14. April 2016

Kurator Matthias Ulrich besucht an zwei Tagen fünf Ausstellungen in drei Städten und wird an der Ziellinie mit Baumkuchen belohnt.

Von Matthias Ulrich

Auf ein Gesicht zu schauen, das selbst nicht schaut, sondern die Augen geschlossen hat, verursacht beim Betrachter eine merkwürdige Spannung oder zumindest Irritation. Der unerwiderte Blick kann aber auch im Zeichen von größter Vertrautheit und Nähe stehen, dann nämlich, wenn es sich um den geliebten Menschen handelt, der mit geschlossenen Augen schläft oder entschlafen ist.

In beiden Fällen sehen die Betrachter einen mit der eigenen Existenz verbundenen Menschen und sich selbst im Spiegel dieser Verbindung, die sowohl tröstend als auch unheimlich ist, weil genau hierin die stabilisierende Mechanik von Blick und Gegenblick aufscheint. In den auf Sockeln stehenden körpergroßen Büsten, die der Frankfurter Künstler Peyman Rahimi nach Abgüssen von Menschen aus seinem Umfeld geschaffen hat, sind es vor allem diese geschlossenen Augen, die das besondere an ihnen ausmachen, und zweitens der mit schwarzen Pigmenten eingefärbte Beton, aus dem die Büsten gemacht wurden und der sie wie mit einer dünnen Staubschicht überzogen und irgendwie, ja, leblos erscheinen lässt oder wie verkohltes Holz mumifiziert. 

Referenzen über Referenzen 

Die erste derartige Mumie, auf die man trifft, nur wenige Meter hinter der Eingangstür der neuen Galerie von Kai Erdmann in Hamburg, erinnert mich an Kippenbergers "Familie Hunger" und zeigt mir zunächst die Rückseite mit einem Loch im Torso. Die spitz zulaufende, kegelförmige Öffnung referiert jedoch auf die vier zu einem Sockel verbundenen Kegel – und diese wiederum auf die endlose Säule Constantin Brancusis. Der Anblick der aus diesem dünnen, ebenfalls aus schwarzem Beton gegossenen Sockel plus der obendrauf thronenden Büste attestiert eine besorgniserregende Instabilität und Zerbrechlichkeit. Bei dem Porträtierten handelt es sich um den langjährigen Koch der Mensa der Städelschule, Hocine Bouhlou, was meiner Kippenberger-Assoziation zumindest Witz verleiht.

Peyman Rahimi, ira, Ausstellungsansicht Galerie Kai Erdmann, Courtesy Galerie Kai Erdmann 2016, Hamburg und der Künstler

Ebenfalls in der vorderen Hälfte der kleinen Galerie, die in der Mitte durch eine enge Wendeltreppe geteilt ist, ist das dunkle Abbild des Künstlers Bernhard Schreiner untergebracht, das über der linken Schulter ein in Schlaufen gelegtes Stromkabel hält und im Kopf eine explodierte Glühbirne trägt. Der hintere Teil des Erdgeschosses präsentiert noch zwei weitere Sockel-Büsten-Sets sowie eine diagonal liegende Skulptur bestehend aus einem Baumstück und ein an einem Ende montiertes Betonelement.

Birken in anthrazit 

Ein weiteres Baumelement befindet sich oben auf der Galerie am Ende der Wendeltreppe gepaart mit einer weiteren Mumienbüste, die zweifellos dem Abdruck eines dunkelhäutigen Menschen entstammt. An dieser Stelle tritt eine weitere, quasi menschheitsgeschichtliche Besonderheit zutage: die der Hautfarbe und ihrer kunsthistorischen, skulpturologischen Repräsentation, die den Befremdungseffekt der einheitlich schwarz gefärbten Büsten unterstreicht. Ich bin mir jetzt sicher, dass es sich bei den anthrazitfarbenen Baumteilen um Teile von Birken handelt, trotzdem ich mir die Färbung nicht erklären kann.

Peyman Rahimi, ira, Ausstellungsansicht Galerie Kai Erdmann, Courtesy Galerie Kai Erdmann 2016, Hamburg und der Künstler

Am nächsten Tag geht es mit dem Zug nach Hannover und mit dem Bahnrad weiter zum Sprengelmuseum, wo der diesjährige Kurt-Schwitters-Preisträger, Pierre Huyghe, eine gewohnt leise, unaufgeregte und assoziationsreiche Ausstellung in einem großzügigen Parcours von mindestens sechs Räumen eingerichtet hat. Mit kaum mehr Elementen – die kleinsten sind lebendige Fliegen und das größte eine Filmprojektionsleinwand – beweist Huyghe sein gekonntes Spiel mit Referenzen und Sackgassen und schleust den Betrachter in ein immaterielles Labyrinth, in dessen Zentrum ein im Akt der Paarung angehaltener Zeitstrahl aus einem weiblichen und einem männlichen Insekt steht und in einem spielwürfelgroßen Mausoleum aus Bernstein auf dem Boden liegt. 

Der Ort des Geschehens 

Zuvor läuft man über eine dünne Schicht Museumswandstaub, die aus Paris oder San Francisco, jedenfalls aus früheren Ausstellungen des Künstlers entnommen worden sind und in Hannover von den Schritten der Besucher zu einem unidentifizierbaren Staubbrei vermischt und auf die dunklen Teppiche der zwei anschließenden Räume transportiert werden, bis man in jenem Raum mit dem Bernsteinwürfel und herumfliegenden Fliegen ankommt, die durch engmaschige Netze von den benachbarten Räumen ferngehalten werden.

