28. November 2017

Der Frankfurter Chansonnier Jo van Nelsen kommt mit Musik und Texten der Weimarer Republik in die SCHIRN. Ein Interview auf dem SCHIRN MAG

Von Sylvia Meilin Weber

1989, Jo van Nelsen war 20 und machte gerade sein Abitur in Bad Homburg, als ihn der DJ und Produzent Thorsten Fenslau fragte, ob er Paul Zechs Gedicht „Der Erdbeermund“ als Dance-Song  für die Band Culture Beat rezitieren könnte. Klaus Kinski, dessen berühmte Aufnahme Fenslau eigentlich dafür benutzen wollte, hatte sich auf eine Anfrage einfach nicht gemeldet. Van Nelsen sagte ja und landete auf Platz 11 der Charts. 

Der Bühne ist er bis heute treu geblieben und gilt als echtes Multitalent – da sind sich alle einig. Er arbeitet als Regisseur und Schauspieler und seit ein paar Jahren nebenbei auch noch als Systemischer Coach. Im Videospiel „Final Fantasy“ spricht er den Bösewicht Ardyn, in „World of Warcraft“ verschiedene Charaktere. Besondere Bekanntheit hat er aber als Chansonnier und Musikkabarettist erlangt. In vielen seiner Programme singt er Schlager und Chansons der Weimarer Republik und liest dazu Texte von Kurt Tucholsky, Siegfried Kracauer, Erich Kästner und anderen. 23 Soloprogramme und mehr als 26 CDs hat er bereits herausgebracht. 

Die SCHIRN veranstaltet am 30. November im Rahmen der Ausstellung Glanz und Elend in der Weimarer Republik einen Abend mit Jo van Nelsen. Wir haben ihn vorher im Café Maingold getroffen. Ein Gespräch über die Gefahr platter Comedy, den Zauber alter UFA-Filme, gute Musik und die Parallelen der 20er-Jahre mit der Gegenwart.

Ihr Berufswunsch als Kind war Clown. Wie nah sind Sie diesem Ziel gekommen?

Jo van Nelsen: Sehr nah. Ein Clown ist für mich einfach ein guter Unterhalter. Er besitzt aber auch eine große Tiefe und einen Hang zur Melancholie. Nur so kann er Gegensätze herausarbeiten – also, das Tragische der Welt begreifen und wissen, wie man davon ablenken kann. Das halte ich für eine wichtige Funktion eines Entertainers, als den ich mich begreife. Egal, ob ich auf der Bühne stehe, als Regisseur arbeite oder schreibe, es geht mir immer um Unterhaltung, aber auch immer um eine Herzensbildung. Ich habe ein großes Problem mit der aktuellen Comedyszene, die nur draufhaut. Das ist einfach ein Aufzeigen von Missständen. Meiner Ansicht nach wird wenig daran gearbeitet, zu schauen, wie man die Menschen stärken kann, mit diesen Missständen umzugehen.

War das in der Weimarer Republik anders?

J. v. N.: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite bewundere ich zum Beispiel Kurt Tucholsky sehr, weil er sehr wach war. Der hat nichts durchgehen lassen. Es gab eine Eingabe im Parlament. Zack, gab’s schon einen Kommentar von Tucholsky. Und er war nicht der einzige. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, Tucholsky und seine Kollegen haben auch einen Gutteil der Weimarer Republik und diesen ersten deutschen Demokratieversuch ins Grab geschrieben. Irgendwann muss man mal kapieren – und an diesem Punkt sind wir jetzt auch wieder – dass Demokratie auch Zuhören bedeutet. Wenn ich immer nur schreie und draufhaue, endet es in einem Tohuwabohu und dann haben natürlich diejenigen, die mit schnellen, radikalen Antworten kommen, einen unheimlichen Zulauf, weil die Menschen sagen: Endlich ist das Chaos vorbei, hier sagt mal einer wo’s langgeht. Die Parallelen der 20er-Jahre zu heute sind erschreckend.

