09. Dezember 2017

Seine Krimis über die Weimarer Republik machten Volker Kutscher zum Bestseller-Autor, auf seinen Figuren basiert die neue deutsche Superlativ-Serie "Babylon Berlin". Ein Gespräch über Geschichte, Perspektiven und sein neuestes Buch "Moabit".

Von Julia Schmitz

Lieber Herr Kutscher, Wie würden Sie die 20er-Jahre in einem Satz beschreiben?

Das kann ich nicht. Das Jahrzehnt ist viel zu facettenreich, als dass man es in einem Satz beschreiben könnte. Mir geht es ja gerade darum, diese vielen unterschiedlichen und oftmals sehr gegensätzlichen Seiten auszuleuchten. 

Der erste Roman "Der nasse Fisch" erschien bereits 2007, seitdem sind fünf weitere Romane erschienen. Nun erzählen Sie in "Moabit", das von Kat Menschik illustriert wurde, die Vorgeschichte von Charlotte Ritter. Warum ausgerechnet jetzt oder erst jetzt?

"Moabit" lüftet einen Teil des Geheimnisses um Charlotte. Und solche Geheimnisse sollte man niemals zu früh lüften. Charly redet auch gegenüber Gereon Rath so gut wie nie über ihren Vater, und in Moabit erfahren wir warum, erfahren, dass sie traumatisiert ist vom Tod ihres geliebten Vaters, weil sie sich selbst die Schuld daran gibt. Diese Vergangenheit wird sie im nächsten Rath-Roman "Marlow" wieder einholen, und sie wird erfahren, wer wirklich hinter dem Tod von Christian Ritter steckt. Außerdem: Es gibt noch sehr viele bislang nicht erzählte Vor- und Nebengeschichten zu den Rath-Romanen. Dass ich Charlys Vorgeschichte jetzt aufgeschrieben habe, liegt auch daran, dass Kat Menschik eine Erzählung von mir illustrieren wollte und wir uns schnell auf Charly geeinigt hatten. So ist "Moabit" entstanden; die Zusammenarbeit mit Kat war da sehr inspirierend, weil auch der graphische Aspekt hinzukam. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder so ein schönes Buch machen darf.

Autor Volker Kutscher, Foto Monika Sandel

Die Vergangenheit von Charly wurde in den Romanen stets nur angedeutet. Inwiefern hatten Sie diese bereits entwickelt, bevor Sie mit der Arbeit an "Moabit" bzw. der Arbeit an der Roman-Serie um Gereon Rath begannen?

Ich hatte immer eine grobe fiktive Biographie von Charly angelegt; die Einzelheiten, die jetzt in "Moabit" nachzulesen sind, haben sich aber – wie immer bei mir – erst während des Schreibens entwickelt. Das ist ja gerade das Spannende an meinem Beruf. Und beim Schreiben von "Moabit" hatte ich auch erst die Idee, diese Vorgeschichte als Munition für den nächsten Rath-Roman zu nutzen. Ich versuche immer, meine Kurzgeschichten oder Erzählungen, die alle im Rath-Kosmos angesiedelt sind, in irgendeiner Weise mit den Romanen zu verbinden. So etwas ist für mich sehr reizvoll. 

Mit der ehrgeizigen Charlotte Ritter als Verkörperung der „neuen Frau“, Adolf Winkler als mächtigem Ringverein-Chef und Charlottes Vater als pflichtbewusstem, preußischen Gefängniswärter haben Sie drei Typen geschaffen, die so auch in den Romanen immer wieder auftauchen und das Bild des Lesers über die Zwanziger Jahre prägen. Wie viel historische Fakten und wie viel Phantasie steckt in den einzelnen Charakteren?

