27. Oktober 2013

Kuratorin Martina Weinhart besuchte die Frieze Art Fair in London und entdeckte viel südamerikanische Kunst auch abseits der Kunstmesse in den Ausstellungshäusern.

Von Martina Weinhart

Es lohnt sich eigentlich immer die Londoner Kunstmesse Frieze zu besuchen, die nun seit letztem Jahr von der Schwestermesse Frieze Masters flankiert wird, die sich etablierteren Positionen (Kunst vor dem Jahr 2000) widmet. Klassisch präsentiert sich diese neue Messe, wo Käufer für Werke jenseits des Hypes für alles Superzeitgenössische gefunden werden sollen, so zum Beispiel für einen Pieter Breughel. Dazu gab es starke Einzelpräsentationen wie von der österreichischen Pop-Heroine Kiki Kogelnik oder auch dem argentinische Doyen der Op Art Julio Le Parc. Überhaupt -- Südamerika: Brasilien begegnet uns wieder mit Anna Maria Maiolino, die zuletzt auf der Documenta vertreten war und mit Lygia Clark, deren Labyrinth „A casa e o corpo" gerade in unserer Brasiliana-Ausstellung zu erkunden ist. Von ihr gab es in London eine fast museale Präsentation von raren frühen Arbeiten und Entwürfen.

Nicht allein die Messe ist sehenswert: da sind natürlich auch die vielen Kollegen, die man allerorten trifft, den Londoner Kunstherbst machen vor allem die hervorragenden Ausstellungen aus, die man nun gerade überall gleichzeitig besuchen kann. Auffällig ist dabei, dass man dieser Tage an Südamerika kaum vorbei zu kommen scheint -- und das nicht nur weil unser Blick durch den Brasilienschwerpunkt der gerade zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse darauf geschärft ist.

Ganz eindeutig schaut die Kunstwelt im Moment nach Süden, das ist besonders an den großen Londoner Institutionen abzulesen. In der Tate Modern ist das poetisch konzeptionelle Werk der in der Schweiz geborenen Brasilianerin Mira Schendel in einer großen Überblicksschau zu sehen. Genialerweise sieht man die Präsentation in direkter Nachbarschaft zur großen Paul Klee-Ausstellung ein Stockwerk darunter. Genial deshalb, weil die Künstlerin seinem Werk viel verdankt. Sehr beeindruckend ihre Installation "Still Waves of Probability" von 1969. Die Hayward Gallery an der Southbank zeigt einen Überblick über das intime und provokante Werk der 1948 geborenen Kubanerin Ana Mendieta, einer jetzt wiederentdeckten Protagonistin der Body Art der 1960er-Jahre.

Eine neuer aufgehender Stern am Kunsthimmel, der Argentinier Adrián Villar Rojas, weiht das gerade eröffnete und von Zaha Hadid umgestaltete neue Gebäude der Serpentine Sackler Gallery ein. Ein ehemaliges Munitionsdepot, das Villar Rojas in eine versteinerte Welt aus Ton, Zement, Ziegel und Artefakten umwandelt. Und die South London Gallery zeigt die erste große Einzelausstellung des gerade viel beachteten in London wohnenden Kolumbianers Oscar Murillo

Wer sich mit nostalgischem Blick dem guten alten Europa zuwenden will, der sollte die Ausstellung „Tomorrow" des in Berlin lebenden dänischen Duos Elmgreen & Dragset im Victora and Albert Museum besuchen. Sie lädt ein in die fiktive Wohnung eines ebenso fiktiven wohlhabenden Architekten, der gerade Bankrott gegangen ist, zusammengestellt aus den grandiosen Beständen des V & A und Objekten von Elmgreen & Dragset. Stilvoll wird man am Eingang von einem Butler willkommen geheißen. Hinter einer verschlossenen Tür hört man Duschgeräusche. In der Ecke der Boffi-Küche wird ausgemalt und vor dem Büro mit dem alten Apple Würfelcomputer und diversen Architekturmodellen stapeln sich die Umzugskisten. Man ist eingeladen, auf dem Klavier zu spielen oder es sich auf der Couch bequem zu machen und ein wenig in der Bibliothek zu stöbern. Das kann ich jedem nur wärmstens empfehlen -- eine Oase mitten im hektischen Londoner Kunstzirkus.