24. April 2014

In der April-Ausgabe des DOUBLE FEATURE präsentiert die SCHIRN mit „Even Pricks“ und „Warm, warm, warm Sping Mouths“ zwei aktuelle Arbeiten des britischen Künstlers Ed Atkins. Im Anschluss wird sein Lieblingsfilms „Lancelot Du Lac“ von Robert Bresson gezeigt.

Von Daniel Urban

In den vergangenen Jahren machten die Anhänger rund um die Singularity-Bewegung des amerikanischen Erfinders und Futuristen Ray Kurzweil mit ihren Thesen immer wieder von sich reden: Die beschworene Singularität ist zu verstehen als Gegenstück zur aktuellen Dualität zwischen Geist und Maschine und so verspricht zum Beispiel Kurzweil, dass im Jahre 2029 menschliches Gehirn und Maschine nicht mehr zu unterscheiden sein werden. Das Versprechen, das der aus dieser Symbiose resultierenden Kreatur innewohnt, ist jenes von Unsterblichkeit und unbegrenztem Wissen und erinnert nicht zufällig an Nietzsches Übermenschen.

Die Arbeiten des 1982 in Oxford, England geborenen Künstlers Ed Atkins erscheinen als die melancholisch-morbide Kehrseite dieser Vision. Der gewohnte naturalistische Anblick eines Menschen im Film ist in Atkins 3-D Computergrafik (CGI) animierten Werken ins Digitale übersetzt und bleibt trotz beeindruckender Technik stets eindeutig virtuell, kalt und leblos. Ein arrhythmisch anmutendes Händeklatschen auf der Tonspur scheint so das einzig verbleibende Humane in Atkins „Even Pricks“ (2013) zu sein. Das Dargestellte zusammenzufassen, gestaltet sich schwierig: In der knapp achtminütigen Bild-Collage tauchen immer wieder an Actionfilme erinnernde Texttafeln auf; philosophiert ein Schimpanse unverständlich vor sich her; verschließt ein menschlicher Daumen, phallisch inszeniert, auf eigenwillige Art und Weise die menschlichen Wahrnehmungsorgane und wird mit Wasser übergossen.

Das Künstliche in Atkins Werken wirkt nicht kraftstrotzend und selbstbewusst, viel eher ziellos und in melancholischer Sinnlosigkeit gefangen. In „Warm, warm, warm Spring Mouth“ (2013) wiederholt ein im Aussehen an Atkins selbst erinnerndes digitales Wesen Mantra-artig ferne Erinnerungen an das sonnige Wetter an freien Samstagen, gemeinsam verbracht mit Freunden. Das Werk ist nahezu durchgehend untertitelt mit einem textlichen stream-of-consciousness, welcher gelegentlich sprachlich auf der Tonspur aufgegriffen wird und dann wieder abrupt abbricht. Die Tonspur selbst erinnert so auch an ein zwischen verschiedenen Frequenzen hin- und herspringendes Radio, auf dem Musik- und Sprachfetzen sich vermischen.

Während Atkins zu den wenigen Videokünstlern zählt, die sich von dem immer noch beliebten Medium des Filmmaterials komplett entfernen, sich der digitalen Bilderschaffung zuwendet und so das Materielle und Körperliche auf der technischen Ebene hinter sich lässt, gerät genau dieses thematisch wieder in den Vordergrund seiner Arbeiten. In vorangegangenen HD-Filmen wie z. B. „Tumor“ oder der Death-Mask-Serie setzte sich Atkins mit den Themen Krankheit, Tod sowie dem Übergang vom Materiellen zum Immateriellen auseinander. In Werken „Even Pricks“ und „Warm, warm, warm Spring Mouth“ werden diese Themenfelder allein schon auf formaler Ebene stark in den Vordergrund gerückt und regen so zum Nachdenken über Emotionalität und Körperlichkeit in der immer digitaler werdenden Welt an und verweisen zeitgleich auf die Unvollkommenheit innerhalb des perfekt digitalen Bildes und mit ihr einhergehenden Illusion.

Als Lieblingsfilm von Atkins wird im Anschluss Robert Bressons „Lancelot du Lac“ (Lancelot – Ritter der Königin) aus dem Jahre 1974 gezeigt. Der Film erzählt den Teil der Artussage, der der in den meisten Verfilmungen gar nicht mehr vorkommt: Die verlustreiche Mission, König Arthur den heiligen Gral zu bringen, ist gescheitert und Lancelot kehrt mit den wenigen überlebenden Rittern zurück zur Tafelrunde, wo seine heimliche Liebe zu der Königsgemahlin eine folgenschwere Katastrophe auslöst. Der sowohl minimalistisch wie auch blutrünstig inszenierte Spielfilm baut in seiner Darstellung der Ritter eine interessante Ähnlichkeit zu Atkins digitalen Kreaturen auf: Wie diese wirken die Ritter schon nicht mehr gänzlich menschlich, kommen viel eher einer Art Menschmaschine gleich, die in ihrem determinierten und teils sinnlosem Handeln so gar nicht der optimistischen Mensch-Maschinen Symbiose Ray Kurzweils gleichen wollen.