Alle drei sind natürlich fiktionale Charaktere und frei erfunden. In allen steckt aber auch ein Typus ihrer Zeit. Wie Sie schon sagen: der standesbewusste Ringvereinschef, der auf Ganovenehre hält, der korrekte und unbestechliche preußische Beamte und schließlich die mutige, emanzipierte Frau, die fest entschlossen ist, die neuen Möglichkeiten, die ihr die Republik bietet, auch zu nutzen. Schon da wird klar: Für keine meiner Figuren ist der Untergang der Weimarer Republik so tragisch wie für Charly.

Volker Kutscher und Kat Menschik, Illustration Kat Menschik

Wie haben Sie begonnen, für ihre Romane über die Weimarer Republik zu recherchieren? Wie viel Recherche steckt überhaupt in einem derart detaillierten Projekt über eine längst vergangene Zeit?

Die Recherche ist mir sehr wichtig, und ich habe schon weit vor dem Beginn des Schreibens am "Nassen Fisch" damit begonnen: Wie sah die Polizeiarbeit damals aus, wie die Unterwelt, wie war überhaupt das Alltagsleben im damaligen Berlin? Das sind alles Dinge, die mich auch privat interessieren, ich habe also gar nicht so zielgerichtet und zweckgebunden recherchiert, sondern alles genommen, was mir zwischen die Finger kam. Das mache ich heute noch so. Ganz gleich ob alte Stadtpläne, Speisekarten, Reiseführer, Fotos, Gemälde, Filme, Briefe, Romane, Geschichtsbücher, Magazine oder Tageszeitungen der damaligen Zeit — ich interessiere mich für alles. Den Rechercheaufwand genau zu beziffern ist schwierig. Jedenfalls fließt nur ein Bruchteil der Recherche später auch in die Romane ein. 

Hat sich durch die Arbeit an den Romanen ihre Sicht auf die Vergangenheit geändert? Gibt es z.B. historische Ereignisse, die sich nach so intensiver Beschäftigung mit der Materie besser verstehen lassen?

Meine Sicht hat sich durchaus geändert. Ich habe einen Blick für die Details bekommen, wieviele Dinge im Alltag untergehen, zum Beispiel. Wie viele Kleinigkeiten, die allzu viele Zeitgenossen nicht ernst genug nahmen, schließlich zu großen Veränderungen führten. Und dass die Menschen damals andere Dinge für wichtig erachteten, im Großen wie im Kleinen, als wir heute im Rückblick. Auf den Titelseiten der Zeitungen zum Beispiel ging es immer wieder um die Reparationenfrage und die entsprechenden Verhandlungen. Die hohe Last der Kriegsreparationen wurde quer durch alle politischen Lager als ungerecht empfunden, nicht nur auf Seiten der Rechten. Die allerdings nutzten das, angereichert mit der Dolchstoßlegende und dem Nichtanerkennen von Deutschlands Kriegsschuld, als Munition gegen die Republik.

Moabit von Volker Kutscher, Illustrationen Kat Menschik

Je weiter die Geschichte um Gereon Rath fortschreitet, desto mehr Raum nimmt der schwelende Nationalsozialismus ein. Aus der sicheren Distanz sagt man heute schnell "Ich hätte niemals Hitler gewählt". Aber war es damals wirklich so einfach?

