03. April 2013

Yoko Ono ist die Meisterin des Immateriellen, zu ihren Leitmotiven gehört die Beteiligung des Betrachters am Kunstwerk. Mit der Arbeit "We Are All Water" stößt sie uns auf die grundlegenden Fragen des menschlichen Seins.

Von Anna Katharina Feldhaus

Yoko Onos Oeuvre besteht zu großen Teilen aus Ideen und Texten, die sich wiederholen und miteinander verknüpft werden. Ihrer Auffassung nach ist es nicht Aufgabe eines Künstlers, weitere Objekte zu schaffen, sondern den Wert der Dinge zu verändern. Loslösung vom Denkdiktat und die Erschaffung einer Utopie, in der totale Freiheit für alle herrscht, sind eine grundlegende Zielsetzung ihrer Kunst. Es geht ihr um die Aktivierung einer Beschäftigung mit dem Selbst, eine erhöhte Selbstwahrnehmung und die Bewusstwerdung eigener Gefühle und Gedanken.

Stetig kreist Onos Werk um die elementaren und sich komplementär ergänzenden Bestandteile Licht und Schatten, Feuer und Wasser, Erde und Luft. Die Suche nach einem Ausgleich der Gegensätze zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Lebenswerk.

Die Namen vieler berühmter Zeitgenossen

Wasser gehört zu den Grundelementen unseres Seins. Wir bestehen zum Großteil aus Wasser, es ist der wichtigste Bestandteil unseres Lebens. Für Ono ist Wasser Emotion, Liebe. Es denkt, fühlt und heilt. Sie beschreibt Wasser als kommunikatives und verbindendes Element zwischen allen Individuen. In ihrer Arbeit „We Are All Water“ (2006) ist Wasser Hauptgegenstand. 

Kleine mit Wasser befüllte Glasflaschen reihen sich aneinander. Jede einzelne von ihnen mit einem handbeschriebenen Etikett beklebt. Die Namen vieler berühmter Zeitgenossen prangen an der Stelle, an der man eine profane Inhaltsbeschreibung erwartet.

Yoko Ono eröffnet einen philosophischen Diskurs

Wie viele ihrer aktuellen Arbeiten bezieht sich diese Installation auf frühere Konzepte. „...we´re all water...“, schreibt Yoko Ono in ihrem Gedicht „Water Talk“, das für ihre Ausstellung in der Lisson Gallery London 1967 entsteht und eröffnet damit einen philosophischen Diskurs, der durchaus auch für „We Are All Water“ greift.  

you are water
I’m water
we’re all water in different containers
that’s why it’s so easy to meet
someday we’ll evaporate together

but even after the water’s gone
we’ll probably point out to the containers 
and say, “that’s me there, that one.” 
we’re container minders

(For Half-A-Wind Show, Lisson Gallery, London, 1967)

Was verbindet alle Menschen?

Obwohl wir alle Menschen sind, aus den gleichen Stoffen bestehen, auf derselben Erde leben, legen wir Wert auf unsere äußerliche Unterscheidbarkeit. Ono bezeichnet uns als „container minders“. Plötzlich rasen uns beim Anblick dieser ästhetischen Reihung namhafter Glasflaschen Argumente der Love & Peace-Bewegung durch den Kopf, Diskussionen über Gender, Identität, Rasse, Rolle und Status fallen uns ein – Ono hat es geschafft, uns zum Denken zu animieren. Wir geben uns der Überlegung hin, was alle Menschen verbindet. 

Onos Kunst ist, wie auch ihre Musik, gesellschaftspolitisch orientiert und stark mit ihren öffentlichen Aktionen für Frieden, Umweltschutz und Menschenrechte verzahnt. 1972 schreibt Yoko Ono einen Song, den sie ebenfalls mit „We´re All Water“ betitelt. Er ist der letzte Titel auf dem „Some Time In New York City“ Album, das politischen Protest zum Thema hat. Eine Reihe öffentlicher Personen wie Richard Nixon, Charles Manson und Nelson Rockefeller werden in „We´re All Water“ benannt, während Ono immer wieder fragt „What´s the difference?“. Auf dem Plattencover tanzen Nixon und Mao Tse-tung nackt und in der ersten Strophe wird vermutet, dass Marilyn Monroe und Lenny Bruce sich kaum unterscheiden, würde man ihre Särge öffnen. Der Refrain prophezeit, dass wir eines Tages zusammen verdunsten werden.

Fast zu schön, um wahr zu sein

Trotz aller Unterschiedlichkeit in Sachen Wohlstand, Status, Aussehen, Glauben oder Taten, sind wir am Ende doch alle gleich. Wir haben nur ein Leben, das durch den Tod begrenzt wird. Wir bestehen alle zum Großteil aus Wasser. Was also unterscheidet uns wirklich? Ein starker Glaube geht von dieser Arbeit aus, dass die Menschheit durch einen kollektiven Geist vereint werden kann.  

Yoko Onos „Half-A-Wind Show“ ist ein Erlebnis für alle Sinne. Ständig ist der Betrachter selbst gefordert, soll anfassen, darf mitgestalten, erleben. Dabei geht es weit weniger um das Materielle als um das Immaterielle. So bleibt von „We Are All Water“ eine Idee von Freiheit und Gleichheit haften, ein Gefühl von Leichtigkeit. Fast zu schön, um wahr zu sein. Yoko Onos Konfrontation mit ihrer politischen und gesellschaftlichen Überzeugung, ihre Zerstörung routinierter Denkmuster, begegnet uns zunächst subtil, ganz harmlos, um umso stärker nachzuwirken.