Pierre Huyghe, Mating, 2015, Foto: Septet + Bracco, © Pierre Huyghe

Im weiteren Raum läuft ein Video, in dem die mumifizierten Fliegen mit einem mikroskopischen Blick gescannt werden, so als könnte es gelingen, den Zeitstrahl zurückzubewegen und das Ereignis, das zu dem coitus interuptus führte, zu rekonstruieren und es am Ort des Geschehens, dieses Geschehens, ebenfalls zu identifizieren. Im anschließenden letzten Raum eine Zeichnung von Kurt Schwitters, die aus einer großen Anzahl von Kreisen, Drei- und Vierecken besteht und mehrere Verdichtungen aufweist und jedem erdenklichen Fliegenflug eine Karthografie sein kann. 

Rot-Sehen in der Kestnergesellschaft 

Weiter mit dem Rad zur Kestnergesellschaft und einer Ausstellung des Schweizers Tobias Madison, die nicht uninteressant erscheint, aber nach dem erhebenden Gefühl der Huygheschen Welterklärung nur untergeordnete Plätze erreichen kann. Offenbar rührt sein Interesse an die Qualität des Lichts, das in den fensterähnlichen Gemälden im ersten Raum angedeutet, in einer rot erleuchteten Rosette und welken Blumen im zweiten Raum fortgesetzt und spätestens im dritten Raum mit den rot gefilterten Fenstern des Gebäudes und einem nach innen foltertauglichen roten Licht vollends bestätigt wird.

Pierre Huyghe, Ausstellungsansicht Sprengelmuseum, Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt

Der Raum im oberen Geschoss taucht ebenfalls alles in Rot, das Weiß der einen Seite einer mittig im Raum stehenden Wand und den märchenhaften Szenen auf der anderen Seite. Schließlich gibt es noch einen Film zu sehen, in dem ein Junge mit kriegerischer Gesichtsbemalung hinter einem sich drehenden Scherenschnitt oder einem Lampenschirm agiert, die Choreographie des drehenden Etwas aufnehmend und verstärkend, während im unteren Viertel der Leinwand die Zeit von so etwas wie 28 Minuten zurückläuft. Nach Minute 25 verlasse ich den Raum und die Ausstellung und fahre mit dem Fahrrad in den Kunstverein, wo draußen noch immer der Kronleuchter über der Straße hängt, den ich schon damals reichlich unelegant fand und der noch immer so aufdringlich, so Hallo-Kunst-mäßig sich mitteilt, dass man hofft, dass endlich mal jemand mit einer Giraffe im Anhänger die Straße … 

Im Nukleus 

Die Ausstellung, das teilt bereits der eine Name in der Künstlerliste, Trevor Paglen, mit, läuft in Richtung Edward Snowden, in Territorien der Kontrolle und Überwachung, der Akkumulation von Informationen und Informationen als Waren usw., die schöne neue Welt also, in der die Rechenleistungen von exhumanen Gehirnen gleichzeitig Blödheit und Angst verbreiten und verbreiten sollen, wenn es nach ihren Erfindern geht, die natürlich wir alle sind. Das ist verkürzt gesagt – aber ich habe die Ausstellung auch nur wegen des Kronleuchters erwähnt und wegen Christoph Faulhaber, dessen hier zu sehende Arbeit schon etliche Jahre alt ist und wie der kunsthistorische Nukleus dieser Bewegung erscheint – fast schon rührend in seiner analogen Mechanik.

Tobias Madison Courtesy the artist Photo: Mathilde Agius

Kronleuchter vor dem Kunstverein Hannover, Image via haz.de

Ich fahre weiter mit dem Zug und steige aus in Göttingen, der Stadt des Baumkuchens, wo die amerikanische Künstlerin Liz Magic Laser eine sehenswerte Ausstellung im Kunstverein aufgebaut hat beziehungsweise an jenem Samstag diese sich einen Tag vor der Eröffnung noch im Aufbau befand. Mir kommen jetzt schon die Tränen, weil viel zu wenige Besucher diese Ausstellung sehen werden, die von den Bildern und den biopolitischen Informationen des öffentlichen Lebens handeln, die weit in den Verhaltensapparat des Jedermann eingesickert sind und die affirmativen Kräfte bestärken, mit denen wir die absolute Positivität des noch so prekären Lebens herausheben können. 

Heimatstadt des Baumkuchens 

Laser hat eine komplexe Form entwickelt, mit der sich filmische Erzählung und performative Aktion, Film und Theater verbinden lässt, und die ebenso live als Performance aufgeführt und ausgeführt werden kann. In ihrer Ausstellung vermischen sich die Bilder von aktuellen Flüchtlingen mit den DIY-Herrschaftspraktiken von TED-Talks mit den Ich-Entspannungen der Yoga-Kultur mit den Körpersprachen von Politikern und Normierungstheorien. Für Göttingen hat sie mit Schülern aus Göttingen, die allerdings mehrheitlich sonntags zur Kirche anstatt zu Eröffnungen gehen, zusammengearbeitet und eine neue Arbeit entwickelt. Bei Baumkuchen und Kaffee erzählt sie mir am Ende, dass ihre Geburt von ihren Eltern als magisch empfunden worden sei und dass sie nach Göttingen für die Kunstmesse frieze in New York ein audio piece erarbeiten werde. 

Von Göttingen geht es zurück nach Frankfurt.

Liz Magic Laser, Ausstellungsansicht Kunstverein Göttingen, Image via kunstvereingoettingen.de

Liz Magic Laser "Public Relations / Öffentlichkeitsarbeit," 2013, Image via kunstvereingoettingen.de