31. Juli 2014

Er ist der Punk unter den Malern und nimmt kein Blatt vor den Mund. Karriere wollte er keine, gemacht hat er sie trotzdem.

Von Marthe Lisson

Seinen Bildern sieht man an, dass sie nicht im Elfenbeinturm entstanden sind. Sie handeln von Konflikten, sind politisch, sind aggressiv. Kultureller Pessimismus trifft auf düstere Melancholie. Richters Bilder wirken psychedelisch, paranoid, surreal. Etwa sein Bild "Tuanus", mit dem sogar ein lokaler Bezug zu Frankfurt hergestellt wird. Wir sehen Bäume, dazwischen sehen wir auf den zweiten Blick Menschen, die mit den Händen am Stamm lehnen. Es sieht nach einer Razzia aus, wir können Schlagstöcke ausmachen.

„Tuanus" ist natürlich ein Anagramm für Taunus. Damit sind nicht die Hügel nördlich von Frankfurt gemeint, sondern der Zustand und die Geschehnisse in der Frankfurter Taunusanlage in den in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren. In dieser Zeit hielten sich zeitweise bis zu 1500 Rauschgiftkonsumenten gleichzeitig im Grüngürtel auf. Heute gilt der „Frankfurter Weg" in der Drogenhilfe als vorbildlich und impliziert eine Mischung aus Repression und Hilfe. Diesem vorbildlichen Weg ging jedoch eine Zeit der Polizeirazzien und Vertreibung der Süchtigen voraus, die Richter in seinem Bild aufgegriffen hat. Durch die Verfremdung des Wortes „Taunus" hebt er die dargestellte Situation zudem auf eine anonyme bis allgemeingültige Ebene.

Einmal Punk, immer Punk. So heißt es doch!? Daniel Richter ist Punk, denn wer im linksautonomen Milieu der Hamburger Hafenstraße (er nennt sie die Hasenstrafe) unterwegs war oder Plattencover für die Punkband Die Goldenen Zitronen gestaltet, muss wissen, wovon er malt. Und nicht nur das. Richter ist der Inhaber des Punk-, Jazz-, HipHop-Plattenlabels Buback. Jenes mit den Goldenen Zitronen und auch: Jan Delay. Mit seinen mittlerweile über 50 Jahren ist Richters äußere Erscheinung indes nicht mehr so punkig (inwiefern sie das jemals war, muss hier offen gelassen werden), seine geistige Haltung aber doch.

Das kommt besonders in Interviews zum Tragen. Er wirkt immer ruhig, cool und nett, nimmt aber kein Blatt vor den Mund. Wenn er die Universität der Künste in Berlin als Scheißhochschule bezeichnen möchte, tut er das auch. „Ich habe noch nie an so einer Scheißhochschule gearbeitet." Richter legte seine Professur an dieser Hochschule 2006 nach nur zwei Jahren nieder. Eine der letzten C-4-Professuren, um die sich seine Kollegen gekloppt hätten. Warum er das tat? „Wegen Doofheit. [...] So eine Mischung aus Großmäuligkeit und Mufftum, Popanz und dann irgendwie doch nur ein Kothaufen sein, zwischen bürokratischem Wahn, Schurigelung, Vorschriftenmachenwollen, Hintenrumseilschaften..." Auch das ist irgendwie Punk.

Daniel Richter vereint Paradoxien, für die er zum Teil gar nichts kann. Ein Künstler, so anti-Art-Basel wie nur sonst. Der aber genau dort gehandelt wird. Passt nicht zusammen, macht ihm selbst aber wiederum nicht so viel aus. Richter ist froh, dass Menschen überhaupt zur Kunst finden. Auf welchem Weg -- ihm doch egal. „Ich weiß ja noch nicht mal bei den meisten Künstlern, aus was für Gründen die Künstler geworden sind." Punkt für Richter.

Geboren 1962 in Eutin, Schleswig-Holstein, studierte Richter von 1991 bis 1995 an der Hochschule für bildenden Künste in Hamburg. Da war er schon über 30. Er wusste an einem bestimmten Punkt in seinem Leben nicht mehr, was er machen sollte. Er wusste nur, dass er keine Karriere machen wollte. Und findet es nun selbst etwas absurd, dass er ein anerkannter Künstler geworden ist, der seine Bilder nach dem ersten Zeigen in der Galerie nicht wieder sieht und die für sechsstellige Summen auf Auktionen gehandelt werden. Und das mit einem Medium, welches besonders linken Kritikern als reaktionär gilt.

Erst seit Anfang der 2000er-Jahre malt Richter figürlich. Seine Bildszenarien erinnern immer wieder an Halluzinationen. Beim Anblick der roten Figuren im Bild "An Army of Traitors" denken wir viel mehr an den Blick durch die Infrarotkamera.

Auch diese ruft viel mehr Konflikt und Kriegssituationen wach, als eine friedliche Wanderung. Wir blicken auf eine weite Ebene. Was in der Ferne zunächst wie eine Ameisenkolonie anmutet, ist eine Armee, die auf den Betrachter zusteuert. Die Personen können wir trotzdem nicht genau ausmachen. Tragen sie Gewehre oder Umhänge? Wer diese Karawane ist, lässt der Künstler offen. Die Menschen werden nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sondern als biologische Organismen.

Auch Punkmotive oder -sprüche sind in der Malerei Daniel Richters natürlich gegenwärtig. Besonders in "Fuck the Police" -- ein Spruch der mittlerweile so politisch abgenutzt und wertlos ist wie das Anlitz Che Guevera. So heißt das Gemälde dann auch „Lonely Old Slogan".