Jo van Nelsen, Foto: Angela Kropp

Können Sie als Chansonnier und Kabarettist etwas dagegen tun?

J. v. N.: Das, was im Moment an Comedy gemacht wird, funktioniert auf demselben Niveau auf dem auch Populisten arbeiten: schnelle, auch sehr verletzende Ein-Satz-Parolen. Das gewöhnt ein Publikum daran, nichts mehr zu hinterfragen und keinen zweiten Satz mehr zu erwarten. Comedians müssen sich fragen, ob sie so nicht auch radikalen Parteien zuarbeiten. Wir alle, die auf der Bühne stehen, übernehmen eine Verantwortung. Das Metier muss nicht immer schöngeistig und hochliterarisch sein, aber ich erwarte, dass man am Abend Rechenschaft ablegt über das, was man getan hat.

In Ihren Chanson- und Kabarettprogrammen präsentieren Sie vor allem Schlager und Texte aus den 20er-Jahren. Was fasziniert sie so an der Zeit der Weimarer Republik, dass Sie immer wieder darauf zurückkommen?

J. v. N.: Die Faszination ist sehr stark mit meinem Großvater mütterlicherseits verbunden. Seine Familie stammte aus der Nähe der polnischen Grenze, nicht weit von Berlin. Mein Großvater war der junge Erbe einer Seifenfabrik, hatte einen kleinen, schnittigen Sportwagen, mit dem er häufig nach Berlin fuhr, um sich die Revuen anzusehen. Davon erzählte er viel und ich fand das spannend. Mit elf Jahren habe ich mir mein erstes Grammophon gewünscht. Und ich habe als Kind die alten UFA-Filme gesehen. Sonntagnachmittag bekam man mich zwischen 12 und 17 Uhr nicht vom Fernseher weg, weil ich einen alten Film nach dem anderen geguckt habe.

Was hat Ihnen an den Filmen so gut gefallen?

J. v. N.: Sie gehen immer gut aus. Für mich als Scheidungskind war das ganz wichtig – auch diese klassischen Familien, in denen immer Glück herrscht und sich Krisensituationen nach 90 Minuten in wunderbarem Wohlgefallen auflösen. Ich glaube, das hat mich gut durch meine Jugend gebracht.

Jo van Nelsen, Foto: Katrin Schander

Was hat Sie dann bis ins Erwachsenenalter an der Zeit begeistert?

J. v. N.: Es ist nach Krisenzeiten eine hohe Lebendigkeit in allem Künstlerischen. Wenn ein Krieg war, geben sich alle eine unglaubliche Mühe, Essentielles zu schaffen. Mich stärkt das. Das beinhaltet eine unglaubliche Lebensfreude, die da zu spüren ist. Ich finde das selten in Zeitgenössischem. Wir leben in einer sehr dekadenten Zeit. Wir haben zu viel. Andererseits geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Und das ist wieder eine Parallele zur Weimarer Republik. Ich finde, da müssen wir unbedingt aufpassen.

Was lieben Sie an der Musik der 20er?

J. v. N.: Dass sie so handgemacht und so gut arrangiert ist. Die Musiker damals waren Besessene.

Gilt Ihre Faszination nur der Musik und der Literatur der Weimarer Republik oder interessieren Sie sich auch für die Kunst?

J. v. N.: Auch für die Kunst. Ich mag die Arbeiten von Beckmann, Grosz, den üblichen Verdächtigen, aber auch Jeanne Mammen und Elfriede Lohse-Wächtler sind ganz große Entdeckungen. Es freut mich sehr, dass sie in der SCHIRN-Ausstellung vertreten sind.

Die Ausstellung heißt Glanz und Elend in der Weimarer Republik. Neben Revuen, einem ausschweifenden Berliner Nachtleben und der Emanzipation der „Neuen Frau“, gab es eben auch, oder besser gesagt: vor allem, Menschen, die ums nackte Überleben kämpften. In welchen Liedern und Gedichten wird dieser Gegensatz für Sie besonders spürbar?

