23. Mai 2015

In der Mai-Ausgabe des DOUBLE FEATURE stellt die polnische Künstlerin Agnieszka Polska ihre Arbeit "Future Days" vor. Im Anschluss an ein Künstlergespräch zeigt sie ihren Lieblingsfilm "Niklashauser Fart" von Fassbinder.

Von Daniel Urban

Was kommt nach dem Tod, dem Zerfall des sterblichen Körpers? Die "Göttliche Komödie" von Dante Alighieri mit ihren verschiedenen Jenseitsreichen und den spezifischen Höllenkreisen für jeweils bestimmte Sündertypen macht hier einen recht umfassenden Vorschlag, wie es nach dem Unvermeidlichen weitergehen könnte. Denkbar wären aber beispielsweise auch verschiedene Himmelstypen, für je verschiedene Klassen oder soziale Gruppen.

In "Future Days" (2013) erhalten wir einen Einblick, wie nun so ein Himmelsreich ausschließlich für Künstler aussehen könnte. Der Vorspann des halbstündigen Films verrät, welche Künstler uns dort erwarten: Charlotte Posenenske, Jerzy Ludwiński, Włodzimierz Borowski, Paul Thek, Lee Lozano, Andrzej Szewczyk und Bas Jan Ader. Der Künstler-Himmel stellt sich jedoch bald als eine Art Zwischen-Ort dar, der für die dort Gestrandeten viel mehr eine ewige Verdammnis denn andauernde Glückseligkeit bereithält. Zu Beginn des Films spazieren der polnische Künstler Włodzimierz Borowski und die deutsche Malerin und Bildhauerin Charlotte Posenenske an einem Strand entlang und tauschen -- zu beiderseitiger Belustigung -- rhetorische Gemeinplätze aus. Kurz darauf finden sie den offenbar an den Steinstrand gespülten Bas Jan Ader, von dessen letzter Kunstaktion, einer performativen Atlantiküberquerung, tatsächlich nur sein leeres Boot wiedergefunden werden konnte. Wieder vereint mit den anderen Künstlern wandern sie scheinbar ziellos durch die melancholisch anmutende Landschaft, unterhalten sich, theoretisieren Kunstansätze, wundern sich über diesen Unort, dem sie nicht entkommen können und erwarten sehnsüchtig die Ankunft von anderen Kunstfreunden, die ihnen mehr über die Welt, die sie für immer verlassen haben, verraten könnten.

Die 1985 in Lublin, Polen geborene Künstlerin Agnieszka Polska thematisiert und bearbeitet in ihren Arbeiten, bestehend aus Film, Animationen und Fotografien, immer wieder die individuelle wie auch kollektive Erinnerung. So sichtete und wiederverwertete sie beispielsweise in "Three Videos with Narration -- My favourite things" (2010) exzessiv bestehende Kunstwerke oder rekonstruierte in "Sensitization to colour" (2009) Raum und Objekte einer nie aufgezeichneten Performance des polnischen Künstler Włodzimierz Borowski, deren Rekonstruktion dann wiederum filmisch festgehalten wurden. Auch in "Future Days" verweist Polska auf vergangene oder noch bestehende Kunstwerke: So etwa "Partially Buried Woodshed" von Robert Smithson, auf das die Figur des Jerzy Ludwiński auch auf der inhaltlichen Ebene genauer eingeht, oder Avital Gevas begehbare Installation "The Books in Landscape Experiment", die nachgebildet in Polskas Arbeit verwendet wird. Diese Methodik berührt die Frage, inwiefern die individuelle geistige Verarbeitung von tatsächlichen Erfahrungen oder von uns losgelösten Begebenheiten vielleicht auch selbst als komplett neues, autonomes Erlebnis gewertet werden kann. Die Künstler-Figuren, die Polska beraubt von jedweder neuen Erfahrung im Jenseits allein zurückgeworfen auf die eigene Erinnerung wehmütig vor sich hin existieren lässt, geben hierauf jedoch keine eindeutige Antwort.

Als zweiter Teil des DOUBLE FEATURE wird Rainer Werner Fassbinders "Niklashauser Fart" aus dem Jahre 1970 zu sehen sein. Fassbinders erster Fernsehspielfilm, produziert für den WDR, beschäftigt sich mit der historischen Figur des Viehhirten Hans Böhm, der in seinen aufreibenden Predigten soziale Gleichstellung propagierte und Sündenablass versprach und hierdurch innerhalb kürzester Zeit über 70.000 Anhänger um sich gesammelt haben soll. Kurze Zeit später wurde er auf Veranlassung des Würzburger Bischofs auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Fassbinder war in keinem Sinne an einer klassischen Inszenierung eines historischen Stoffes interessiert, und so ist "Niklashauser Fart" stilistisch betrachtet eine wilde Collage: Er selbst als schwarzer Mönch in Lederjacke, um ihn herum Figuren in historisch anmutender Bauerntracht, Filmschnipsel eines Konzertes der Kraut-Rock Band Amon Düül und die Verbrennung des Hans Böhm auf einem Autoschrottplatz. Viel eher verhandelt der Film essayistisch das Thema -- wie Fassbinder selbst pointiert festhielt -- "wie und warum Revolution scheitert".

Dass solche Fragen von der Kunst nur behandelt, aber nicht ursächlich gelöst werden können, musste auch Charlotte Posenenske irgendwann enttäuscht feststellen und wendete sich von der Kunst ab, um Soziologie zu studieren. Lee Lozano hingegen beschloss aus Enttäuschung über die Kunst-Szene gleich den kompletten Kontakt zu jeglichen Künstlern und Kunsttheoretikern abzubrechen. In "Future Days" ist so folgerichtig kein einziges Wort von ihr zu hören. Vielleicht auch eine ganz eigene Art der Revolution.