04. August 2017

Max Hollein im Interview über den Summer of Love in San Francisco, die Gegenkultur der Westküste und ihre Auswirkungen auf das Silicon Valley.

Von Pamela Rohde

Hallo Herr Hollein, wie geht’s und wo sind Sie gerade?

Ich bin in San Francisco, wo ich seit über einem Jahr die beiden Fine Arts Museums der Stadt leite. Wie schon in Frankfurt gelernt, pendele ich von einem Museum ins andere. Allerdings leider nicht mehr mit dem Fahrrad, sondern, dem steilen Auf und Ab der Straßen von San Francisco geschuldet, nun doch mit dem Auto. Obwohl gerade hier auf gute Kondition und sportliche Freizeitbetätigung besonders Wert gelegt wird. Nicht umsonst ist die Stadt ja nicht nur vom Meer, sondern von verschiedenen Naturparks umgeben – Wellenreiten, Mountainbiken, Paragliden ist zum Beispiel möglich. Ich halte mich aber noch an das als Österreicher gut angelernte Wandern.

Gerade in der aktuellen, politisch sehr aufgeheizten Zeit in den USA kommt dem Spirit des Summer of Love eine besondere neue Rolle zu.

Max Hollein, Direktor der Fine Arts Museums of San Francisco

San Francisco feiert gerade 50 Jahre Summer of Love und das de Young-Museum ist mit einer großen Ausstellung dabei. Was gibt es zu sehen?

Das de Young-Museum liegt mitten im Golden Gate Park und gleich neben dem Haight Ashbury Bezirk, also direkt im Epizentrum der damaligen Hippie-Bewegung. Hippie Hill sowie der Ort, wo das "Human Be In" damals stattgefunden hat – unter Mitwirkung von Timothy Leary und Allen Ginsberg und 40.000 „Blumenkindern“ – ist quasi unser Vorgarten. Als ich hier in San Francisco ankam, war mir sofort klar, dass wir hier zum 50sten-Jubiläum die grundlegende Ausstellung zur  visuellen Kultur jener Zeit machen müssen. Gut war natürlich, dass ich damals 2005 noch als Direktor der SCHIRN schon einmal in eine Ausstellung zum Summer of Love involviert war und ich also gute Vorstellungen davon hatte, wie ein solches Projekt aussehen kann. Daraus wurde nun, in kurzer Vorbereitungszeit, eine allumfassende, spektakuläre Ausstellung. Geholfen hat dabei, dass rund die Hälfte der 400 Werke der Ausstellung aus unserer eigenen Sammlung kommt. Das ist das besondere an den Fine Arts Museums hier, die Sammlungen haben eine enorme Bandbreite.

Summer of Love, Ausstellungsansicht, de Young Museum/Fine Arts Museums of San Francisco, 2017

In den 1960er-Jahren vollzog sich in den U.S.A. eine Kulturrevolution. In der Musik, in der Kunst, der Mode und der Politik war das eine Zeit des Aufbruchs. Was erzählt die Ausstellung darüber?

Die Ausstellung zeigt  den Aufbruch und seine künstlerischen Protagonisten. Gerade in San Francisco waren es die Künstler, insbesondere auch die Musiker, Schauspieler, Performance Aktivisten und Grafiker, die die Zeit definiert und geprägt haben. Summer of Love zeigt die Kulturrevolution in der Stadt in all ihren Facetten und Auswirkungen und auch, was davon blieb. Die gesamte Free Culture, später die Basis der neuen digital communities, die disruptive Energie, die heute das Silicon Valley antreibt, die "Back to Nature"-Ideologie, die nun in eine kommerzialisierte "Whole Foods"-Bewegung umgewandelt ist, Fixpunkte wie das "Burning Man"-Festival als Nachfolge des "Human Be Ins" der damaligen Zeit, der Summer of Love von 1967 hat hier überall tiefe Spuren hinterlassen. Vielleicht auch gerade in der aktuellen, politisch sehr aufgeheizten Zeit in den USA kommt dem Spirit des Summer of Love und seiner positiven Antiestablishment-Ideologie eine besondere neue Rolle zu. Die Ausstellung ist jedenfalls ein riesiger Besuchererfolg.

Birgitta Bjerke (100% Birgitta), Wedding dress, 1972. Collection of Barbara Kayfetz, Image Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Die in San Francisco etablierte Beatnik- und Hippie-Bewegung fand ihr Zentrum in dem Viertel Haight-Ashbury. Wie können wir uns die Atmosphäre dort damals vorstellen? Alles Peace, Love und Happiness?

Die Situation war sicher eher die von sehr raschem Chaos und Überforderung. Nach dem erfolgreichen "Human Be In" im Golden Gate Park und den Nachrichten, die durch das ganze Land gingen, kamen in kürzester Zeit über 100.000 Jugendliche aus allen Ecken der USA in das Viertel. Peace, Love and Happiness war die Grundstimmung, aber da mischten sich sehr bald andere Realitäten herein. In gewissem Sinne war der Summer of Love dann auch bald vorbei, lebte aber in ganz anderer Weise weiter.

