21. Dezember 2017

Wie die erste Schneekugel der Welt entstanden ist und warum auch Erwachsene eine Schneekugel so schnell nicht aus der Hand legen: Ein Anruf bei Erwin Perzy III., dem Enkel des gleichnamigen Gründers der Wiener Schneekugelmanufaktur.

Von Katharina Cichosch

Herr Perzy, die Weihnachtszeit steht kurz bevor. Wie sieht es gerade aus in der Schneekugelmanufaktur?

Hier schneit’s momentan wie verrückt! Bei uns herrscht Hochbetrieb. Aktuell arbeiten wir auch an den Wochenenden. Viele Sonderanfertigungen wurden erst sehr spät bestellt – da kommt dann sehr kurzfristig alles auf einmal.

Wir, das heißt …?

Wir haben insgesamt 15 Mitarbeiter vor Ort, und noch einmal 40 weitere, die von zu Hause aus arbeiten; sie bemalen zum Beispiel die Figuren. Alle wohnen in Wien und im Wiener Umland. Vom ersten Entwurf bis zum fertigen Produkt machen wir alles selbst. Nur die Glaskugeln, Holzsockel und Verpackungen kaufen wir von bekannten Betrieben zu, aus Österreich und dem Bayrischen Wald.

Erzählen Sie uns die Geschichte, wie Ihr Großvater einst die Schneekugel erfunden hat?

Mein Großvater war Handwerker – Chirurgeninstrumenten-Mechaniker, um genau zu sein. Und er wollte die Glühbirne von Edison verbessern. Deshalb gibt’s die Schneekugel! [lacht] Tatsächlich war er auf der Suche nach einem sterilen Licht für den OP-Saal. Das war 1900, damals waren Operationssäle noch mit Gaslicht beleuchtet: das gab sehr helles, weißes Licht, aber es erzeugte auch Abgase, war also nicht steril. Mein Großvater erkannte, dass Edison eigentlich die perfekte Lampe für den OP-Saal erfunden hat. Das Problem war nur: Die strahlte rötliches Licht aus und war im Vergleich sehr dunkel. Sein Freund war Schuster, bei ihm entdeckte er die sogenannte Schusterkugel: Das war eine wassergefüllte Glaskugel, die vor einer Kerze montiert wie eine Linse wirkte und den Kerzenschein verstärkte. Zumindest für die Größe einer Handfläche hatte man so Licht, das heller schien als die Kerze selbst. Er überlegte also, statt der Kerze nun eine Glühbirne dahinter zu stellen. Das funktionierte – allerdings konnte man mit dem handflächengroßen Schein auch keinen ganzen OP-Raum beleuchten. Also probierte er weitere Dinge aus: Zuerst mit Glasspänen, die er ins Wasser gab, um mehr Streuung zu bekommen. Die sind dann aber sofort zu Boden gesunken. Auf der Suche nach einem leichteren Material, das im Wasser schwimmt, kam er dann zum Gries, das er in der Küche seiner Mutter gefunden hatte. Da hat es langsam angefangen zu schweben …

Ich sehe, worauf das hinausläuft … aber wie kommt man von schwebendem Gries auf die Idee, eine Schneekugel zu entwickeln, von der man noch gar keine Vorstellung haben konnte?

Der schwebende Gries war die Basis-Idee, die Kette der Zufälle ist noch nicht zu Ende. So hatte mein Großvater auch einen Zinn-Schmelzkessel. Und einen Freund in Mariazell, einem Wallfahrtsort hier in Österreich. Der verkaufte dort die üblichen Souvenirs, Rosenkränze und Kerzen und so fort, wollte sich aber von der Konkurrenz abheben. Also fragte er: Erwin, kannst du nicht statt der üblichen Zinnsoldaten mal eine Form der Mariazeller Kirchen gießen? Das tat mein Großvater. Und irgendwie packte er eben diese Kirche in die Glaskugel, drehte um, und es schneite auf die Kirche hinab. Ich glaube nicht, dass er sich das vorher überlegt hatte. Es war eine totale Zufallserfindung, eine Kombination dieser beiden Entdeckungen.

Auch, wenn man in Ihren Schneekugeln heute mehr Weihnachtsbäume und Schneemänner als Kirchen findet, haben Sie Ihr Grundprodukt seit über einem Jahrhundert kaum verändert. Bei Ihnen gibt es keine Musik- oder Lichteffekte, keinen Schnickschnack. Was macht die Schneekugel, diese eigentlich so simple Mini-Welt, bis heute faszinierend?

