25. Januar 2016

Martine Neddam hat 1996 ihren ersten virtuellen Charakter im Internet als Kunstwerk erschaffen. Das SCHIRN MAGAZIN hat sich mit ihr über die digitale Identität in der heutigen Zeit unterhalten.

Von Schirn Magazin

Auf welche Weise hat sich das Verständnis von Identität (sowohl im rechtlichen wie im persönlichen Sinne) in den letzten 20 Jahren verändert? 

Im rechtlichen Sinne sind wir an unsere legale Identität (die in unserem Ausweis) auf eine völlig unausweichliche Weise gebunden. Die Kontrollgesellschaft hat eine erschreckende Perfektion erreicht: Ausweisnummern, digitale Identitätsprüfung, Fingerabdrücke, DNA usw.: Wir können heute bis auf die kleinste Spur unserer Identität verfolgt werden, bis auf das letzte Atom unseres Körpers. Wer wir sind, wird durch etwas über uns festgelegt. 

Auf persönlicher Ebene verhält es ich genau umgekehrt: Ein Spalt hat sich geöffnet, durch den etwas Licht eindringt. Es gibt einen Raum, einen kleinen Zwischenraum, sogar eine gewisse Verspieltheit, durch die wir neu überlegen können, wer wir sein wollen: Geschlecht, Alter, sexuelle Vorlieben, Körpermerkmale – wir können entscheiden und auswählen wer wir sind oder uns sogar neu erfinden. Es ist verwunderlich, wie schnell sich das Verständnis von Identität in so kurzer Zeit verändert und in zwei gegensätzliche Richtungen entwickelt hat. 

Wann und warum haben Sie begonnen, das Thema Identität künstlerisch zu verarbeiten? 

1996 habe ich im Internet die Person Mouchette erschaffen. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte … Als sehr junges Mädchen träumte ich davon eine Künstlerin zu sein – in einem Familienumfeld, in dem Kunst nicht wirklich existierte. Als Teenager musste ich mir, nachdem ich einige Kunstobjekte geschaffen hatte, einen bizarren Namen geben, einen ausgefallenen Künstlernamen – ich musste mir also selbst einen neuen Namen geben, nahm eine neue Persönlichkeit an, eine Künstlerpersönlichkeit. Ich habe das auch benutzt, um unerkannt zu bleiben: In meiner Familie und in der Schule wusste niemand, was ich bei Ausstellungen zeigte. Ich fühlte mich frei. 

Ist unsere Wahrnehmung von Identität Teil Ihres künstlerischen Materials? 

Ja. Auf jeden Fall. Meine Arbeiten mit Online-Charakteren waren ein unglaubliches künstlerisches Experiment mit Identität. Ich habe gelernt, wie unterschiedlich ein Kunstwerk sein kann, wenn man sich vorstellt, es stamme von einem Mann oder einer Frau: Bei "Mouchette" sollten die Menschen glauben, dass es sich bei dem (anonymen) Autor um einen Mann handelte. Dadurch wurde die Arbeit aufregender, subversiver. 

Für "David Still" mussten seine sexuellen Vorlieben unsichtbar bleiben. Er konnte hetero oder schwul sein und ich schrieb seine vorgefertigten Liebesbotschaften so, dass sie sich an einen Mann oder eine Frau richten konnten. Überraschenderweise stellte sich heraus, dass sie vor allem Schwule ansprachen, da diese gerne unerkannt bleiben und anonyme Schwule erotischer finden. Niemand kam auf die Idee, dass die Website von einer anderen Person als dem auf ihr dargestellten Mann (sicherlich keine Frau) stammen könnte. Dieses anonyme Handeln hatte auch für mich etwas Aufregendes. Ich konnte im Geheimen die Lebensgewohnheiten von Menschen beobachten, indem ich unterschiedliche anonyme E-Mail-Adresse für alle möglichen Zwecke verwendete und hatte viel Spaß dabei. 

