01. Oktober 2016

Carl Moll war Mitbegründer der Wiener Secession, pflegte Freundschaften zu Klimt und Mahler. Doch seine Hinwendung zum Nationalsozialismus führte schließlich in eine ausweglose Situation.

Von Julia Schmitz

Diagnose Anämie: Weil die Blutarmut die Gesundheit des kleinen Carl Moll, der am 23. April 1861 in Wien das Licht der Welt erblickte, sehr in Mitleidenschaft zieht, kann er nicht regelmäßig am Schulunterricht teilnehmen. Damit er sich die Zeit vertreiben kann, drückt ihm seine Mutter Pinsel und Farben in die Hand und finanziert ihm später – mit dem geerbten Vermögen nach dem Tod ihres Mannes 1877 – privaten Malunterricht bei Carl Haunold. Schon früh legt sie so den Grundstein für eine schillernde Künstlerkarriere ihres Sohnes, der seine Skizzenbücher in erster Linie mit Landschaftsmalereien füllt.

Durch die jahrelange Schulung der eigenen Beobachtung ist es für Moll ein leichtes, nach seinem Schulabschluss an der Akademie der bildenden Künste in Wien aufgenommen zu werden. Hier studiert er bei Christian Griepenkerl, dem Leiter der Spezialschule für Historienmalerei mit Vorliebe für Motive der antiken Mythologie. Doch die aus den Folgen einer Gehirnhautentzündung entstandene Schwerhörigkeit zwingt ihn tragischerweise, sein Studium aufzugeben.

Lehr- und Wanderjahre

Dank einer glücklichen Fügung wird er kurze Zeit darauf Privatschüler und Assistent des bekannten Landschaftsmalers Emil Jakob Schindler. Eine Beziehung, die in den folgenden Jahren immer intensiver wird, er verbringt zehn Jahre lang jeden Sommer mit Schindler, dessen Frau Anna und den Töchtern Alma und Margarethe. Als Schindler 1892 auf Sylt verstirbt, übernimmt Moll die Verantwortung für die Familie, heiratet drei Jahre später sogar die Witwe seines ehemaligen Lehrers und wird so gleichzeitig Stiefvater von Alma Mahler, spätere Gattin von Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel.

Ludwig Michalek (zugeschr.), Bildnis Carl Moll, 1905, Image via commons.wikimedia.org

Das Grundstück der Molls in der Wiener Theresianumsgasse wird zum Treffpunkt der Wiener Künstlergesellschaft, ebenso wie das spätere Anwesen auf der Hohen Warte, in dem Moll Tür an Tür mit Koloman Moser wohnt; hier schmieden die Herren zwischen antiken Möbeln Pläne zur Umwälzung der Gegenwartskunst und dem Aufbau einer Künstlerkolonie. Die „Hohe Warte“ wird später zu einem Lieblingsmotiv Carl Molls, der sein Zuhause wiederholt und aus allen Perspektiven auf die Leinwand bringt oder in Holzschnitten umsetzt.

Organisationstalent

War seine eigene Kunst unter der Betreuung Schindlers aufgeblüht – um 1890 herum verkauft er als ersten Erfolg das Bild „Ruine in Schönbrunn“ an Kaiser Franz Joseph – so verlässt ihn mit dem Tod seines Vorbilds zunächst die Inspiration. Stattdessen entdeckt Moll sein Organisationstalent: Anfang 1897 gründet er mit ein paar Freunden – darunter Gustav Klimt, Koloman Moser und Josef Hoffmann – die Wiener Secession und vertritt diese fortan als Vizepräsident, bis die immer größer werdenden Unstimmigkeiten zwischen den „Traditionalisten“ und den „Modernen“ acht Jahre später zum Zerfall der Gruppierung führen.

