25. Oktober 2012

Kurator Matthias Ulrich über Kunst und Natur auf der dOCUMENTA und eine bewußtseinserweiternde Performance zwischen Bach und Holzscheune.

Von Matthias Ulrich

Mindestens fünf Arbeiten auf der vergangenen dOCUMENTA (13) befassten sich mit dem Thema Garten. Dazu zähle ich auch die umherwandernden Zypressen von Maria Loboda, die militärisch exakt auf einer Linie vor der Orangerie aufgereiht sind. Und selbst der Bronzebaum mit Granitstein von Guiseppe Penone hat in einem Thema Platz, das die Rückkehr der Natur – oder das, was von ihr übrig geblieben ist – anpreist. Und wenn man dieser Linie einmal folgt, dann erkennt man in den großzügig verteilten Holzhäusern in der Karlsaue die regelmäßig von Künstlern zitierte Urhütte des amerikanischen Reformers Henry David Thoreau.

Gegenwärtige soziale Krisen

Verglichen mit der „Walden Hut“ von Tobias Hauser, die im Jahr 2002 auf der Baustelle des Potsdamer Platzes in Berlin installiert war, fügen sich die documenta-Hütten nahtlos ein in einen zivilisatorischen Ruheraum. In ihm bietet das „Sanatorium“ des Mexikaners Pedro Reyes, wie im Begleitbuch beschrieben wird, passende Therapien für „typische Krankheiten von Städtern wie Stress, Einsamkeit oder Angstgefühle“ an.

Weitere Präsentationsorte, beschränkt auf die Karlsaue, sind leer geräumte Glashäuser und die vorhandene Natur selbst, die im Spektakel der Großausstellung dOCUMENTA (13) einen aktuellen Antipoden ins Feld rückt. Dieses Szenario lässt sich gut und gerne in ein erweitertes Ambiente gegenwärtiger sozialer Krisen stellen, in dem die Motoren von Thomas Bayrle die historischen Artefakte einer untergehenden Zivilisation avant la lettre und ein durchaus nachvollziehbares Echo zu der im Keller des benachbarten Friedericianums angedeuteten Pyramide von Renata Lucas abgeben.

Mit den in Kassel ausgestellten Arbeiten kaum zu vergleichen, operieren die kuratorischen Hände von Cristina Ricupero dennoch auf einer ähnlichen Klaviatur. Ihre Faszination für gegenkulturelle und parascientologische Phänomene, die sie vor einem Jahr schon in der SCHIRN als Co-Kuratorin der Ausstellung „Geheimgesellschaften“ hat zu Wort kommen lassen, richtete sie jetzt in der idyllisch zwischen Bach und Holzscheune gelegenen Ursula Blickle Stiftung auf den Stichtag für den Weltuntergang. Laut einer esoterischen Auslegung des Kalenders der Maya fällt dieser auf den 21. Dezember des Jahres 2012.

Eine berauschende Performance

Wenngleich ein Garten hier fehlt – unabhängig von der „Cosmic Laughter“ betitelten Schau finden sich draußen auf der Wiese einige der einst als „Wolken“ betitelten Arbeiten von Michael Sailstorfer, je zwei aufgeblasene und in sich verschlungene Autoreifenschläuche, wie Gartensitzmöbel ausgesetzt – dringt die gemeinsam mit Fabian Marti als Co-Kurator gelüftete Botschaft in jene Bereiche des Bewusstseins vor, die in westlichen Zivilisationen verdrängt und diskriminiert wurden und, wenn überhaupt, exotisches Flair verbreitet.

Der Punkt beider Ausstellungen ist allerdings der, dass ein anderes Leben nicht nur vorstellbar, sondern auch durchführbar ist. Dazu können Yoga und eine Dosis Psilocybe durchaus die geistige Grundlage schaffen. Oder die noch immer auf den Übergang wartende Brücke, die uns auch in den Karlsauen eher an Monet, denn an Nietzsche, eher an ein Bild, denn an eine Prothese erinnern lässt.

Zum Schluss sei noch an die berauschende Droge erinnert, die nur aus Worten besteht und derzeit von keinem Künstler besser aufgeführt wird als von Karl Holmqvist. In einem zwischen Parlando und Onomatopoesie oszillierenden, mit Loops und tiefem Ostinato vorgetragenen Mix aus Pop- und literarischen Fragmenten wäre sein Live-Art-Beitrag (Aufzeichnung siehe oben) am Eröffnungsabend von „Cosmic Laughter“ beinahe zu einer erstaunlichen, endlosen Säule angewachsen, wenn nicht ein höheres Wesen im Publikum die Stimme des Künstlers mit repetitiv zusammenschlagenden Händen nach 30 Minuten Aufführungszeit zum Verstummen gebracht hätte – 1:0 für den Wirt.