Dabei habe ich festgestellt, dass die Identifizierung des Autors (Alter, Geschlecht usw.) unsere Wahrnehmung eines Kunstwerks stark beeinflusst, wenn nicht sogar hauptsächlich. Diese Identifizierung kann jedoch geformt und manipuliert werden und wird so zum Teil des künstlerischen Materials. 

Wie umreißen Sie die Idee von Identität in Ihrer Arbeit? 

Ich habe sehr darauf geachtet, spezifische offensichtliche Informationen auszulassen. Alles was man nicht sagt oder verschweigt zieht, wenn es präzise umrissen ist, Neugier regelrecht magnetisch an. Ich habe die weißen Stellen in der Geschichte bewusst geschaffen, damit sie als Projektionsflächen für die Vorstellungen der Betrachter dienen. Geheimnisse können viel Liebe anziehen. 

Welche Erkenntnis ziehen Sie aus der Arbeit mit einem formbaren Verständnis von Identität? 

Ich habe Räume in mir eröffnet, von deren Existenz ich nichts wusste, unerwartete Kreativität. Dadurch konnte ich unbekannte Ressourcen nutzen, subtile innere Stimmen kanalisieren, bestimmte Gefühle erfahren … Ich versuche hier eine geheimnisvolle innere Erfahrung zu beschreiben, aber es klingt alles wie romantischer Müll! 

Es ist nicht leicht, mich selbst wie mein eigenes (Normalperson-)Selbst reden zu hören. Die Sprache steckt voller Klischees, die dich jedes persönlichen Ausdrucks berauben. Das Künstlerdasein ist so prätentiös und Englisch ist nicht meine Muttersprache… Aber wäre ich ein Kind, würde das, was ich sage, ziemlich clever klingen. Wäre ich jemand anderes, würde ich mich daran freuen, absichtlich geschwollen und ausweichend zu klingen. 

Auf diese Weise kann ein Ausbruch eines inneren Konflikts in ein Selbstgespräch mit deinen Alter Egos münden, in denen deine Psyche zur Bühne wird. Es ist völlig normal, Selbstgespräche zu führen, auch mit mehreren Personen in mir. Und es ist wundervoll, wenn man dieser Erfahrung eine künstlerische Form verleihen kann. 

Der portugiesische Dichter Fernando Pessoa hatte mit seinen verschiedenen Heteronymen eine beinahe übersinnliche, esoterische Erfahrung, in der er verschiedene Dichterleben lebte. Romain Gary/Émile Ajar konnte als neuer Autor wiedergeboren werden, indem er einen völlig neuen, plumpen und doch so gekonnten Stil verwendete. Für keinen der beiden war es eine bewusste Entscheidung: Es geschah in ihnen und sie ergriffen die Möglichkeit, oder gingen das Risiko ein. Ich kann mich sehr gut in diese beiden Autoren hineindenken, nicht nur in ihre Erfahrung einer multiplen Persönlichkeit, sondern auch in das Lebensgefühl, dass sie in ihrer Kunst ausdrücken: Deine Fantasie ist dein wahres Leben. 

In der derzeitigen Ökonomie der Aufmerksamkeit legitimieren Wirtschaft, Marken, Mediennetzwerke und Institutionen kulturelle oder kommerzielle Praktiken durch soziales Kapital – Sehen Sie ihre eigene künstlerische Arbeit als Teil dieser Praxis an? 

Ja, ich bin ein Teil davon. Es ist unausweichlich. Innerhalb der Ökonomie der Aufmerksamkeit bin ich eine glatte Versagerin. Aber man kann einen Versager auch als Anti-Held sehen. Ich erinnere mich an eine Kurzgeschichte Kafkas mit dem Titel „Josefine, die Sängerin“. Josefine, eine einfache Maus im Mäusevolk wird zur Diva – nicht weil sie besser und lauter singen kann, sie quickt wie jede andere Maus, sondern weil ihre Stimme schwächer ist und sie von ihrem Volk Aufmerksamkeit und Bewunderung einfordert. In der Aufmerksamkeitsökonomie gibt es keine Künstler, es gibt nur „Kreativindustrien“.

