19. Dezember 2017

Was verbindet Jean-Michel Basquiat alias SAMO© und Banksy? Das SCHIRN MAG unterwegs auf den Spuren der Street Art in New York und London

Von Marthe Lisson

Jean-Michel Basquiat – oder viel mehr seine Werke – sind derzeit im Londoner Barbican Centre zu sehen, bevor sie im Februar 2018 in die SCHIRN kommen. Seine Bilder sind massiv von der Graffiti-Ästhetik geprägt. Das verwundert nicht, fing er doch selbst im New York City der 70er-Jahre, wo Graffiti wie die leeren Kassen zur Stadt gehörte, mit seinen Writings an. Basquiat schuf allerdings keine komplexen (Schrift-)Bilder wie es Lee, Futura2000, Fab5Freddy und andere Größen der Zeit taten. Es waren schlicht gestaltete Aphorismen.

Von New York City aus breitete Graffiti sich in den frühen 80er-Jahren in die Welt aus und heute scheint Street Art (Graffiti ist Form der Street Art) beliebter zu sein, als je zuvor. In Buchläden stehen Bücher über Street Art neben Monographien von van Gogh und Monet. Genauso wie Street Photography nun gleichbedeutend neben Brassai und Bresson steht. Wir haben Sehnsucht nach dem Ungeschminkten, dem vermeintlich Echten, wir wollen Street Credibility. Nicht das, was mächtige Institutionen und Medienkanäle diktieren. Und wir wollen – aber das hat sich seit Basquiat nicht geändert – einen Hauch des Mysteriösen.

Anarchie und Rebellion

Einer der beliebtesten, faszinierendsten und mysteriösesten Street Artists der vergangenen Jahre ist Banksy. Seine Pieces und Writings haben nicht nur in London, sondern weltweit Schlagzeilen gemacht. Wer hinter dem Pseudonym Banksy steht, ist bis heute nicht geklärt. Und das macht ihn – anonymerweise – und seine Werke nur noch beliebter. Denn in Zeiten von iPhone & Co. unbemerkt ein eigenes Bild in der Tate Gallery aufzuhängen, wie Banksy es 2003 gelang, hat einen Hauch von Anarchie und Rebellion. Banksy und Basquiat verbindet aber nicht nur die Tatsache, dass sie beide schon einmal eine Spraydose in der Hand gehalten haben.

Banksy in der Tate Britain, image via: thetimes.co.uk

In den späten 70ern schließt sich Basquiat mit seinem Freund Al Diaz zusammen, ab 1977 sprayen sie unter dem Pseudonym SAMO© (ein Wortspiel aus 'same old shit') Aphorismen an die Wände von SoHo und der Lower East Side. Es waren harte Zeiten für die Stadt. New York selbst stand am Rand des Ruins und U.S.-Präsident Gerald Ford verweigerte staatliche Hilfen, um die Stadt vor dem Bankrott zu retten. Die Kriminalitätsrate hatte sich verdoppelt.

Die Spraydose als eine Art Waffe

In der Bronx brannten nächtlich Gebäude, die von ihren Besitzern in Flammen gesetzt wurden, weil sie ihre Häuser nicht mehr vermieten und unterhalten konnten. New York war voll mit Graffiti, kaum ein Zug war nicht in Farbe gekleidet. In der Hauptsache waren es Writings, bei denen die Schrift als zentrales Bildmotiv fungiert und oft der eigene Name bzw. das Pseudonym möglichst kunstvoll gesprayt wird. Viele Graffiti-Künstler sahen die Spraydose als eine Art Waffe. Sie konnten mit ihren Pieces Aufmerksamkeit auf sich ziehen ohne direkt, als Person, im Mittelpunkt zu stehen. Ihre Bilder vertraten sie in der Öffentlichkeit. Künstler wie Lee entwickelten ihre Writings dann weiter, weg vom narzisstischen Sprayen des eigenen Namens hin zu politischen Themen.

Edo Bertoglio, Jean-Michel Basquiat on the set of Downtown 81, 1980–81, © New York Beat Film LLC, By permission of The Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York, Photo: Edo Bertoglio

In dieser mit Graffitis überladenen und chaotischen Stadt wirkten die Aphorismen von Basquiat  und Al Diaz reduziert und minimalistisch und trafen damit einen Nerv. SAMO© wurde zu einer Sensation. Der Ton von SAMO© war anders. Es waren geistreiche Statements. SAMO© AS AN END 2 THE NEON FANTASY CALLED ,LIFE‘ Oder ANOTHER DAY, ANOTHER TIME, HYPER COOL, ANOTHER WAY 2 KILL SOME TIME. Die Neugierde rund um SAMO© wurde schließlich so groß, dass am 21. September 1978 die SoHo Weekly News einen Aufruf an die Künstler richtete, sich bekannt zu machen.