Das war es natürlich nicht. Und es ging ja nicht nur darum, ob man ihn gewählt hatte oder nicht: Die Nazis waren verdammt noch mal an der Macht, und man musste in seinem Alltag irgendwie darauf reagieren. Da lässt sich aus dem Abstand von 80 Jahren und mit der Gnade der späten Geburt leicht daherreden. Und genau das ist eine wichtige Triebfeder für mich, die Rath-Romane zu schreiben. Nicht nur, um gegen die allgegenwärtige Selbstgerechtigkeit anzuschreiben, sondern auch um für eine gewisse soziale Aufgewecktheit zu werben und gegen politische Gleichgültigkeit anzuschreiben: Erst aus unserer Perspektive können wir sagen, was die Zeitgenossen von Gereon Rath alles falsch gemacht haben, die Leute hatten dieses Wissen um ihre Zukunft nicht. Und genauso wenig wissen wir, was unsere Zukunft bringt. Prognosen liegen doch meistens daneben. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wie unsere Welt in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, ich merke nur, dass gerade im Moment unsere Demokratie in Gefahr ist, dass sie ein fragiles Gebilde ist, das geschützt werden muss. Und das nicht nur vor Rechtspopulisten, sondern ebenso vor Islamisten und allen anderen, die unsere Lebensweise nicht gutheißen und all die Errungenschaften, die unsere westliche Zivilisation seit den Tagen der Aufklärung mühsam erlangt hat, wieder abschaffen wollen. Ebenso aber auch vor viel zu mächtigen Banken und Konzernen, die alles Mögliche sind, aber bestimmt nicht demokratisch legitimiert. Und wahrscheinlich gibt es noch viele andere Dinge, die unsere Zukunft und die unserer Kinder bedrohen, von denen wir jetzt noch gar nichts ahnen, die aber bereits irgendwo lauern mögen. Es gilt wachsam zu bleiben, wachsamer als es unsere Vorfahren vor achtzig Jahren waren. 

Seit kurzem ist die Serie "Babylon Berlin", die auf dem ersten Roman "Der nasse Fisch" beruht, im Fernsehen zu sehen. Inhaltlich gibt es einige Unterschiede zwischen der literarischen Vorlage und der Serie: die Vorgeschichte von Gereon Rath aus seinen Zeiten als Ermittler in Köln wird z.B. in der Serie gar nicht erwähnt. Sie selbst haben nicht am Drehbuch mitgewirkt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Ich bin sehr zufrieden. Sie haben Recht, es gibt eine ganze Menge Unterschiede, und das ist auch gut so, dennoch ist es meine Geschichte, die da erzählt wird, und es sind meine Figuren, anhand derer der Alltag der späten Zwanziger in den verschiedensten Milieus erzählt wird. Und vor allem ist es dieselbe Sichtweise: die aus der Perspektive der Zeitgenossen.

Bücher, Filme und Ausstellungen über die Weimarer Republik sind aktuell sehr angesagt. Aber welche Bedeutung haben die Zwanziger Jahre für uns heute überhaupt noch?

Ich glaube, es ist unter anderem die Eleganz dieser Zeit, die uns heute noch fasziniert. Etwas davon findet man ja auch in den wunderschönen Illustrationen, die Kat Menschik zu "Moabit" gemacht hat. In jenen Jahren herrschte eine Aufbruchstimmung, in der vieles möglich war, in vielen Bereichen wurde experimentiert und ausprobiert, in der Kunst, in der Literatur, in der Wissenschaft, in der Gesellschaft. Und all dies wurde dann 1933 brutal abgewürgt. Noch bevor die Nazis Millionen von Menschen ermordeten, hatten sie die Kultur in Deutschland auf dem Gewissen. Für viele Menschen haben die Zwanziger auch eine nostalgische Bedeutung, glaube ich. Es war eben die Zeit vor dem großen Sündenfall der deutschen Geschichte. Sie zeigen uns, was im Deutschland der Dreißiger und Vierziger möglich gewesen wäre ohne die Zäsur und den Zivilisationsbruch von 1933. 

Zwischen dem ersten Roman "Der nasse Fisch", der 1929 spielt und "Lunapark" im Jahr 1934 liegen fünf Jahre und sechs Romane. Wie lange werden Ihre Leser Gereon Rath noch durch Berlin begleiten dürfen?

Das ist ziemlich genau festgelegt, auch wenn ich noch nicht genau weiß, welche Geschichten ich jeweils erzählen werde: Es wird noch drei Romane geben, und der letzte wird im Jahre 1938 spielen.

Herr Kutscher, vielen Dank für das Gespräch!

Babylon Berlin, Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter, Foto © Frédéric Batier, X Filme
Babylon Berlin, Volker Bruch als Gereon Rath in Babylon Berlin, © Frédéric Batier, X Filme