage an das Kino und an sein Bedürfnis, Realität und Menschen darzustellen, als Frage nach Identität und Autonomie oder als Reflexion über die Essenz des Menschlichen schlichthin. Sich mit Carax’ „Holy Motors“ und den Arbeiten von Émilie Pitoiset auseinanderzusetzen mündet so schließlich in der Frage, inwiefern Handlungen als Ausdruck des Seins zu deuten sind oder ob dieses sich umgekehrt gerade erst durch diese Handlungen manifestiert.