Das Produkt als solches hat sich nicht geändert, nur die Produktion selbst. Mein Großvater fertigte noch alles aus Metall, inzwischen nutzen wir Kunststoff. Und er hat nur Kirchen gemacht, alles, was mit Religion zu tun hatte – Christusfiguren, Kreuze für die Wallfahrtsorte. Mein Vater kam dann auf die Idee, einen Weihnachtsartikel draus zu machen und die bekannten Figuren reinzusetzen. Der Schneemann ist bis heute der beliebteste, er ziert ja auch unser Firmenlogo. Und er ist in allen Kulturkreisen erfolgreich: Den verkaufen wir nach Saudi-Arabien genauso wie nach Amerika, Europa oder Australien.

Ein Grund, wieso wir unsere Schneekugeln wie damals herstellen, ist ein praktischer: Wir möchten keine elektronischen Spielereien zukaufen, die Qualität ist oft wechselhaft, und wir könnten unsere Schneekugeln dann auch nicht mehr als österreichisches Produkt verkaufen. Der zweite Grund aber ist: Dieser Artikel lebt ja vom Schnee und vom Motiv darin. Eigentlich ist die Schneekugel ein Spielzeug für Erwachsene, mehr braucht man nicht. Ich sehe das immer wieder auf den Messen: Wenn meine Kunden eine Schneekugel in die Hand nehmen und etwas passiert, dass sie nicht mehr so schnell loslassen. Schneekugel ist Heile Welt.

Und damit es schön schneit, nutzen Sie vermutlich längst keinen Gries mehr.

Jetzt kommt ja bald wieder ordentlich Schnee, da sammel‘ ich dann für die kommenden Zeiten. [lacht] Aber nein, die Schneerezeptur ist mein Geheimnis, die verrate ich niemandem. Mein Vater hat sie mir erst nach bestandener Meisterprüfung verraten, und genauso wird es nun meine Tochter, also die vierte Generation, erst dann erfahren.

Neben den traditionellen Motiven stellen Sie, wie oben ja schon angedeutet, Einzelanfertigungen her. Bekommen Sie da auch einmal extravagante Anfragen?

Diese eine Geschichte hat mir sehr gut gefallen: Eine Dame kam zu mir mit zwei Eheringen. Die wollte sie in eine Kugel einbauen lassen und die dann ihrem Mann nachschmeißen – beide ließen sich scheiden. Ich konnte sie zu etwas anderem überzeugen: In die Kugel habe ich noch zwei Freundinnen und die Freiheitsstatue gesetzt, einen roten Sockel passend zur Farbe der Liebe gewählt und noch ein Schild dazu gepackt: „Schnee von gestern“. Das hat beiden gut gefallen, der Frau und ihrem Mann, sie haben herzlich gelacht. Scheiden lassen haben sie sich dann aber trotzdem.

Sie beliefern auch prominentere Kunden gern mit Einzelanfertigungen …

Ja, drei amerikanische Präsidenten haben eine Schneekugel von uns: Ronald Reagan, Clinton und Obama.

Donald Trump hat bisher noch kein Interesse angemeldet?

Naja, bisher noch nicht … sagen wir so: er ist nicht unbedingt ein beliebter Präsident. Aber ich würde natürlich eine Schneekugel für ihn anfertigen.

Wenn die Weihnachtszeit dann vorüber ist: Haben Sie irgendwann auch einmal Pause, oder ist immer Schneekugel-Saison?

Traditionell ist es von Januar bis März natürlich ruhiger, die Zeiten, die ich dann meist im Flugzeug verbringe: Auf Messen in New York, Tokyo. Aber vorher fliegen meine Frau und ich jetzt noch nach Hongkong, dort wird gerade ein Weihnachtsmarkt eröffnet, auf dem einige Raritäten aus unserem Museum präsentiert werden.

Erwin Perzy III. führt die Wiener Schneekugelmanufaktur in dritter Generation. Heute werden die Artikel in alle Welt verkauft – im hauseigenen Museum kann man auch jenseits der Weihnachtszeit vorbeischauen. Inzwischen gibt es Berichte über ähnliche Schneekugel-Sichtungen um die Jahrhundertwende – eventuell gab es mehrere Ansätze parallel. Allerdings sind die Perzys die einzigen, deren Erfindung sich bis heute rückverfolgen lässt.

Erwin Perzy III., Image embedded via austria-forum.org