25. Juni 2013

Die Serie „Streetwork“ von Philip-Lorca diCorcia zeigt eindrucksvolle Aufnahmen von Passanten in Metropolen wie New York, Los Angeles, Tokio oder Mexiko City. Unter dem Motto "Street Stories" veranstaltet die SCHIRN in Kooperation mit seen.by einen Fotowettbewerb.

Von Alexander Jürgs

Fotowettbewerb in Kooperation mit seen.by

Philip-Lorca diCorcia studierte zunächst an der School of the Museum of Fine Arts in Boston. Danach besuchte er die berühmte Yale University, wo er 1979 sein Studium mit einem Master of Fine Arts in Fotografie abschloss. Die Fotografie-Fakultät stand damals noch immer stark unter dem Einfluss ihres ehemaligen Leiters Walker Evans. 20 Jahre lang hatte er die Fotoabteilung geprägt. Evans ist eine Legende der „Street Photography“. So gelten zum Beispiel seine unauffällig in der New Yorker U-Bahn aufgenommenen Porträts von Pendlern als stilbildend für eine Fotografie, die das soziale Leben von Städten und Gesellschaften in Bildern festhält.

Ein künstlicher Hintergrund, eine Fototapete

Daher überrascht es nicht, dass sich „Street Photography“ auch in diCorcias Oeuvre findet, doch das klassische Dokumentieren spielt für den Künstler dabei nur eine Nebenrolle. Das fällt besonders auf, wenn man sich in die Fotografien seiner Serie „Streetwork“ vertieft. Die Bilder dieser Serie sind zwischen 1993 und 1999 entstanden. Fotografiert wurden sie in Metropolen wie New York, Tokio, Paris, London, Mexiko City oder Los Angeles. Man sieht auf den Bildern Menschen, die sich zu Fuß durch diese Städte bewegen. Menschen, die auf dem Weg nach Hause sind, ins Büro oder zum Einkaufen. Viele von ihnen wirken versunken, abwesend, so, als würden sie gerade jetzt mit ihren Gedanken abschweifen. Benannt sind die Fotografien nach einem ganz einfachen Prinzip: Ihr Titel setzt sich aus Stadtname und Entstehungsjahr zusammen.

Auch wenn diese Bilder einen realen und wiedererkennbaren Ort in einem bestimmten Moment abbilden, haben sie doch etwas sehr Künstliches. Etwa das Werk „New York, 1996“: Hier überschneiden sich in der Bildmitte drei Personen vor einer Ampel. Hinter ihnen sieht man, verschwommen, ein nicht mehr ganz neues, weißes Auto vorbeifahren. Die Dreiergruppe ist gestochen scharf eingefangen, die Gebäude und Straßen hinter ihnen fasern aus. Fast hat man den Eindruck, als ob die abgebildeten Personen vor einem künstlichen Hintergrund, einer Fototapete, einer Theaterkulisse, stehen. Das gleiche Prinzip findet sich in vielen Werken der Serie.

Diese Bilder berühren den Betrachter

Diesen Effekt erreicht Philip-Lorca di Corcia, weil er mit einem starken künstlichen Licht arbeitet, mit einer komplexen Blitzanlage, die er vor Ort aufgebaut hat. Die meisten Passanten registrieren diesen Aufbau gar nicht – nur deswegen gelingt es diCorcia, sie völlig unbemerkt mit seiner Kamera aus größerer Entfernung mit einem Teleobjektiv einzufangen. Das starke künstliche Licht sorgt für den Kontrast zwischen den gestochen scharf abgelichteten Personen im Vordergrund und der urbanen Kulisse hinter ihnen.

Der Fotograf und die Passanten, die er ablichtet, gehen dabei keine Beziehung zueinander ein – trotzdem schaffen es diese Bilder, ihre Betrachter zu berühren, zu fesseln. „Wenn ich auf der Straße Bilder von Leuten mache, mit denen ich mich nie unterhalten habe, die ich vielleicht nur für den Bruchteil einer Sekunde gesehen habe, dann schließt das die Möglichkeit nicht aus, dass jemand sie anschauen und eine emotionale Reaktion haben könnte“, hat diCorcia das Prinzip, das er als „subterrane Emotion“ bezeichnet, in einem Interview mit dem Kulturwissenschaftler Christoph Ribbat beschrieben. 

Die Grenzen des Genres

Das Vorgehen bei den „Streetwork“-Arbeiten wird diCorcia schon wenig später noch radikaler auf den Punkt bringen: in der Serie „Heads“, die in den Jahren 2000 und 2001 entsteht. Dort fokussiert der Künstler nur noch einzelne Köpfe von Passanten, die er auf der Straße fotografiert. Die Stadt verschwindet auf diesen Bildern komplett in einem schwarzen Hintergrund. Dass diese Bilder im urbanen Umfeld entstanden sind, kann man als Betrachter eigentlich kaum mehr entziffern. Trotzdem wäre es wohl falsch, wenn man nun behaupten würde, dass Philip-Lorca diCorcia mit seinen Arbeiten das Feld der „Street Photography“ verlassen hätte, denn nach wie vor entstanden diese Bilder in einem spontanen Moment auf einer öffentlichen Straße. Viel eher ist es wohl so, dass der Künstler ganz bewusst nach den Grenzen des Genres forscht, um daraus eine ganz eigene Ästhetik zu entwickeln.