04. April 2017

Das SCHIRN MAG hat die Frankfurter Künstlerin Sonja Yakovleva in ihrem Atelier besucht und mit ihr über Promi-Bilder, tiefe Ausschnitte und Irritationen gesprochen.

Von Eugen El

Sonja Yakovlevas Atelier befindet sich auf dem Naxos-Gelände im Frankfurter Ostend. Der kompakte Raum beherbergt Yakovlevas jüngste malerische Arbeiten, die auf Facebook schon für viel Aufsehen gesorgt haben. Man stößt überdies auf viele Materialien und ein gut sortiertes Bücherregal, in dem sich neben Theoriebänden auch einige russische Titel finden. Die 1989 in Potsdam geborene Künstlerin hat zehn Jahre in St. Petersburg gelebt. Ihr Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung schloss sie vor wenigen Jahren ab. Gemeinsam mit Maria Anisimowa wird Sonja Yakovleva für die nächste Ausgabe der Party SCHIRN AT NIGHT einen Raum gestalten.

SCHIRN MAG: Lass uns zuerst über deine jüngste Malereiserie sprechen, bei der du Prominente aus Kunst und Showbiz in zuweilen unvorteilhaften Situationen zeigst. Wann hast du damit begonnen? 

Sonja Yakovleva: Ich habe sehr lange nur in Schwarzweiß gearbeitet, unter anderem mit Scherenschnitt. Im Sommer 2016 gab es dann einen Auslöser für die Malerei. Ich war im Urlaub, saß am Meer. Dort macht man Fotos von allem und Selfies. Man besitzt dann Tausende solcher Fotos, die man sich nicht anschaut. Da dachte ich, vielleicht ist es an der Zeit, etwas zu zeichnen oder abzumalen, anstatt es zu fotografieren, um dem Abbild mehr Bedeutung zu geben. Ich habe angefangen, Freiluftmalerei-mäßig am Meer zu zeichnen. Ich male aber auch Bilder, die schon existieren, beispielsweise das Nicki-Minaj-Bild. Es ist seltsam, wie sie sich in dem Video „Do You Mind“ inszeniert. Minaj sitzt in einer Szene auf einem Sessel, bewegt ihr Hinterteil dazu und macht mit ihrem Gesicht komische Gesten. Vielleicht finden Männer das sexy, ich finde es albern. Ich dachte, es wäre witzig, das zu malen und zu überspitzen. Ich habe den Hintern etwas größer gemalt. Das Beyoncé-Bild war auch in den Medien. Es wurde getitelt: „Blutiger Zwischenfall beim Konzert“. Sie hatte sich mit ihrem Riesenzopf in ihrem Ohrring verheddert. Es hat stark geblutet, Beyoncé hat trotzdem weiter gesungen.

Die Künstlerin Sonja Yakovleva in ihrem Frankfurter Atelier, Foto: Eugen El, 2017

SM: Funktionieren die Bilder für sich? Auf Facebook stellst du kurze, absurd-witzige Texte dazu. 

SY: In meinen neueren Bildern binde ich die Texte in die Bilder als Sprechblasen ein. Das „Lady in Red“-Bild über die Zerstörung eines Bildes von Gerhard Richter ist das erste. Das habe ich am 8. März 2017 zum Tag der Frau gemacht. Die Arbeiten dieser Serie sind in sehr kurzer Zeit entstanden. Gerade arbeite ich an einem Angela Merkel-Bild. Es gibt derzeit eine Debatte um die Schauspielerin Emma Watson, die in den Harry Potter-Filmen die Zauberin Hermine gespielt hat und sich mittlerweile als Feministin bezeichnet und für Frauenrechte einsetzt. Man hat es ihr jüngst übel genommen, dass man in einer Modekampagne einen Teil ihres Busens sehen kann. Da musste ich an Angela Merkel und ihren Opernbesuch in Oslo 2008 denken: Dort ist sie in einem schönen Kleid aufgetaucht, bei dem man ihren Ausschnitt sehen konnte. Die Leute waren irritiert, dass Merkel so mächtig ist und Brüste hat. Ich dachte mir: Klar kann man Titten haben, mächtig sein und arbeiten gehen! Man muss die Brüste verteidigen, man muss dazu stehen.

Sonja Yakovleva, Lady in Red, Copyright the artist

SM: Du bist in einer Band – „Die Römischen Votzen“. Euer Video „Frigido“ wurde zeitweise auf YouTube gesperrt. Seit wann gibt es die Band? 

SY: „Die Römischen Votzen“ gibt es seit 2013. Wir sind drei Frauen und haben uns während der Venedig-Biennale vor vier Jahren gegründet. Wir wurden gefragt, in Frankfurt in einem Club eine Performance zu machen und hatten keine Lust, das zu machen, was man sonst im Ausstellungskontext so erwartet. Wir haben überlegt zu rappen und in Venedig spontan Texte entwickelten, zum Beispiel einen Song über Casanova, denn wir wohnten an einem Ort, wo Casanova früher lebte. Wie in einem Rausch liefen wir durch die Straßen Venedigs und dachten uns Reime und Texte aus. Vom „Frigido“-Video gibt es mittlerweile eine unzensierte und zensierte Version. Die unzensierte Version hat lange existiert, bis wir ein Interview mit dem Monopol Magazin gemacht haben und dann jemand das Video gemeldet hat. Vielleicht ist es zu hart, öffentlich weibliche Geschlechtsteile zu sehen, ohne dass es ein Porno ist.

Sonja Yakovleva, Pregnancy App, Copyright the artist

SM: Wie fügt sich die Band in deine künstlerische Arbeit ein? 

SY: Es ist das Leben und was man daraus macht. Man lebt nur einmal. Ich habe das Talent, mich etwas zu trauen. Humor und Spaß sind wichtig. Ich finde es witzig, jetzt mit der Malerei anzukommen. Meine künstlerische Motivation ist schon immer handwerklich geprägt. Scherenschnitt und Tiffany-Glasbilder sind beispielsweise Techniken, die nicht als cool und contemporary gelten, man sieht sie eher als Hobby. Ich fand es interessant, diese Techniken zu benutzen und so weit auszureizen, dass sie eben nicht mehr peinlich oder unseriös sind. 

SM: Was planst du gemeinsam mit Maria Anisimowa für SCHIRN AT NIGHT am  22. April? 

SY: Dort gestalten wir das sogenannte Kabinett, ein Raum in der SCHIRN. Wir arbeiten viel mit Stoff und Textilien. In ihren künstlerischen Arbeiten hat Maria eine surreale Komponente, die mir gut gefällt. Wir machen ein großes Objekt aus Stoff, das sich um den ganzen Raum zieht. Wir gehen aber auch auf den Raum und die Architektur ein. So machen wir etwa Überzüge mit Applikationen für die Stellwände im Raum und formen daraus ein rundes und begehbares Objekt. 

SM: Danke für das Gespräch!

Sonja Yakovleva, Beyoncé singt trotz blutigem Zwischenfall, Copyright the artist