06. August 2012

„Die Begegnung“ von Gustave Courbet kannte Katharina Dohm zunächst nur aus Katalogen und Seminaren. Die Farbigkeit des Originals hat sie sehr überrascht.

Von KATHARINA DOHM, KURATORIN

Nach drei Jahren Vorbereitung zur Courbet-Ausstellung war der wohl spannendste Augenblick, als die Werke endlich eintrafen und der Aufbau beginnen konnte. Nun musste sich erweisen, wie gut alles zusammenpasst, oder ob in manchen Fällen doch noch fein nachjustiert werden muss.

Einerseits wird bereits viele Monate zuvor die Architektur und Inszenierung der Ausstellung äußerst detailliert geplant. Andererseits muss man immer noch flexibel reagieren können, wenn ein Gemälde beispielsweise mit einem unerwartet auffälligen Rahmen eintrifft.

Gustave Courbet, „Die Begegnung oder Bonjour, Monsieur Courbet“, 1854

Man kann die Gemälde noch so gut kennen, im Zusammenhang einer Ausstellung, in der Verbindung zu anderen Werken, entwickeln sie oft eine ganz andere Wirkung. Zudem bin ich immer wieder sehr erstaunt, wenn ich vor Gemälden wie beispielsweise Courbets „Die Begegnung oder Bonjour, Monsieur Courbet“ stehe und bemerke, wie mich mein Bildgedächtnis getäuscht hat.

Diese Inkunabel der Kunstgeschichte war mir schon so oft als Studentin in Seminaren und in den zahlreichen Katalogen begegnet, dass ich sie zu kennen glaubte. Dann, 2007 bei der großen Courbet-Retrospektive im Grand Palais in Paris, sah ich das Gemälde endlich im Original: So groß? So blass? So hell? So eben „nicht himmelblau“?

WAS NEHMEN WIR ALS "ORIGINAL" WAHR?
Hier begegnete mir wieder einmal ein alt bekanntes Phänomen, die Frage nach dem Original: Was nehmen wir als „Original“ wahr? Ist es die Abbildung im Katalog, das verzerrte Dia im Vorlesungssaal oder das tatsächliche Werk? Nie vergesse ich meine erste Florenzreise zu Studienbeginn und meine herbe Enttäuschung beim Besuch der Uffizien über ein im Original geradezu empörend winziges Renaissancebild: „Herkules und die Hydra“ von Antonio del Pollaiolo.

Antonio del Pollaiuolo, „Herkules und die Hydra“, ca. 1475.

Es waren wohl das Motiv und seine Darstellung in einer schrägen Diaprojektion im Vorlesungssaal, die mich hatten annehmen lassen, dass dieses kleine Holztäfelchen von 17 mal 12 Zentimetern mindestens 1 mal 3 Meter messen müsste. In dem Moment begriff ich, dass ich ein völlig falsches Bild im Kopf hatte.

Ähnlich erging es mir bei Courbets „La Rencontre“, das ich aus zahlreichen Abbildungen her zu kennen meinte. Die Überraschung über dieses Blau des Himmels, dieses verstörende Blassblau, das fast die Hälfte des Bildes einnimmt, resultierte auch aus den überwiegend farblich nachbearbeiteten Katalogabbildungen.

Der Horizont liegt tief, und wenngleich die Protagonisten sich auf einer Landstraße befinden, scheinen Courbet, sein Mäzen Alfred Bruyas und dessen Bote vielmehr in der Landschaft vor der monochromen Himmelsfläche zu schweben. Es war nicht nur eine Provokation, seinen Patron Bruyas vor seiner eigenen Person und der Kunst sich verneigen zu lassen – wie gewagt und auch wieder modern ist diese Komposition, dieser Himmel Courbets!

KUNSTWERKE IM ORIGINAL ZU SEHEN IST UNABDINGBAR

Gustave Courbet, Ausschnitt aus „Die Begegnung oder Bonjour, Monsieur Courbet“, 1854.

Als nun „La Rencontre“ in der SCHIRN ausgepackt wurde, war ich zwar nicht mehr so sehr überrascht, doch bin ich immer noch völlig begeistert von diesem eben nicht himmelblauen Himmel, der so sonnenerfüllt ist, dass man den Eindruck hat, man müsse die Augen zusammenkneifen.

Die Zusammenarbeit mit Professor Herding an diesem umfangreichen Projekt hat nicht nur mein Auge in Hinblick auf Courbet geschult.

Die ewig wiederkehrende Erkenntnis, dass keine Abbildung ein Gemälde, eine Skulptur, selbst eine Fotografie, angemessen wiedergeben kann, lässt uns Kunsthistoriker durch die ganze Welt reisen. Möglichst viele Werke im Original zu sehen ist unabdingbar, und bedeutende Ausstellungen wie die zu Courbet geben einem die Möglichkeit, einen Künstler ausführlich zu studieren und sich seine Werke einzuprägen.