07. November 2013

Ein Schiffbruch endet in einer menschlichen Tragödie: Das "Floß der Medusa" von Théodore Géricault berührt und schockiert den Betrachter heute genauso wie vor 200 Jahren. Teil 1 auf dem SCHIRN MAGAZIN beleuchtet die historischen Umstände der Katastrophe.

Von Ekkehard Tanner

Das "Floß der Medusa" von Théodore Géricault ist ein großes Gemälde. Groß an Ehrgeiz, groß an Mut, groß auch in seinen Maßen (491 × 716 cm). Vor allem aber ist dieses Bild von einer großen emotionalen Tiefe. Das Bildnis eines zeitgenössischen Martyriums brach zu seiner Zeit alle Regeln: In der alljährlichen Herbstausstellung, dem Pariser Salon von 1819, der von schmeichelnden und vergnüglichen Themen beherrscht wurde, störte es die Betrachter. Es störte, weil es zu groß war, weil es dem offiziellen Geschmack widersprach, weil es einen Affront gegen die französische Regierung bildete, weil es nicht „schön“ war. Dieses Bild bot nichts, worauf die „Grande Nation“ hätte stolz sein können. Géricault rief mit seinem Gemälde einen politischen Skandal zurück ins Gedächtnis, den der Staat zu vertuschen versuchte: den in einer Tragödie endenden Schiffbruch der Fregatte Medusa im Sommer 1816.

Die Fregatte war Teil eines Konvois der dazu diente, die nach der Restauration wieder Frankreich zugesprochene Kolonie Senegal von den Briten zu übernehmen. Das Schiff mit dem unheilvollen Namen stand unter der Leitung eines nach der Restauration aus dem Exil nach Frankreich zurückgekehrten Adeligen, Hugues Duroy de Chaumareys, der seit 25 Jahren nicht mehr zur See gefahren war. Der Kapitän hatte in einer rasanten Fahrt entlang der afrikanischen Küste den Konvoi weit hinter sich gelassen. Als die Medusa schließlich auf einer Sandbank auflief, war kein Schiff da, das sie wieder hätte freisetzen können. Nachdem man zwei Tage lang ergebnislos versuchte hatte, sich zu befreien, beschloss man das Schiff aufzugeben. 

Das Meer verwandelte sich in eine tödliche Falle

Da der künftige Gouverneur Senegals nebst Familie und Offizieren unter sich bleiben wollten, ließ man ein Viertel der Plätze auf den beiden großen Rettungsboten frei. Die Kolonialbeamten wurden mit ihren Familien auf Beiboote und Ruderkähne gepfercht. Da auch die Rettungsboote nicht für die gesamte Besatzung ausreichten, zimmerte man, mit allem was man der Medusa entreißen konnte, notdürftig ein Floß von 20 × 7 Metern. 149 Schiffbrüchige drängten sich auf ihm. Die komfortableren Rettungsboote sollten das Floß ins Schlepptau nehmen, doch rasch wurden die Leinen gekappt. 120 Kilometer vor der mauretanischen Küste verlor sich das unsichere Gefährt rasch in der unendlichen Weite des Ozeans. Das Meer verwandelte sich in eine tödliche Falle.

Es begann eine dreizehn Tage währende Irrfahrt voller Schmerz, Hunger und Leiden. Schon ab der ersten Nacht gab es nichts mehr zu verzehren als Wein. Die Schwächsten fielen ins Wasser oder wurden ins Meer gestoßen, die anderen wurden, kaum dass sie tot waren, von ihren durch die Entbehrungen irre gewordenen Leidensgenossen verspeist. Am 17. Juli 1816, dem dreizehnten Tag der Irrfahrt, erscheinen die Segelspitzen der Argus am Horizont. Diesen Moment wählte Théodore Géricault für sein modernes Historienbild. Doch die aufkeimende Hoffnung erfüllt sich nicht, wird gar zur Verzweiflung: das ferne Schiff verschwindet hinter dem Horizont. Als das Floß von der Argus etwas später am Tag endlich gesichtet und geborgen wurde, gab es von 149 Schiffbrüchigen nur 15 Überlebende, von denen fünf, kaum dass sie an Land waren, ebenfalls verstarben.

Eine überzeitliche Aussage, die bis ins Innerste berührt

Corréard, der Zimmerman der Medusa und der Marinearzt Savigny, die beide die Fahrt auf dem Floss überlebten, schilderten später in einem schonungslosen Bericht den Schiffbruch und seine Folgen. Ihr Buch wurde verboten und sie unehrenhaft aus dem Dienst entlassen, während die Verantwortlichen des Unglücks mit vergleichsweise glimpflichen Strafen davon kamen. Corréard wurde daraufhin zu einem radikal-liberalen Verleger, der Pamphlete gegen König und Monarchie herausgab und dessen Buchhandlung „Au naufragé de la Méduse“ sich zu einem Versammlungsort von Regimekritikern entwickelte.

Géricault erspart uns die grausamsten Details der Geschichte, klammert das Unaussprechliche, das sich unter der erbarmungslosen Glut der Sonne auf dem Floß ereignete, aus. Seine Szene könnte sich auch zu einem anderen Zeitpunkt der Geschichte abgespielt haben, keine Uniform erlaubt eine historische Datierung. Ihm gelingt so mit dem „Floß der Medusa“ eine überzeitliche, allgemeingültige Aussage, die bis ins Innerste berührt und in der heute etwa auch die jüngsten Schiffbrüche vor Lampedusa oder im Indischen Ozean mitschwingen.

Géricaults Werk erregte viel Aufsehen. Zwar wurde es mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, der ganz große Erfolg aber, der Ankauf des Gemäldes durch den Staat, blieb aus. Die royalistische Presse zerriss das Werk, während die Liberalen es für ihre Zwecke instrumentalisierten. In einem Konzert aus Missverständnissen wurde vor allem eines verkannt: seine künstlerische Bedeutung. Erst im Ausland erkannte man darin das Meisterwerk. Eine gut besuchte Ausstellung in London und anderen englischen Städten, wo das Bild gezeigt wurde, brachte dem Maler die stolze Summe von 20.000 Franken ein. Als Géricault 1824 mit nur 32 Jahren verstarb, kaufte sein alter Freund Pierre-Joseph Deureux-Dorcy das Gemälde für 6.000 Franken. Trotz hoher Summen, die ihm im Ausland dafür angeboten wurden, verkaufte er es schließlich für nur 5 Franken mehr als er gezahlt hatte an den französischen Staat. Seitdem treibt das Floß im Louvre und verließ seinen Platz lediglich um den zweiten Weltkrieg unbeschadet zu überdauern.