22. April 2013

Martina Weinhart bereiste mehrfach Brasilien in Vorbereitung auf die Ausstellung "Brasiliana", ab Oktober in der SCHIRN. Auf ihren Reisen beobachtete sie ein wachsendes internationales Interesse an der brasilianischen Kunst.

Von Martina Weinhart

Von der Lässigkeit der Tropen ist dieser Tage kaum etwas zu bemerken: In São Paulo brummt die Kunstmesse SP-Arte und in Rio de Janeiro wird ein Großprojekt nach dem anderen abgeschlossen. Nicht nur eröffnete vor kurzem das neu gegründete Museu de Arte do Rio unter der Ägide von Brasiliens Kuratorenlegende, dem Altmeister Paulo Herkenhoff, auch die Casa Daros wird nach langer Planungs- und Bauphase dem Publikum nun endlich zugänglich gemacht. Doch eins nach dem anderen.

Brasiliens boomendem Kunstmarkt widmen sich nicht nur die alteingesessenen Galerien aus São Paulo wie Luisa Strina, Andre Millan, Fortes Vilaça oder hippe lokale Youngster wie Vermelho oder Mendes Wood, auch internationale Powerplayer wie Pace, Zwirner oder Gagosian sichern sich bereits Terrain. Aus Frankfurt ist sogar Anita Beckers vor Ort und die Society drängelt sich im wunderschönen Biennale Pavillon von Oskar Niemeyer, der nun den Schauplatz der Messe abgibt.

Etwas kleiner geht es auch (wobei klein immer relativ ist). Im denkmalwürdigen Copan Gebäude, ebenfalls von Niemeyer erbaut, hat auf Initiative der jungen Fernanda Brenner mit Pivô der erste Off-Space -Künstlerraum von Brasilien eröffnet und verfolgt nun ein ehrgeiziges Programm. Parallel zur Messe zeigen sie den Mexikaner Stefan Brüggemann, der in der SCHIRN nicht ganz unbekannt, vor Jahren in der „Nichts“ Ausstellung vertreten war.

Superkurator Hans Ulrich Obrist ist auch schon in Brasilien angekommen. Mit seinem Ausstellungsprojekt „The Insides Are on the Outside“ bespielt er in São Paulo die SESC Pompeia und die Casa de Vidro – beides visionäre Projekte der italienischen Architektin Lina Bo Bardi, die Mitte der 1940er-Jahre nach Brasilien ausgewandert war. In Europa kaum bekannt, realisierte sie dort wegweisende Bauten nicht nur der lateinamerikanischen Baugeschichte. Insgesamt 64 Künstler aus Brasilien und aller Welt – von Ernesto Neto über Gilbert & George bis Douglas Gordon oder Dan Graham – befassen sich durch Interventionen mit der visionären Architektur, ihrem Innenleben und der Person von Lina Bo Bardi – subtil im durchlässigen Glashaus von 1951, wuchtig in der Fábrica da Pompeia, dem uns als Trutzburg des Betonbrutalismus begegnenden demokratischen Freizeitzentrum.

„Lina, va fare un caffé!“, hört man im Glashaus, dem früheren Heim von Lina, eine männliche Stimme fordernd bestellen und riecht es nicht auch irgendwie nach Kaffee? Cildo Meireles klärt uns später beim Kaffeeplausch in seinem Studio in Rio über den Hintergrund dieser Arbeit auf, die er für dieses Projekt realisierte: Pietro Maria Bardi, Ehemann von Lina und als Direktor des MASP – Museu de Arte de São Paulo mächtiger Kulturfunktionär war als strammer Konservativer wenig einverstanden mit Linas kommunistischer Weltanschauung und soll sie jedes Mal, wenn sich das Gespräch mit Gästen auf politisch vermintes Gebiet zubewegte, zum Kaffee kochen geschickt haben. Diese Arbeit ist die späte Rache für Lina …

Und in Rio? Tropisches Flair vermittelt die Casa Daros, nun Kunsthalle der Schweizerischen Privatsammlung Schmidheiny und eröffnet mit ihren Beständen kolumbianischer Kunst in musealem Ambiente. Mit dem Klischeebild des Banana-Tropicalismo befasst sich Laercio Redondo in der Casa França Brasil im Zentrum von Rio. Seine Installation widmet er dem brasilianisch-portugiesischen Revuestar Carmen Miranda, Blaupause der temperamentvollen Südamerikanerin in opulentem Kostüm inklusive Tutti-Frutti-Hat.

Am Hafen im MAR geht es lebendig zu. Für das neue Museum hat Paulo Herkenhoff nicht nur eine äußerst einfallsreiche Präsentationsform der Exponate entwickelt, besonders ins Auge fallen die sozialen Aspekte, die er ins Museumskonzept einbezieht. Hier steht vor allem auch ein pädagogisches Konzept im Zentrum. Aus den entlegeneren Gebieten der Stadt und den Favelas werden Schüler mit Bussen ins Museum transportiert und erhalten auf dem Rückweg sogar eine Mahlzeit. Von all em erzählt er uns mit Begeisterung.