15. August 2013

Das aufwändige Bühnenbild der Chanel-Modenschau im Grand Palais in Paris nimmt Kurator Matthias Ulrich zum Anlass, über die Möglichkeiten einer künstlerischen Wiederholung der Realität nachzudenken.

Von Matthias Ulrich

Das Grands Palais in Paris wurde im Jahr 1900 anlässlich der "Bilanz eines Jahrhunderts" betitelten Weltausstellung eröffnet. Dass dort seither neben Kunstausstellungen auch Automobilmessen und Zirkusveranstaltungen stattfinden, ist ein anderes Thema oder tut hier wenig zur Sache, mehr schon die seit 2006 aufwändig inszenierten Modenschauen der Marke Chanel unter der Regie von Karl Lagerfeld und insbesondere die Herbst/Winter-Kollektion 2013 mit dem Titel "Between Yesterday And Tomorrow". Über die gemeinsamen Einflüsse oder Ähnlichkeiten von Kunst und Mode ist schon mehrfach berichtet worden. Auch über die Zusammenarbeit mit Künstlern hinsichtlich Taschen- oder Schuhkollektionen und darüber hinaus.

In Lagerfelds Bühnenbild, das ebenso wie die gezeigte Mode zwischen einem Gestern und einem Morgen angesiedelt werden will, zwischen einem in Ruinen darniederliegenden Theater und einem durch den Bühnenkasten prophetisch erleuchteten Hintergrund, auf dem die Skyline einer futuristischen Großstadt abgebildet ist, erscheint die Gegenwart wie eingespannt zwischen die Backen eines Schraubstocks, nämlich die unaufhaltsam untergehende Vergangenheit und die ebenso unaufhaltsam aufgehende Zukunft. Als ob dieser Gegenwart zwar das Potential einer Gestaltung zuerkannt wird, auch in der Form einer (Rück-)Besinnung oder Konservierung, sie aber von Kräften bedroht oder beeinflusst wird, die übermenschlicher Natur sind.

Was allerdings das Bühnenbild heutiger Modenschauen betrifft, so lohnt sich, wie mir scheint, die Verbindung mit zeitgenössischen Installationen, vor allem solchen, die dem Betrachter eine bis in Details umfassende, scheinbare Realität liefern, angefangen mit den schier endlosen Transformationen des "Haus(es) u r" von Gregor Schneider bis hin zu den allusorisch veranlagten Geschichtsräumen von Robert Kusmirowski. Sie in der Sprache der Kunst als „Installationen" zu bezeichnen, unterschlägt ihre Bemühungen, ganze Räume und Interieurs wie Replikationen wirken zu lassen und die vordergründige Ununterscheidbarkeit von "der" Realität oder die Annäherung an sie anders als mit einer mehr oder weniger starken Störung des Wahrnehmungsapparats oder einer Unsicherheit des Betrachters zu bewerten. Außer Acht lasse ich bei dem Problem ganzheitlicher Installationen die in den überwiegenden Fällen notwendigen Auftraggeber, sei es hinsichtlich ihrer Finanzierung oder eines passenden Raums. Interessant jedoch erscheint mir die generelle Ungewissheit, die diesen Installationen innewohnt oder die sie geradezu betonen, indem die Gestaltbarkeit der Welt mit der Flexibilität oder der Manipulation des Menschen zwar vorgeführt, als Modus Operandi allerdings in Zweifel gezogen oder zumindest kritisiert wird.

Von einem Sturm ist wenig zu sehen

"Der Engel der Geschichte", so Walter Benjamins berühmte These IX, "muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm." Weder gleichen die Trümmer in Lagerfelds Inszenierung denen, die Benjamin vor Augen hatte, noch will man die "in den Himmel wachsenden" und "wie Pilze aus dem Boden schießenden" Hochhäuser als das Paradies anerkennen, wenngleich vieles darauf hindeutet, dass in ihnen der Fortschritt sein Wesen treibt und stürmisch übers Land zieht.

Von einem Sturm ist in Lagerfelds Inszenierung wenig zu sehen, die Zukunft scheint lediglich hell, aber wenig verführerisch, sie erscheint unausweichlich und so, als ob sie niemand wirklich wollte. Wem sein Engel den Rücken zukehrt und von welchem Sturm er weggerissen wird, darüber müssen wir wohl schweigen. Die Dramaturgie von "Between Yesterday And Tomorrow" erschöpft sich in der Gegenüberstellung des Gestern und des Morgen und siedelt die Gegenwart in das komplexe Gefüge von Kreation (hier: Lagerfelds Herbst/Winter-Kollektion), Präsentation (inkl. Models) und Rezeption (diesen Text ausgenommen), deren Resultate oder Synergien wie bekannt erst in der Retrospektive ein Gesicht erhalten. Die beiden Pole in Lagerfelds Installation liegen zeitlich weit auseinander, zu weit, um das Dazwischen als den gegenwärtigen Raum zu verstehen, in dem Gegenwart stattfindet und gegenwärtiges Handeln sich ereignet. Sie markieren nichts weiter als ein polemisches Feld, auf dem eine nostalgische Moderne mit einer funktionalen Postmoderne Spektakel spielt.

Eine Wiederholung der Realität

Braucht es Menschen überhaupt, wenn es um den Gang der Geschichte geht? Es sei zumindest ein anderer Engel kurz erwähnt, der Engel Michael Jackson, der in dem Video zum "Earth-Song" seinen ganzen Weltschmerz von der Seele schreit und dabei wie Paul Klees "Angelus Novus" die Flügel weit geöffnet hat, um sich an zwei Baumstämmen festzuhalten, während ein gewaltiger Sturm ihm ins Gesicht bläst. Jacksons Rufe nach einem Gott, der die Zerstörung der Erde hat geschehen lassen, werden endlich erhört, sodass alles, was wert gewesen, zugrunde zu gehen, per Rückspultaste wieder zum Leben erweckt werden kann.

Die Erde als Installation zu verstehen, ist möglich, sie in der Form einer Replikation in ein Museum zu stellen, ist schon deutlich unmöglicher. Die künstlerische Installation in dem vorgeschlagenen Sinne ist nichts desto trotz eine Wiederholung der Realität und ein Ort, die so ausgeschnittene Realität noch einmal zu erleben.