Lasst uns Verlierer und Versager sein. 

Was halten Sie von der Idee der Identität als quantifizierbares Gut? 

Identität ist ein quantifizierbares Gut, wenn man sie verkaufen oder zu Geld machen kann.

In meiner Fantasie erschaffe ich Online-Charaktere. Ich teile deren Persönlichkeit mit der Welt, damit Menschen sich mit ihnen gleichsetzen, sich mit ihnen identifizieren können und dann werde ich sie verkaufen und reich werden. Das ist natürlich nur eine Fantasie. 

In der Realität haben Madonna, Britney Spears, Lady Gaga usw. genau das bereits getan: Sie verkaufen die von ihnen geschaffene Persönlichkeit. Die Musik, das Konzert, die Show … das zählt eigentlich gar nicht, es ist lediglich die Verpackung der Identität, die sie verkaufen. 

Werden Identitäten durch die Verwendung von sozialen Netzwerken/Technologien Ihrer Meinung nach starrer? 

Nein. Sie werden fließender. Die legale Identität wird im Hinblick auf die Kontrolle immer starrer und verhindert diese Flexibilität. Facebook verbietet falsche Namen oder wechselnde Identitäten, weil wir uns alle diese ganz klar wünschen. Durch dieses Verbot erzeugen sie sogar den Wunsch danach. 

Wie werden Ihrer Ansicht nach Identitäten heute im Internet wahrgenommen? 

Wow, das ist eine große Frage! Sie ist zu allgemein, es gibt Millionen unterschiedlicher Wahrnehmungen. Es ist etwa so wie die Frage: „Wie ist heute das Wetter auf der ganzen Welt? Das Wetter hier bei uns oder an einem anderen Ort? Das Wetter jetzt oder das Wetter morgen? 

Wir leben aber im Klimawandel und das Wetter ist zu einem Problem geworden. Wir sind uns nur noch nicht über die Ursachen einig oder darüber, wie wir das Problem angehen sollen. Ich denke mit der Identität verhält es sich genauso. Wie erleben einen Identitätswandel. Wir wissen nur nicht warum und was wir damit anfangen sollen. 

Haben Menschen Ihrer Meinung nach ein Recht auf Anonymität im Internet? 

Ja, klar. Aber über ein Recht zu sprechen und es zu verteidigen sind zwei unterschiedliche Dinge. Wer wird dieses Recht schützen und verteidigen? Welcher Gerichtshof? Welches Land? Welche Institution? In wessen Namen? In wessen Namen kann Anonymität geschützt werden?

ÜBER MARTINE NEDDAM:

Martine Neddam ist Professorin an der Rietveld Academy of Arts in Amsterdam und unterrichtet Meisterklassen an der UQAM University in Montréal.

Martine Neddam verwendet in ihrer künstlerischen Arbeit die Sprache als Rohmaterial. Sprechakte, Formen der Ansprache und Wörter im öffentlichen Raum bilden ihre bevorzugten Themen. Seit 1996 erschafft sie virtuelle Charaktere im Internet, die ein eigenständiges künstlerisches Leben führen und deren tatsächliche Autorin unsichtbar bleibt.

Mouchette ist Künstlerin und Kunstwerk in Einem. Der mythische Avatar aus den prähistorischen Zeit von net.art ist nach neunzehn Jahren Existenz immer noch am Leben und schafft weiterhin Kunst. Vielleicht ist Mouchette eine unsterbliche, eine digitale Online-Kreatur einer neuen Art? Oder einfach nur der Beweis dafür, dass Kunst im Internet die Fähigkeit besitzt das Veralten von Technik zu überdauern? Ihre Präsenz und ihr Wirken im Internet wachsen weiter.

Mouchette: http://mouchette.org
2001 David Still: http://davidstill.org
2005 XiaoQian: http://turbulence.org/Works/XiaoQian/
http://neddam.org
http://neddam.info