14. Juni 2017

Mit "Diorama. Erfindung einer Illusion“ beleuchtet die SCHIRN ab 6. Oktober die Kulturgeschichte des Sehens. Künstler hinterfragen mit Schaukästen aus Glas inszeniertes Sehen und rekonstruierte Wirklichkeit. In der modernen Alltagskultur ist dies auch im Reality TV wiederzufinden.

Von Maximilian Wahlich

Wir kennen sie alle, die Szenen im Reality TV: Künstliche Dialoge, gestellte Momente inmitten altbackener Interieurs aus beigen Plüschsofas und Ikea-Möbeln in Holzoptik. Darauf Fernsehzeitung und Fernbedienung. Schwenkt die Kamera nach rechts, zeigt sie die Wohnwand, sperrig und in hellem Holz. Kleine Dekorationsartikel füllen ihre Fächer und rahmen den 49-Zoll LED-Fernseher. Die Protagonisten sind aufs Sofa drapiert; müde, leere Blicke starren dahin. Ihre Körper sind schlaff und eingefroren. Sie scheinen so leblos, so arrangiert wie die Ausstellungsobjekte in einer Vitrine. Wie durch einen Guckkasten in Gestalt unseres Fernsehers blicken wir selbst in unseren Wohnzimmern in diese Lebensrealitäten. Das Diorama der ausgestellten Wirklichkeiten.

Die gerade im  Palais de Tokyo in Paris eröffnete Ausstellung "Dioramas" beleuchtet die Kulturgeschichte des Sehens, in deren Zentrum das Diorama steht. Ab 6. Oktober wird die Ausstellung in veränderter Form in der SCHIRN präsentiert. Unter Charles M. Bouton und Louis J. M. Daguerre öffnete im Jahr 1822 in Paris das erste Diorama. Damals waren Dioramen großformatige, bis zu 22 x 14 Meter, mit Landschaftsmotiven bemalte Leinwände. Sie waren durchscheinend, sodass sie von hinten angeleuchtet werden konnten. Mittels aufwändiger Lichteffekte illuminierten sie Szenerien einer romantisierten, meist pittoresken Idylle. Die Besucher saßen in einem abgedunkelten Raum, alle 20 Minuten wechselte das Landschaftsmotiv, untermalt durch orchestrale Musik ähnlich der ersten Stummfilm-Vorführungen.

Röhrende Hirsche in Museum

Erst später bezeichnet das Diorama große Vitrinen, in denen das „natürliche“ Habitat von Tieren modellhaft nachgebaut wird. Die ausgestopften Tiere bändigt man in ihrer „typischen“ Aktion: Ein Bär, der nach einem Fisch greift, ein röhrender Hirsch, ein Eisbär, der gierig eine Robbe ansieht. Der Ausstellungsraum in Naturkundemuseen war meist abgedunkelt und die Besucher liefen von Welten-Schaufenster zu Welten-Schaufenster.

Jean-Paul Favand, Naguère Daguerre I, 2012, Leinwand, Illuminierte Installation und Scenography, 270 x 410 cm. Foto: Jean Mulatier. Courtesy Jean Paul Favand, Paris
Richard Barnes, Man With Buffalo, 2007, Inkjet print, 
137,16 x 167,64 cm, Courtesy of the artist

Inszenierte und konstruierte Wirklichkeiten ähnlich einem Diorama lassen sich in der modernen Alltagskultur im sogenannten Reality TV wiederfinden: Bei beiden Medien blickt man in einen Kasten, der von innen heraus als einzige Lichtquelle leuchtet. Tageszeit und Örtlichkeit brechen in den Guckkästen mit der Außenwelt. Innerhalb eines Diorama werden Situationen romantisierend aufgeladen; im Reality TV erlebt der Rezipient starke Gefühle etwa durch Anteilnahme am Leben der Protagonisten.

