20. November 2014

Im kommenden Double Feature präsentiert die SCHIRN zwei Filme des in Berlin lebenden Künstler Bjørn Melhus. Im Anschluss an ein Künstlergespräch wird der von Mehlus ausgesuchte Film "The Visitors" von Elia Kazan zu sehen sein.

Von Daniel Urban

Als sich die Jugendkultur in den sechziger Jahren im Rahmen des Stellvertreter-Krieges in Vietnam zu politisieren begann, zogen Popmusik und auch das Hollywood-Kino alsbald nach. Das sogenannte Protest-Lied bezeichnete der Soziologe und Philosoph Theodor W. Adorno damals schon als unerträglich, da dieses nämlich „das Entsetzliche noch irgendwie konsumierbar macht, und schließlich auch daraus noch so etwas wie Konsumqualitäten herauspresst." Mit dem gleichen Vorwurf könnte man in gewissen Maßen auch das (Anti-)Kriegs-Kino konfrontieren. So anklagend Filme wie "Apocalypse Now" ihrer Intention nach sind, auch sie drohen zu bloßen Marken zu verkommen: Als bloßes Druckmotiv für T-Shirts oder als Vorbild für Videospiele, in denen man in realistisch anmutenden Kriegsszenarien den Feind töten muss. "Das Grauen! Das Grauen!", das die Figuren in "Apocalypse Now" noch am eigenen Leibe erfahren müssen, bleibt als Pop-Historisches Zitat bestehen und verweist nur noch indirekt auf das Entsetzliche, dem es eigentlich entsprungen ist.

"They just don't come back the same"

"I'm not the enemy" (2011) von Bjørn Melhus konfrontiert uns mit genau jenen Zitaten und stellt sie gleichzeitig in Bezug zu einer bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Der in Berlin lebende Künstler lässt seine Figuren in dem gut 14-minütigen Film immer und immer wieder O-Töne aus (Anti-)Kriegs-Filmen wiederholen. Ein Mann, offensichtlich Veteran, liegt in seiner deutschen Kleinstadtwohnung auf einer Couch und wird im Folgenden in ein Zwiegespräch mit seiner Mutter und seinem Bruder verstrickt, die, alle von Melhus selbst gespielt, seiner Imagination entsprungen zu sein scheinen. Verschiedene Topoi von Anti-Kriegs-Filmen wie Heimat und Entfremdung, Trauma und Wahnsinn oder Tod und Schuld werden anhand der Zitate thematisiert und es scheint so eine umfassende Inhaltsangabe des Genres zu entstehen, die trotz der wachgerufenen Assoziationen seltsam fremd und distanziert bleibt.

"Sudden Destruction" (2013) bedient sich einer ähnlichen Technik, die hier in einem an das Horror-Film Genre erinnernden Kurzfilm genutzt wird. Bei den in "Sudden Destruction" genutzten O-Tönen handelt es sich jedoch nicht um Zitate aus Spielfilmen, sondern um Zukunftsvisionen von religiösen Apokalyptikern, die Bjørn Melhus aus YouTube-Videos zusammengetragen hat. Ein leblos anmutender Körper in einem weißen Hemd erwacht auf einem Hotelzimmerbett zum Leben und verkündet eindringlich die unerwartete und bald eintretende Zerstörung der Welt. Auch der dem Medium die Hand haltende Mann weiß nur von Krieg und Weltuntergang zu berichten und sogar das im Hintergrund laufende Nachrichtenprogramm zählt eine Katastrophe nach der anderen auf. Während Melhus in "I'm not the enemy" Zitate aus, zumindest dem Anspruch nach, realitätsnahen Filmen auf ihre Alltagstauglichkeit zu überprüfen scheint, setzt er in "Sudden Destruction" O-Töne aus der Lebenswirklichkeit von Endzeitvisionären in einen Horror-Film Kontext und erarbeitet so die Beeinflussung von Fiktion auf Realität und umgekehrt.

"It's kill or be killed"

Passend zu seinem eigenen Werk hat sich Bjørn Melhus als Lieblingsfilm für "The Visitors" (1972) von Elia Kazan entschieden. Der im Gesamtwerk der US-amerikanischen Regisseurs eher unbekannte Film erzählt die Geschichte vom Vietnam-Veteran Bill Schmidt (James Wood), der mit seiner Freundin Martha Wayne (Patricia Joyce) gemeinsam mit deren Vater auf einem abgelegenen Landhaus wohnt. Eines Tages bekommen sie unerwartet Besuch von Mike (Steve Railsback) und Tony (Chico Martínez), mit denen Bill gemeinsam in Vietnam diente. Im Laufe des Tages sieht Bill sich mit von ihm verdrängten Erlebnissen konfrontiert, die schließlich für ihn und seine Freundin in einem Ausbruch von Gewalt und Grauen münden.

Der Film bezieht sich auf einen im Jahr 1969 von Daniel Lang im "New Yorker" publizierten Artikel, welcher das von der Figur Bill Schmidt verdrängte Verbrechen einer großen amerikanischen Öffentlichkeit vor Augen führte. Mehr als für die Gräueltaten, die von US-Soldaten im Krieg begangen wurden, interessiert sich Kazan jedoch für die Kriegsheimkehrer in der Gesellschaft. Die vom Staat für den Ausnahmezustand des Kriegs legitimierte und subventionierte Gewalt lässt sich nach Kriegsende für den einzelnen Soldaten nicht so einfach wieder abschalten und überführt so gewissermaßen das Grauen in die Heimat. "The Visitors" gilt als erster in einer ganzen Reihen von Filmen, die sich ernsthaft mit dem Vietnam-Krieg und dessen Folgen für Amerika auseinandersetzten. "I'm not the enemy" von Bjørn Melhus hingegen scheint zu fragen, was die etlichen Szenen und Zitate aus jenen Filmen, die sich in unserem Gedächtnis eingebrannt haben, heute überhaupt noch an Inhalt zu transportieren in der Lage sind.