29. Mai 2013

Die letzten Worte des Künstlers an den Betrachter: In der SCHIRN-Ausstellung „Letzte Bilder“ wird der posthum veröffentlichte Film "Chinese Series" von Stan Brakhage gezeigt. Eine Annäherung.

Von Daniel Urban

Der Ausgangspunkt dessen, was wir klassisch als Film bezeichnen und in Kinos oder zu Hause bestaunen, ist immer die Dunkelheit. In diese dringt das Licht ein, welches das Dunkel in Form von Filmmaterial belichtet, und bildet das ab, was vor dem Objektiv der Kamera geschieht. Durch chemische Reaktionen wird in der fotografischen Emulsion das im Dunkel gespeicherte Licht plötzlich wie von Zauberhand sichtbar und als je einzelnes Bild in schneller Abfolge durch den Filmprojektor schließlich zum Leben erweckt.

In der sogenannten „drawn-on-film Animation“, welcher der Filmkünstler Stan Brakhage als einer der Ersten zur Bekanntheit verhalf, wird an den Anfang dieses Vorgangs der Mensch gestellt, der anstelle der Natur das Licht in die Dunkelheit bringt. Bei dieser Animationstechnik nämlich bemalt, zerkratzt oder beklebt der Künstler das Filmmaterial vor oder nach Aufbringen der Fotoemulsion direkt. Gleich einem Maler kann er so eine eigene Welt erschaffen, der kaum Grenzen gesetzt sind und die, anders als bei einem Gemälde, nicht statisch ist.

Stan Brakhage gilt als einer der bedeutendsten Künstler des Experimental-Films. Bereits im Alter von 19 Jahren drehte er seinen ersten Film und wurde in den 1960er-Jahren einem größeren Publikum bekannt. (In der Ausstellung PRIVAT zeigte die SCHIRN bereits „Window Water Baby Moving“ von Stan Brakhage, in dem er die Geburt seiner Tochter Myrrena filmte). Brakhage bediente sich vieler für den klassischen Spielfilm eher ungewöhnlicher Techniken, so z.B. der Handkameraführung, dem in-camera editing (bei der das Gezeigte chronologisch aufgezeichnet und anschließend nicht mehr geschnitten wird), Mehrfachbelichtungen und eben der draw-on-film Animation. 1996 wurde bei Brakhage Blasenkrebs diagnostiziert. Zunächst scheinbar erfolgreich bekämpft, kehrte der Krebs schlussendlich zurück. Brakhage verstarb am 09. März 2003 in Kanada im Alter von 70 Jahren.

In das Dunkel

„Chinese Series“ beginnt mit dem absoluten Schwarz, welches erst für kurze, dann immer längere Augenblicke immer wieder durch weiße Linien, Figurationen, Flecken und Linien erhellt wird. Nicht nur aufgrund des Werktitels meint man Schriftzeichen oder Hieroglyphen in den abstrakten Figurationen zu sehen, die in der Tat an chinesische Schriftzeichen erinnern. Im Laufe des kurzen Films flimmern die abstrakten Zeichen immer schneller und vielfältiger über den Bildschirm und unweigerlich beginnt man nach Wiederholungen oder gar einer Syntax zu suchen, um die Zeichen zu entschlüsseln oder in einen Sinnzusammenhang setzen zu können. Nach gut zweieinhalb Minuten ist die rasche Bildfolge zu Ende und es bleibt erneut nur das Dunkel des Filmmaterials zurück.

„Chinese Series“ ist die letzte von Stan Brakhage hergestellte Arbeit. Brakhage hatte sie bereits längere Zeit angedacht, denn sie sollte, ähnlich wie seine „Persian Series“ oder die „Arabic Numeral Series“, aus mehreren Filmen bestehen. Bis zu seinem Tod konnte der Künstler jedoch nur noch die zweieinhalb Minuten fertigstellen, die 2003 posthum nach hinterlassenen Aufzeichnungen des Künstlers von der Filmemacherin Courtney Hoskins zu einer Vorführversion kopiert wurden. Für „Chinese Series“ hatte Brakhage, schon stark gezeichnet durch seine Krankheit, das Filmmaterial mit Spucke befeuchtet und dann mit seinen Fingernägeln ohne weitere Hilfsmittel zerkratzt. 

Die letzten Worte des Künstlers

Der Regisseur und Kritiker R. Bruce Elder verweist in seinem Buch „The Films of Stan Brakhage in the American Tradition“ auf den Einfluss moderner Poesie, wie etwa von Ezra Pound, auf Stan Brakhage. Elder zu Folge fassten amerikanische Poeten die chinesischen Schriftzeichen als eine Art Adamitische Sprache auf, wie Walter Benjamin die von Adam und Eva im biblischen Paradies gesprochene Ur-Sprache nannte. Die Assoziation ist nachvollziehbar: beruhen doch die chinesischen Schriftzeichen auf Piktogrammen und repräsentieren so eine Art konkretes oder eben ursprüngliches Gedankenbild. Brakhage abstrahiert in seiner Arbeit jedoch wiederum von dem konkreten Gegenstand eines Piktogramms. Die abstrakten Figurationen erscheinen so als eine eigene Sprache, die auf dem Filmmaterial die letzten Worte des Künstlers an den Betrachter darstellen – wie Brakhage selbst sagte: mit seinem Fleisch und seinen Fingernägeln festgehalten.