Parodie der Wirklichkeit

Welten in Miniatur. Realitäten die Attribute und Gesten der physischen Welt akkumulieren. Wirklichkeitswahrnehmung basiert auf zwischenmenschlicher Interaktion. Innerhalb ihrer Rolle verhalten sich die Protagonisten der Milieus den Erwartungen entsprechend. Die Rahmenbedingungen konstruieren dabei eine so stimmige Wirklichkeit, dass sie die physische Realität bereits wieder parodieren.

Der kanadische Fotokünstler Jeff Wall gehört längst zum Kanon zeitgenössischer Fotografie. Bekannt geworden ist er durch großformatige Foto-Leuchtkästen, die seine Fotografien aufleuchten lassen, wie einst die Dioramen von Daguerre und Bouton, an deren akribische Inszenierung auch die peniblen Aufbauarbeiten seiner Welten-Bilder erinnern. Kunsthistoriker Wall lässt sich vom Alltäglichen inspirieren und rekonstruiert diese Eindrücke dann nachträglich für seine Foto-Tableaus. So kommt es, dass diese vermeintlich zufälligen Ausschnitte der Wirklichkeit eigentlich bis ins kleinste Detail geplant werden: Licht, einzelne Gesten, die Kleidung, sogar die natürliche Umgebung werden Teil seines gestalterischen Aktes. Wenn Wall seine fotografierten Welten selbst aufbaut, geht es ihm um die bewusste Konstruktion dieser Realitäten.

Vollkommene Täuschung

Über 20 Jahre lang fotografierte der 1948 in Tokio geborene und in den USA lebende Künstler Hiroshi Sugimoto Dioramen. Die unbewegten Szenen ermöglichten eine lange Belichtungszeit, sodass gestochen scharfe Aufnahmen entstehen konnten. In der Serie „Dioramas" definiert sich der Bildausschnitt über die Grenzen der abfotografierten Vitrine: Anhand der Fotografien ist kaum ausfindig zu machen, in welchen Museen Sugimoto die Dioramen vorfand und ablichtete. Gerade mit der Begrenzung des fotografierten Ausschnitts und dem Aussparen der Umgebung wird die Täuschung vollkommen: Die abfotografierten Ensembles könnten für wirkliche Naturaufnahmen gehalten werden – wäre da nicht jene klare, starre Leblosigkeit, wären die dargestellten Momente nicht zu perfekt in Szene gesetzt. Sugimoto beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit Realitätskonstruktionen und wirft dabei Fragestellungen um die Bildung von Wirklichkeit und Illusion, Authentizität und Scheinrealität auf.

Jeff Wall via Public Domain Dsign-magazin

Hiroshi Sugimoto, Gorilla, 1994, Gelatin silver print, 38,7 x 58,8 cm, Courtesy of the artist

Ob im Diorama, dem Reality TV oder auf den Fotografien von Jeff Wall - die Protagonisten bilden immer wieder einen unverzichtbaren Beitrag zu dem kurzen Narrativ der Ensembles. Da diese Arrangements bloß Informationen über das Gezeigte preisgeben, ihre Geschichten dort enden, wo der Rahmen diese Welten begrenzt, müssen ihnen von den Rezipienten erst Geschichten zugesprochen werden. Und sind die gefilmten Milieus des Reality TV nicht auch nur ein Erzeugnis irgendwelcher Requisiteure und Drehbuchautoren?

Konstrukte entlarven

In der SCHIRN-Ausstellung „Diorama“ sind neben den genannten Künstlern Werke von Mark Dion oder Isa Genzken zu sehen. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts setzen sich in ihren Arbeiten mit inszeniertem Sehen, Illusion und Wirklichkeit auseinander. Sie bewegen sich damit in den aktuellen Diskursen um Konstruktionen von Lebensrealitäten und halten einer gesetzten Wirklichkeit eine gebaute und artifizielle Realität entgegen – eine Realität, die unserer so ähnlich ist, dass sie unsere vermeintlich festen Gesetzmäßigkeiten als gesellschaftliches Konstrukt entlarvt.

Armand Morin, Panorama 14, 2013-2017, Diverses Material, 260 x 260 x 300 cm, Foto: Armand Morin Courtesy of the artist