19. September 2013

Am 25. September zeigt die SCHIRN im Double Feature Anri Salas Film „1395 Days Without Red" und anschließend „The Swimmer“ von Frank Perry. Wir trafen Anri Sala in Berlin zum Gespräch.

Von Sabine Weier

Mit ängstlichem Blick bewegt sich eine Frau durch die Straßen Sarajevos. Sie atmet schwer, dann rennt sie über die leere Hauptverkehrsstraße Zmaja od Bosne. Hätte sie das rund 20 Jahre früher getan, wäre sie dabei vielleicht von Heckenschützen erschossen worden. Als „Sniper Alley“ wurde die Straße während der 1395 Tage dauernden Belagerung der Stadt im Bosnienkrieg bekannt. Schilder warnten vor den Schüssen, die trotzdem Hunderte beim Versuch, auf die andere Seite der Stadt zu gelangen, tödlich trafen. Wer durch die Sniper Alley musste, trug keine Signalfarben, um nicht zur lebendigen Zielscheibe zu werden. „1395 Days Without Red“ heißt der Film von Anri Sala, in dem er die Szene 2011 nachinszenierte. Jetzt läuft er in der Reihe „Double Feature“.

Die Hauptdarstellerin, gespielt von Maribel Verdu, ist Musikerin und gerade auf dem Weg zur Orchesterprobe. Sie summt das Stück, das sie gleich proben wird: Tschaikowskis Sinfonie Nr. 6, die „Patethique“. Es ist das letzte Stück, das der Komponist vor seinem Tod geschrieben hat. Auf ihrem Weg durchlebe die Frau die Situation von damals noch einmal, sagt der albanischstämmige und in Berlin lebende Künstler. „Mich interessiert, wie ein Körper sich erinnert. Deswegen arbeite ich auch nicht mit Sprache. Für mich ist der Film vor allem eine Choreografie der Gesten.“

Ein von Angst geführter Atem

An dem Projekt arbeitete Sala zusammen mit Šejla Kamerić, aus dem Material entstanden schließlich zwei Filme. Sala und Kamerić luden den Komponisten Ari Benjamin Meyers ein, die Musik zu entwickeln. Er arrangierte die „Patethique“ neu und baute, passend zur Probe, die er im Film selbst anleitet, kleine Fehler und Unstimmigkeiten ein. Interpretiert wird die Sinfonie vom Philharmonischen Orchester Sarajevos. Während des gesamten Bosnienkrieges erhielt das Orchester das Programm aufrecht – um zu den Konzerten zu gelangen, mussten einige der Mitglieder die Sniper Alley überqueren. Während Verdu beim Dreh die Route ablief, hörte sie die Musik über ein Ohrstück. Es interessiere ihn, wie ihr von der Angst geführter Atem die Melodie beeinflusse, die sie summt, und wie weit jeder Atemzug sie im Raum voranbringe, erklärt Sala. „Die Musik hilft ihr, das Tempo zu finden, das sie braucht, um weiterzugehen.“

Auch in seiner Arbeit für die Venedig Biennale setzt sich der Künstler mit den Koordinaten Musik, Architektur, Raum und Zeit auseinander. Dort vertritt er Frankreich, allerdings im deutschen Pavillon. Die beiden Länder haben für diese Biennale-Ausgabe getauscht. Für die Schau entwickelte er die mehrkanalige Videoarbeit „Ravel Ravel Unravel“. Sie zeigt auf zwei Screens je einen Klavierspieler, der nur mit der linken Hand ein Stück von Maurice Ravel spielt. Ravel komponierte es für Paul Wittgenstein, den Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Wie viele andere Soldaten hatte er im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren. Die Melodie hallt asynchron durch das Gebäude, die Tempi der beiden Spieler weichen leicht voneinander ab. In einer dritten Projektion in einem weiteren Raum ist eine Frau an zwei Plattenspielern zu sehen. Sie versucht die beiden Tonspuren zu synchronisieren. 

Die Geschichte entwickelt sich entlang der Route

Die beiden Arbeiten stünden nicht in direkter Verbindung, lägen sich formal und thematisch aber durchaus nahe, sagt Sala. „Im deutschen Pavillon in Venedig löst der akustische Raum den architektonischen ab. Er entfaltet sich innerhalb der durch die Gesten produzierten Differenzen der Tonfolgen. Hier sehe ich eine Verbindung zu ’1395 Days Without Red’. In beiden Arbeiten geht es letztlich darum, wie Gesten den Raum beeinflussen.“ Wenn man wolle, könne man noch mehr Querverbindungen ziehen. Beide Arbeiten zeigten, wie politische Realitäten Musikstücke beeinflussen könnten. Die Besetzung Sarajevos transformiere die Pathetique, die Folgen des Ersten Weltkrieges Ravels Stück.

In Frankfurt wird nach „1395 Days Without Red“ der US-amerikanische Film „The Swimmer“ laufen. Burt Lancester spielt darin einen Mann, der auf dem Weg nach Hause durch die Swimmingpools seiner wohlhabenden Nachbarn schwimmt und dabei mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. „The Swimmer“ sei einer seiner Lieblingsfilme, sagt Sala, deswegen habe er ihn ausgesucht. Außerdem korrespondiere er mit „1395 Days Without Red“. „In beiden Filmen bewegen sich die Hauptdarsteller durch einen spezifischen Raum und entlang der Route entwickelt sich die Geschichte“. In einem Fall erzählt sie von einem kollektiven Trauma, im anderen von einem sehr persönlichen.