29. März 2016

Der Hamburger Künstler Thorsten Brinkmann schafft reihenweise Selbstportraits – verbirgt dabei aber stets sein Gesicht.

Von Markus Wölfelschneider

Aus einem großen Karton ragen zwei aufrecht stehende Plastikbeine hervor, die in den abgetragenen Klamotten des Künstlers Thorsten Brinkmann stecken. Das Adidas-Logo der zerschlissenen Sneaker korrespondiert auf subtile Weise mit drei Klebebandstreifen, die auf der beigefarbenen Pappschachtel prangen. Die seitlich abstehenden Deckellaschen muten anrührend drollig an – ein bisschen wie die Flügel eines Pinguins.

Thorsten Brinkmann, Brinkmann, 2006, Ausstellungsansicht ICH, Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, Norbert Miguletz, 2016

Das Werk wirkt so lebensecht, als würde es einem mit dumpfer Stimme Antwort geben, wenn man freundlich dagegen klopft. Man muss aber dann doch in Hamburg Bahrenfeld anrufen, wo Brinkmann sein Atelier hat, um mit ihm über seine Skulptur zu sprechen, die noch bis zum 29. Mai in der [¶£-Ausstellung der SCHIRN gezeigt wird. Sein Stellvertreter dort bleibt natürlich stumm.

Mit dem Karton über dem Kopf gegen die Wand

„Der Karton enthielt ursprünglich eine Lieferung Fotopapier“, erzählt Brinkmann am Telefon. Das übliche Schicksal, Altpapier, blieb ihm erspart. Anfang der Nullerjahre dreht er „Gut Ding will es so“ – ein Video, das ein wenig schneller als Normalgeschwindigkeit läuft und voller Slapstick-Momente ist. „Der Film handelt davon, wie ich mit den Dingen hantiere, oder besser gesagt: die Dinge mit mir. Immer wieder renne ich mit dem Karton über dem Kopf gegen die Wand“, sagt Brinkmann.

Ende der Neunziger zog er nach Hamburg, um bei dem Fotografen und Performancekünstler Bernhard Blume an der Hochschule für bildende Künste zu studieren. 2006 schließlich schuf Brinkmann mit Hilfe des Kartons sein „Selbstportrait“, das zu einer Reihe von rund zehn ähnlichen Beinskulpturen gehört – allesamt vergleichsweise minimalistische Vorstudien zu den weit opulenteren, bunteren, exzentrischeren „Portraits of a Serialsammler“, mit denen er nur wenig später international bekannt werden sollte.

Würdevolle bis eitle Posen

Auf all seinen Portraits ist Brinkmann stets bis zur Unkenntlichkeit maskiert und verkleidet. Niemals sieht man sein Gesicht. Seine Fotografien kann man als Verballhornung klassischer Portraitmalerei begreifen. „Natürlich geht es mir auch darum, Ikonen zu sabotieren“, gibt Brinkmann unumwunden zu. Vor dem Selbstauslöser seiner Kamera wirft er sich in würdevoll bis eitle Posen, die in krassem Gegensatz zu den skurrilen Klamotten stehen, die er dabei trägt. Und im Gegensatz zu Gegenständen wie verbeulten Kohle-Eimern, Lampenschirmen oder Blumenkübeln, die er sich über den Kopf stülpt – Fundstücke, die der Künstler auf Flohmärkten aufgestöbert oder bei Streifzügen durch Hamburg auf der Straße aufgelesen hat.

Thorsten Brinkmann, Brinkmann, 2006, Ausstellungsansicht ICH, Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, Norbert Miguletz, 2016

Thorsten Brinkmann, Basini, 2014, © Thorsten Brinkmann & VG Bildkunst Bonn 2016, Courtesy Gallery Feldbuschwiesner Berlin, Gallery Mathias Güntner, Hamburg, Image via nytimes.com

Brinkmann verfügt über einen riesigen Fundus, aus dem er nicht nur Material für Portraits, sondern auch für surreal anmutende Stillleben und raumfüllende Installationen schöpft. „Bei meinen Portraits funktionieren diese Dinge wie Ausdrucksprothesen. Sie wirken zum Teil wie Masken, auf die sich eine Physiognomie überträgt und vermitteln Gefühle, ganz ähnlich wie ein menschliches Gesicht das vermag.“

Brinkmann wollte es anders machen

Brinkmann agiert mit seiner Kunst an der Schnittstelle von Fotografie, Malerei, Bildhauerei und Performance. „Ich habe mich viel mit den Performance-Künstlern der Siebzigerjahre beschäftigt“, erzählt er. „So sehr ich Leute wie Marina Abramowić, Urs Lüthi oder Jürgen Klauke auch schätze: Ich hatte immer ein Problem damit, dass diese Künstlerpersönlichkeiten in ihren Arbeiten so überpräsent waren. Im Grunde konnte man bei ihnen kaum zwischen Autor und Werk unterscheiden“, erzählt Brinkmann. „Meine Physiognomie sollte sich nicht untrennbar mit meiner Arbeit verbinden“. Brinkmann wollte es anders machen. Sich im Werk zeigen, ohne wirklich sichtbar zu sein.

Während Brinkmanns kunstvolles Versteckspiel in Europa oft als zitatreiches Spiel mit der Kunstgeschichte verstanden wird, über das man durchaus herzhaft lachen kann, machen die gesichtslosen Figuren dem Publikum in den USA eher Angst. „Vor einigen Jahren wurden meine Portraits im International Center Of Photographie in New York gezeigt. Bei einigen Fotos fühlten sich die Betrachter an Terror oder SM-Praktiken erinnert“.

Tageslicht, ein paar Gegenstände und eine Kamera

Im vergangenen Dezember und Januar verbrachte er jeweils drei Wochen in Houston. Das Rice Museum stellt momentan seine Werke aus. Während des Aufenthalts entstanden weitere „Portraits of a Serialsammler“. Das Material dafür fand Brinkmann auf einem Schrottplatz. „Hin und wieder ist es wichtig, sein Atelier zu verlassen. Kunst kann schließlich überall entstehen“, sagt er. „Manchmal erzählen mir Studenten, dass sie gerade ihre Projekte auf Eis gelegt hätten, weil sie erst einmal sparen müssen“. Von teurem Equipment möchte sich Brinkmann nicht abhängig machen: „Tageslicht, ein paar Gegenstände und eine Kamera – mehr brauche ich nicht für meine Kunst.“

Thorsten Brinkmann, Milkymaid, 2009, © Thorsten Brinkmann & VG Bildkunst Bonn 2016, Courtesy Gallery Feldbuschwiesner Berlin, Gallery Mathias Güntner, Hamburg, Image via thorstenbrinkmann.com