Carl Moll, Hohe Warte, 1903, Albertina, Wien

Moll steht nicht still, organisiert 1903 eine ebenso umfangreiche wie populäre  Ausstellung zum Impressionismus mit Werken u.a. von Manet, Monet, Renoir und Degas, Cézanne und van Gogh und gehört im gleichen Jahr zu den Mitbegründern der „Wiener Werkstätte“, die sich nichts weniger als die Erneuerung des Kunstgewerbes auf die Fahnen geschrieben hat. Dank seines Engagements bringt er die Wiener Gesellschaft nicht nur mit dem französischen Impressionismus in Kontakt, sondern holt auch die Münchner und die Berliner Secession in seine Heimat. 1904 wird er künstlerischer Leiter der Galerie Miethke,  die er zu einer der führendsten Galerien für moderne Kunst ausbaut, fördert verstärkt junge österreichische Künstler wie Oskar Kokoschka, Egon Schiele und Anton Kolig.

Chronist der Zeitenwende

Sein eigener Stil changiert in dieser Zeit zwischen Einflüssen aus dem französischen Impressionismus, traditioneller Landschaftsmalerei und den modernen Holzschnitten der Wiener Secession. Alle Gruppierungen und Ausstellungen, bei denen Carl Moll auf die ein oder andere Weise seine Finger im Spiel hat, bieten ihm natürlich auch die Möglichkeit, seine eigene Kunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch Carl Moll bleibt bescheiden, wird durch seine ruhigen, menschenleeren Holzschnitte von Straßenzügen, Häuserfassaden und Marktplätzen zu einem bescheidenen Chronist der Zeitenwende.

Carl Moll, Selbstporträt in seinem Arbeitszimmer, 1906, Image via commons.wikimedia.org

Mit der so genannten Beethoven-Mappe, die ab 1902 entstand und die verschiedenen Wohnhäuser des Künstlers zeigt, schuf Moll die heute vielleicht bekannteste Ansichten-Serie des Wiener Farbholzschnitts.  Die komplette Mappe mit ihren bedeutenden Holzschnitten aus der Wiener Albertina ist in "Kunst für Alle" zu sehen. Eine große Inspiration ist ihm dabei immer wieder Gustav Mahler, der durch die Heirat mit Alma zu seinem Schwiegersohn wird. 1911 stirbt dieser in den Armen Molls – eine Katastrophe für den Maler.

Die Nazis und der einzige Ausweg

Der erste Weltkrieg bringt nicht nur eine Zeitenwende im Kunstbetrieb mit sich, sondern auch im Privatleben Carl Molls: Aufgrund der Inflation verliert er 1917 sein gesamtes Vermögen und sieht sich gezwungen, alle seine bis dato entstandenen Gemälde im Auktionshaus Cassirer in Berlin zu versteigern. Sein Malstil rückt immer weiter ab vom Flächenstil der Holzschnitte hin zu detailreicheren, mit dicken Pinselstrichen gemalten Landschaftsbildern, die mit den Jahren sogar expressionistische Züge annehmen. Seine Reisen nach Südfrankreich und Algerien finden sich in zahlreichen seiner Werke verbildlicht.

Carl Moll, Beethoven Häuser, Heiligenstadt Grinzingerstraße 64, 1906, Albertina, Wien

Noch befindet sich Moll in voller Schaffenskraft, übernimmt 1932 die organisatorische Leitung des österreichischen Pavillons auf der Biennale in Venedig und organisiert 1937 für den „Neuen Werkbund Österreichs“ eine Ausstellung anlässlich des 50. Geburtstags von Oskar Kokoschka – der zu diesem Zeitpunkt seitens der Nazi-Diktatur bereits zu den „entarteten“ Künstlern gezählt wird. Ein wagemutiges Unterfangen, ist Moll doch streng national gesinnt und ein glühender Unterstützer des Hitler-Regimes. Eine Tatsache, die ihn letztendlich das Leben kostet: Als russische Truppen Anfang 1945 in Österreich einmarschieren, ist Moll derart verzweifelt und ängstlich vor der Zukunft, dass er keinen anderen Ausweg mehr weiß: in der Nacht auf den 13. April begehen Carl Moll, seine Tochter Maria und deren Ehemann Suizid.

Carl Moll, Verschneites Studio on Theriesiengasse, 1905, Image via wiki.cultured.com