J. v. N.: Ich würde nie ein Programm machen, das nur aus Trallalla-Schlagern besteht. Es ist die Aufgabe einer guten Dramaturgie, das Schwere so zu verkaufen, dass die Leute es schlucken können. Der „Hungerkünstler“ von Friedrich Hollaender ist so ein Lied, in dem ganz geschickt dieser allgegenwärtige Hunger in den 20er-Jahren zur Jahrmarktsattraktion erklärt wird. Ich hatte gerade Premiere mit meinem neuem Programm, in dem ich das Lied singe. Es ist irre, wie die Leute nach wie vor geschockt davon sind, weil Hunger offensichtlich eine Urangst wachruft. Es war eine ganz große Unsicherheit zu spüren, ob man da lachen darf. Oder es gibt ein wunderbares Lied von Cole Porter, „The Lost Liberty Blues“, in dem die Freiheitsstatue sich beschwert, weil keiner mehr weiß, wofür sie steht. Das ist wieder eine Parallele zur Gegenwart, in der Trump das Land isoliert.

Jo van Nelsen, Foto: Christopher Rückert

Ist es für Sie, als jemand, der sich seit Jahren mit der Weimarer Zeit beschäftigt, besonders schockierend, wenn Sie jetzt Parallelen zur Gegenwart entdecken?

J. v. N.: Klar. Aber in den 80er-Jahren hatten wir genauso Angst vor den Republikanern, die haben wir auch überlebt. Sie haben es zwar nicht in den Bundestag geschafft, aber in den Landesparlamenten waren sie drin. Und für mich als schwuler Mann war das genauso bedrohlich. Wenn man sich Geschichte anschaut, sieht man auch: Es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird. Nur muss man eben sofort agieren. Erich Kästner hat sinngemäß gesagt, dass man einen Schneeball aufhalten kann, aber keine Lawine. Ich finde es wichtig zu agieren.

Was muss ein Chanson haben, damit Sie es singen?

J. v. N.: Bei der Liedauswahl bin ich hemmungslos subjektiv. Es gibt Dinge, die mir wichtig sind. Zum Beispiel kann ich kein Programm über die 20er-Jahre machen, ohne auf das Thema Hunger zu sprechen zu kommen. Und dann gibt es Lieder, wo man sagt: Die möchte ich schon ganz lange singen, die machen Spaß.

Viele Ihrer Programme sind Grammophonlesungen. Was ist das?

J. v. N.: Ich habe mit elf Jahren angefangen Grammophone und Schellackplatten zu sammeln. Immer wieder habe ich beobachtet, wie Menschen ein Blitzen in die Augen bekommen, wenn sie Schellackplatten hören. Ich habe mich gefragt, wie ich dieses Blitzen auf die Bühne bekomme und dann hatte ich die Idee ein Weihnachtsprogramm mit Liedern vom Grammophon zu machen. Das wurde ein sehr politisches Programm, weil ich dazu Texte aus einem Buch zum Thema Weihnachten als Propagandainstrument gelesen habe. Inzwischen habe ich sieben Grammophonlesungen auf die Bühne gebracht. Ich liefere zu Texten, die ich selber lese, den Soundtrack per Schellackplatten.

Jo van Nelsen, Foto: Christopher Rückert

Am 30. November wird es in der SCHIRN die Veranstaltung „Der rasende Conférencier“ mit Ihnen geben. Was erwartet die Besucher dort?

J. v. N.: Ich präsentiere im SCHIRN Café Ausschnitte aus meinem neuen Programm „Solang nicht die Hose am Kronleuchter hängt...“ . Dabei werde ich Schlager und Chansons der Jahre 1919 bis 1933 von Friedrich Hollaender, Claire Waldorf, Willy Rosen, Rudolf Nelson und vielen anderen singen. Zwischendurch lese ich Texte, zum Beispiel von Kurt Tucholsky. Dazu werden Werke aus der Ausstellung Glanz und Elend in der Weimarer Republik an die Wand projiziert.

Jo van Nelsen, Foto: Katrin Schander