Ruth-Marion Baruch, "Hare Krishna Dance in Golden Gate Park, Haight Ashbury," 1967. Lumière Gallery, Atlanta, and Robert A. Yellowlees. Courtesy Special Collections, University Library, University of California Santa Cruz

“One pill makes you larger. And one pill makes you small.” singt Grace Slick von Jefferson Airplane 1967 in “White Rabbit”. Das Hinterfragen strenger Erziehung und Ausbrechen aus tradierten Moralvorstellungen wurde auch in der Musik thematisiert. Was macht die Musik dieser Bewegung aus?

Die Musik der Zeit und auch die Bands, allen voran Grateful Dead, Jefferson Airplane, Janis Joplin und andere waren die treibende Kraft und der Auslöser für ein neues Bewusstsein und ein Ausbrechen aus einem Leben, das für viele nichts mehr mit der Realität und den neuen Werten und Zielen zu tun hatte. Es war sicher auch ganz bewusst das gemeinsame Erleben eines Daseinszustands während eines Konzerts, das Gefühl zu haben, Teil einer anderen „Familie“ zu sein, eine neue Wahrnehmung des Umfelds zu entwickeln, natürlich auch gefördert durch LSD. Wichtige Proponenten waren auch der Autor Ken Kesey mit seinen Free Acid Tests und seiner Gruppe der Merry Pranksters oder der Schauspieler Peter Coyote und seine Gruppe der Diggers. Peter Coyote hat übrigens auch die Audiotour für die Ausstellung gesprochen und viele der Musiker sind Leihgeber. Joan Baez hat ihr eigenes Plakat direkt aus dem Wohnzimmer abgehängt, um es zur Ausstellung zu bringen.

Stanley Mouse and Alton Kelley, "'Skeleton and Roses,'" Grateful Dead, Oxford Circle, September 16 & 17, Avalon Ballroom," 1966. Fine Arts Museums of San Francisco, Museum purchase, Achenbach Foundation for Graphic Arts Endowment Fund

Auch 50 Jahre nach dem Summer of Love ist er noch immer mythenumwoben und ein Medienphänomen. Was ist heute in der Stadt San Francisco davon noch spürbar und sichtbar?

San Francisco wäre ohne dieses Element der Gegenkultur, das natürlich schon die Beatniks eingebracht haben, nicht denkbar. Man spürt das an allen Ecken und Enden, obwohl es natürlich auch das ganz andere San Francisco gibt. Gerade das macht den Reiz aus. Auch unter den Förderern unseres Museums gibt es solche, die zu der Zeit keinen Fuß in das Haight Asbury setzten und von der Sache wenig mitbekamen und andere, die heute turbokapitalistische Investoren sind und damals mit einem Riesenafro mitgefeiert haben.

Summer of Love, Ausstellungsansicht, de Young Museum/Fine Arts Museums of San Francisco, 2017

Sie haben in den letzten Monaten zahlreiche Projekte angestoßen, u. a. Ausstellungen zu Stuart Davis, Leonardo Dew oder die Präsentation von Werken des Schweizers Urs Fischer in der ständigen Sammlung der Legion of Honor. Was kommt als nächstes?

Sehr viel, was wir hier machen, baut sicher auch auf Erfahrungen und Aktivitäten auf, die ich schon in Frankfurt gemacht habe. Die Jeff Koons-Ausstellung 2012 im Liebieghaus war sicher in gewissem Sinne ein Vorläufer für die Interventionen von Urs Fischer oder aktuell Sarah Lucas in den Rodin-Galerien des Legion of Honor. Die Begeisterung – als auch die Aufregung – ist ähnlich. Im Herbst zeigen wir dann eine große Ausstellung zu Gustav Klimt und Auguste Rodin, das liegt mir natürlich besonders am Herzen. Wir konnten das in kürzester Zeit realisieren. Es ist die erste große Klimt-Ausstellung an der Westküste überhaupt, die "Nackte Wahrheit" wird übrigens auch zu sehen sein. Und ich freue mich natürlich auf die „Bunten Götter“, die wir ebenfalls im Herbst in der Legion of Honor zeigen, in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Liebieghaus. Das de Young Museum zeigt die neuesten Ausgrabungen aus Teotihuacan, der identitätsstiftenden gigantischen Pyramidenanlage bei Mexico City, gerade das auch jetzt ein wichtiges Zeichen der Zusammenarbeit zwischen einer amerikanischen Institution und unseren mexikanischen Kollegen. Ebenso haben wir gerade einen grundlegenden Ankauf von über 60 Werken afroamerikanischer Kunst aus dem Deep South gemacht – die Präsentation der Werke als neuer integraler Teil unserer Erzählung der US-amerikanischen Kunst der letzten beiden Jahrzehnte war ein weit über San Francisco wahrgenommener Durchbruch. Insgesamt machen wir hier über 30 Ausstellungen im Jahr. Es gibt also immer viel zu sehen – und ich freue mich über jeden Besuch aus Frankfurt!

Joe Gomez, "'Optical Occlusion,' Big Brother and the Holding Company, Mt. Rushmore, November 23–25, Avalon Ballroom," 1967. Fine Arts Museums of San Francisco, Museum purchase, Achenbach Foundation for Graphic Arts Endowment Fund

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