SAMO©  is Dead

In der Zeitung The Village Voice, einer Instanz weit über Greenwich Village hinaus, schrieb der Autor Philip Faflick über SAMO©, dass New York aufgehört hätte, auf die Wände und Mauern zu achten, bis in jenem Herbst etwas Neues darauf erschienen war. Dieser Artikel deckte auch die Identitäten der beiden Künstler Jean und Al auf. Die Kollaboration zwischen Jean und Al brach kurz danach auseinander, Keith Haring hielt eine Grabrede im Club 57 und auf den Wänden SoHos war in der Folge SAMO© IS DEAD zu lesen.

Image via: www.henryflynt.org

Image via: henryflynt.org

Das Anonyme, Unbekannte und Mysteriöse hat die Menschen ganz sicher nicht erst seit Basquiat und SAMO© in ihren Bann gezogen. In heutigen Zeiten ist es wieder besonders faszinierend, da es ist gar nicht so leicht, anonym zu bleiben. Banksy schafft das seit Jahren dennoch sehr gut, beherrscht geradezu die Kunst der Anonymität. Er ist der international populäre Street Art-Künstler der letzten Jahre. Und das sicherlich nicht nur auf Grund seiner Kreativität, sondern auch, weil seine Identität bis heute nicht aufgedeckt wurde. Bekannt wurde er mit seinen schwarz-weißen Stencils (Graffiti, das mit Hilfe einer Schablone gesprayt wird), hauptsächlich in London und Bristol. In den letzten Jahren haben aber auch Australien, Deutschland, die USA und viele andere Länder „ihren“ Banksy bekommen.

An (unofficial) collaboration

Nachdem im Mai in Dover ein neuer großes Banksy-Graffiti auftauchte (die EU-Flagge, aus der ein Arbeiter einen Stern herausmeißelt), ist Banksy im September mit zwei Werken nach London zurückgekehrt – zeitgleich zur Eröffnung der Basquiat-Ausstellung, die ab 25. Februar auch in der SCHIRN zu sehen ist. Beide Werke befinden sich direkt an den Außenwänden des Barbican Centre selbst, das, so auf Banksys Instagram-Account zu lesen, immer besonders bedacht sei, Graffiti sofort zu entfernen. 

Das erste kleinere Graffiti zeigt ein Riesenrad, an dem sich statt Kabinen die von Basquiat so häufig gemalten Kronen drehen. Unterhalb des Rades stehen Menschen in Schlage für eine Fahrt an. Vielleicht ein kleiner Seitenhieb auf die Ausstellung? Das zweite lebensgroße Bild bezieht sich auf eines der bekanntesten Gemälde Basquiats, „Boy and Dog in a Johnnypump“. Banksy lässt sie von der Londoner Polizei durchsuchen und bezeichnet das Werk als Porträt von Basquiat. Vielleicht ein kritisches Kommentar auf die Tatsache, dass Basquiat der erste schwarze Künstler eines sonst eher von Weißen dominierten Kunstmarkts war und, dass Schwarze auch heute noch viel häufiger Opfer von polizeilicher Willkür und Gewalt werden – Themen, die Basquiat in vielen seiner Werke aufwarf.

Banksys Street Art Motive sind leicht zu verstehen, die Sozialkritik oder die Kritik an aktueller Politik zum Teil plakativ. Auch das macht seine Popularität aus, seine Bilder sind nicht kryptisch. Banksy ist für alle da und Banksy hat für jeden etwas in seiner kreativen Wundertüte. Sein Vorgehen gleicht Geniestreichen. Denn ob Groß oder Klein, bei seinen Unternehmungen im öffentlichen Raum wurde er noch nie gesehen. Alles findet sofort seinen Weg auf YouTube und Facebook, nur Banksy nicht. Dies ließ immer wieder die Spekulation zu, dass Banksy nicht alleine handelt und vielleicht sogareine ganze Werkstatt unterhält. Da hatten Jean und Al es sicher leichter, anonym zu bleiben.

Foto: Schirn Magazin

Die Aphorismen von SAMO© sind schon lange nicht mehr an den Wänden New Yorks zu sehen. Sie sind allerdings nicht verloren, der Avantgardekünstler Henry Flynt hatte rechtzeitig angefangen, sie zu fotografieren. Viele der insgesamt 57 Fotographien sind in der Ausstellung Basquiat. Boom for Real zu sehen. Wenn auch wesentlich jünger, sind auch die meisten Banksy-Werke in London zum Großteil bereits wieder verschwunden. Die Kurzlebigkeit ist das Schicksal der Street Art. Immerhin, 15 Banksys sind noch zu sehen, wo genau, kann man auf einer Karte nachschauen. Und wer noch mehr Banksy-Spirit erfahren möchte, kann ja neuerdings im „Walled Off Hotel“ in Bethlehem absteigen.